Elevate 2019 – Der komplette Ticker

Je größer und lauter desto wahrer? Dass einem diese Frage beim Betrachten der Video-Preview zur nunmehr bereits 15. Ausgabe des ELEVATE im steirischen Graz in den Kopf kommt, ist fraglos gewollt. „Real Is Fake“ brüllen einen die Wörter an und geben so die Steilvorlage zum diesjährigen Diskursthema des Festivals, das zugleich womöglich den wichtigsten Brennpunkt in Kreation und Reflektion der Gegenwart bildet: „Truth“, Wahrheit.

Man muss es dazu sagen: Beim ELEVATE ist derlei nicht nur heiße Luft. Das Festival war von Beginn an neben dem Spaß an einem scharf profilierten Musikprogramm auch am inhaltlichen Austausch interessiert. So auch anno 2019: Im Forum im Grazer Stadtpark sowie zum Auftakt am Montag im Schubert Kino (wo die Premiere der Doku „Die Mission der Lifeline“ über den gleichnamigen Dresdner Seenotrettungsverein stattfand) diskutieren Sprecherinnen und Sprecher Aspekte wie „Investigativjournalismus und Recherchenetzwerke“, „Disinformation Refugees Welcome“, „Wikipedia in der Kritik“, „Eigene Wahrheit und Selbstermächtigung“ oder „Klima Wahrheit / Klima Lügen“, um nur einige der rund 30 Beiträge zu nennen. Immer wieder im Mittelpunkt stehen dabei Aktivist*innen, die sich öffentlich gesellschaftspolitisch engagieren. In dem Zusammenhang lässt sich denn auch der Besuch der früheren Schauspielerin PAMELA ANDERSON erklären. Spaß an Musik und Graz haben wird mutmaßlich aber freilich auch sie.

Wie das Line-up überhaupt viel Grund zur Freude gibt. Ehe in Locations wie dem Orpheum, dem Parkhouse, dem Tunnel oder dem Dom im Berg (das in einem der vielen einstigen Stollen im Grazer Schloßberg untergebracht ist) Clubbing in den Morgen überführt, gehören die Bühnen in den Abendstunden einem Konzertprogramm, das sich mit viel Begeisterung für individuelle Darlings einem klaren Zuschnitt bewusst versperrt. So könnten die mutmaßlichen Highlights im Line-up, der Neoklassik-Komponist PETER BRODERICK, die Doom-Drone/Drone-Doomer SUNN O))) und den legendären Electronica-Pionieren D.A.F, die am Sonntag das Abschlusskonzert spielen, kaum einen größeren kreativen Bogen spannen. Welche Highlights sich unter den vielen weniger bekannten Acts ausfindig machen, verfolgen wir in diesem Ticker …

Foto: Johanna Lamprecht / Elevate Festival

Donnerstag, 28. Februar

Gerade rechtzeitig schaffen wir es noch ins Mausoleum. Was der Graz-unkundige Besucher für einen coolen Clubnamen halten mag, ist vielmehr genau das: ein sakraler Ort der ewigen Ruhe, ein kaiserleicher gar, von Kaiser Ferdinand II. in Auftrag gegeben und anno 1637 schließlich auch „bezogen“. Ein denkbar ungewöhnlicher Schauplatz für Konzerte also, dessen Intimität und Würde die von Warp gesignte Producer-Pianistin KELLY MORAN aus dem erweiterten Umfeld des Avantgarde-Kollektivs ONEOHTRIX POINT NEVER mit psychedelischen Kaskaden und Arpeggios so zeitgemäß wie respektvoll unterstreicht.

Diese lavalampige Glückseligkeit hätte man mit keinem krasseren Kontrast einfassen können als mit dem kurzen Auftritt von STINE JANVIN. Sirenenhaft durchschrillen die monoton-minimalistischen Strukturen ihrer Musik das Mausoleum, die Vocals mehr Signal als Instrument als Stimme. Die Intensität fasziniert und gibt doch bald Grund zu gehen, zumal spätestens jetzt die vom dicken Mauerwerk zusammengehaltene Kälte in die Knochen geht – und das am bislang wärmsten Tag des Jahres in Österreich.

Die dritte und letzte Performance des Abends sorgt für noch größere Irritation. Der US-Amerikaner PETER BRODERICK, ab 2007 für eine Weile Mitglied der dänischen Experimental-Formation EFTERKLANG, ist vor allem für seine skelettal-zarten neoklassischen Veröffentlichungen auf Erased Tapes bekannt, eröffnet sein Set aber mit einer Hand voll ungelenker Folk-Songs, die kurz Zweifel aufkommen lassen, ob man in der richtigen Show bzw. der Künstler auf der richtigen Bühne gelandet ist. Zwei wunderbare Klavierstücke später weiß man, warum den Veranstalter*innen das Booking für diesen Ort so schlüssig erschien – und auch, was man verpasst, den schon bricht Broderick wieder mit der Atmosphäre und intoniert, durch die wenigen Sitzreihen des verblüffend kleinen Raumes wandernd, ein irisches Traditional. „Patchworkidentität […] enthält einen Überschuss, der der ideologischen Vorstellung eines in sich kompletten sinnhaften Ganzen widerspricht“, liest man derweil im Essaysammelband „Handbuch für morgen“ (2014 zum zehnjährigen Jubiläum des Festivals erschienen) – und merkt, dass man in Gedanken schon anderswo ist. Der Bruch mit Erwartungshaltungen ist eine Lifeline künstlerischer Relevanz. In einem Rahmen aber und an einem Ort, der das Erlebnis ohnehin schon dem Alltäglichen entrückt, wären mehr Konzentration und ein engerer Fokus am Platz gewesen.

Foto: Elevate Festival

Freitag, 1. März

Wer das Festivalthema gedanklich in der Musik spiegelt, der ist schnell bei der Frage: Kann Musik wahr oder unwahr sein? Teilweise wahr? Mehr oder weniger wahr? Eine interessante Perspektive zu diesen Überlegungen gewinnt man an diesem zweiten Abend im Orpheum. Das einzige Varietétheater, erbaut Ende des vergangenen Jahrhunderts, bietet drei Performances die Bühne, die nicht nur im besten Sinn theatralisch sind, sondern deren Wahrheit sich unmittelbar am eigenen Körper abbildet. Anders gesagt: Man vibriert und schlackert und schwitzt. Mancher revoltiert vielleicht sogar.

Den Auftakt macht der weltbewanderte Multimedia-Künstler ROBIN FOX mit seiner 2017 uraufgeführten Arbeit Single Origin. Der Australier produziert einem über und durch die Reihen sägenden Laser einen brachial technoiden Score auf den Strahl, der Bänke und Wände wackeln lässt. Das ist sehr schnell nicht mehr faszinierend, aber in seiner Physis und Unleugbarkeit doch über die volle Dauer ein Erlebnis, dass einem Lange in den Leib eingeschrieben bleibt.

Zumal die im Anschluss auftretende FREDERIKKE HOFFMEIER alias PUCE MARY ebenso wie die Doom-Druiden von SUNN O))) mit derselben Stoßrichtung von Entrückung und Überwältigung und ähnlichen Mitteln (wie dem fast vollständigen Verzicht auf Dynamik) agieren. Lediglich der Sound wird greifbarer, organischer vielleicht: HOFFMEIER arbeitet zwar komplett elektronisch, doch dürfen ihre Produktionen sich anders als bei FOX ein wenig freier atmen und sich durch den großen Saal zittern. Bei SUNN O))) schließlich entspringt die Gewalt der Gitarre.

Foto: Elevate Festival

Samstag, 2. März

Zurück im „Handbuch für morgen“: „Durch die Ablösungen von den traditionellen Bindungen sind ExistenzbastlerInnen aus Selbstverständlichkeiten zunehmend ausgebettet […]. Die ExistenzbastlerInnen suchen daher nach Optionen zur Wiedervergemeinschaftung. Die zeitweiligen und freigewählten Kollektiveinbindungen müssen wiederum gewählt, hergestellt und mühsam gemanagt werden.“ Anders gesagt: es darf nicht nur, es muss gar getanzt werden. Gefeiert, wie es heute meist heißt, anlässlich der Selbstbestätigung ob der Richtigkeit der gezogenen Optionen zur Wiedervergemeinschaftung.

Entsprechend solide besucht war denn schon das Nachmittagsprogramm dieses ganz dem Tanz verschriebenen Tages. Im Orpheum etwa bot das lebensbejahende, eigentlich für den freien Himmel prädestinierte Set der Kanadierin JAYDA G einen Ausblick auf die Sommerfestivalsaison und den Release ihrer Debüt-LP Ende März über Ninja Tune. Im Anschluss ließ Oliver Thomas Johnson alias DORIAN CONCEPT mit einem A/V-MicroKORG-Liveset das 8-Bit-Glück gewaltig sprudeln, ehe er an die Nacht übergab. Die gehörte dann einem gewaltigen Line-Up in den Stollen des Grazer Schlossbergs, der fraglos spektakulärsten Spielstätte des Elevate. Drei davon waren aufgesperrt, der größte mit hoher Decke und breiter Bühne ein verblüffender Freiraum unter der tonnenschweren Last von Felsmassiv und Geschichte. Nach den ersten Luftangriffen gegen Österreich hatten die Nationalsozialisten die Stollen zum Schutz vor Luftangriffen in den Berg gesprengt und beim Ausbau auch Zwangsarbeiter eingesetzt. Dass hier heute die Wiedervergemeinschaftung gesucht und gefunden werden kann, wirft Fragen auf, die die Tanzfläche nicht beantworten kann.

Foto: Johanna Lamprecht / Elevate Festival

Sonntag, 3. März

Fürs Finale hat das Elevate einen Clou vorbereitet – ein Fanboy-Booking erster Klasse. Zunächst spielen LADY LYNCH die Bühne im Orpheum warm. Das Quartett um Schlagzeuger CHRISTIAN „TURBO“ SUNDL, der mit Wilhelm show me the Major Label ein kultiges Kassettenlabel betreibt, und Sängerin THERESA ADAMSKI, die sich die Chance zur Rampensauerei auch vier Monate vor der Entbindung nicht nehmen lässt, gibt an diesem Abend seinen bislang größten Gig. Ihre geradlinigen, bisweilen von schimmernden Gitarrenlinien gezierten Postpunk-Miniaturen funktionieren auch ohne die Dringlichkeit einer niedrigen, schwitzigen Clubdecke, was im besten Sinn aufzeigt, wie viel Luft nach oben für die Formation hier noch ist.

Der Tusch aber gehört zwei Musikern, die ihre besten Tage womöglich bereits hinter sich haben, auf der Schaumkrone ihrer Karriere nun aber umso sorgloser wellenreiten: GABI DELGADO-LÓPEZ und ROBERT GÖRL alias D.A.F – DEUTSCH-AMERIKANISCHE-FREUNDSCHAFT. DELGADO-LÓPEZ bellt zackig zugespitzte One-Liner über monotone Elektropunkattacken und schüttet sich in den Verschnaufpausen halben Liter um halben Liter Mineralwasser über den glattrasierten Kopf. Da die Songs kurz und das Konzert lang sind, bringt ein Roadie nach einer Weile zwölf neue Flasche auf die Bühne. „Eine richtig tolle Party, Jungs und Mädchen“, findet DELGADO-LÓPEZ und lässt sich daher auch ohne viel Zutun für eine Handvoll Zugaben auf die Bühne bitten, ehe über dem Publikum die Saalbeleuchtung an- und doch zugleich über der 2019er-Ausgabe des ELEVATE das Licht ausgeht.

ELEVATE 2019

27. Februar bis 3. März
verschiedene Locations
Graz, Österreich

www.elevate.at

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