SOMETREE - Berliner Act des Monats Oktober 2009
27.10.2009 von vg
Mit Mut zur Lücke dort ankommen, wo man eigentlich gar nicht hin wollte – was sich dann doch genau richtig anfühlt.

Es gibt Bands, die legen sich fast schon einen Masterplan für jedes Album zurecht (oder bekommen ihn wahlweise "von oberer Stelle" diktiert) und veröffentlichen am laufenden Band - über die Qualität lässt sich dann oft streiten. Und es gibt jene, die sich ihre Zeit und die Dinge so nehmen, wie sie kommen und sich von dem Druck befreien, "abliefern" zu müssen, um beispielsweise im Gespräch zu bleiben.
SOMETREE haben sich offenbar entschieden, der zweiten Kategorie anzugehören. Als wir Sänger Bernd und Drummer Björn am 23. Oktober kurz vor ihrem Konzert im Berliner Lido zum Gespräch treffen, huscht ein kleines Lächeln über Bernds Gesicht, als er – angesprochen auf die doch etwas längere Pause – konstatiert, drei Jahre wäre "ungefähr ihr Rhythmus". Yonder heißt das aktuelle Endprodukt des Quartetts und reiht sich zu Vorgängern wie Bending The Willow (2006) und Moleskine (2003) in den erwähnten Zyklus ein.
popmonitor.berlin: Auf euer neues Album Yonder musste man wieder verhältnismäßig lange warten.
Björn: Eigentlich hat es gar nicht so lange gedauert. Normalerweise veröffentlichen wir ein Album, touren sehr viel, machen danach eine kurze Pause und versuchen uns an neuen Songs. Dieses Mal haben wir uns eine etwas längere Auszeit genommen, also nicht drei Jahre an diesem Album gearbeitet, sondern vielleicht die Hälfte davon, wenn's hochkommt. Dass man langsam angefangen hat, Songs zu schreiben, alles konkreter und schließlich fertig wurde, das waren also vielleicht 1 ½ Jahre.
Wie entsteht ein Album bei euch? Ist es aufgeteilt, kommt einer mit der Grundidee und die anderen steuern das "außen rum" bei oder arbeitet ihr von Anfang alle zusammen daran?
Bernd: Inzwischen ist es so extrem unterschiedlich, dass fast alles passiert, aber grundsätzlich arbeiten wir gemeinsam an den Songs. Bis sie in die letzte Form kommen hat jeder irgendeinen Anteil daran.
Der Titel ist ungewöhnlich - "yonder" wird meist nur in Gedichten oder anderen, eher poetisch gefärbten Werken verwendet. Hat er eine tiefere Bedeutung, wie seid ihr dazu gekommen?
Bernd: Das ist bei uns wie bei den Songtiteln immer eine Art Rückkopplungsprozess. Man stolpert über das Wort, findet es erstmal schön oder merkwürdig und dann reichert sich das immer mehr an. "Yonder" begleitet uns schon ziemlich lange als Songtitel, davon haben wir ihn schließlich abgezogen. Allen hat diese Idee gefallen, und wenn man sich damit beschäftigt, kommt es immer mehr dazu, dass man merkt, dass es ein guter Name für das Album ist. Das hat oft ganz, ganz viele verschiedene Dimensionen. Als ich beispielsweise den Gesang aufgenommen habe, dachte ich immer "das Ding wird nie fertig, das ist immer 'da hinten', jeden Tag ist es wieder 'da hinten' und man kommt nie dort hin". Aber es gibt viele verschiedene Interpretationen, wir alle haben sozusagen ein gutes Gefühl und gute Fantasien dazu.
Man liest oft, dass ihr euch tendenziell eher treiben lasst, also kein festgestecktes Ziel verfolgt?
Björn: Also... wir hatten kein klares Ziel vor Augen, als wir uns an das Album gesetzt haben. Oder, doch – wir hatten vielleicht ein Ziel, aber das auf jeden Fall ziemlich schnell nicht erreicht. Wir wollten eigentlich alles live einspielen, es sollte rockiger werden, ohne großen Firlefanz, und wir wollten uns generell gar nicht so lang damit beschäftigen. Wir haben uns dann aber total lang damit beschäftigt, wir haben es nicht live eingespielt und es ist viel Firlefanz in den Songs. Von daher lässt man sich tatsächlich so ein bisschen mit den Dingen, dem Prozess und was passiert, treiben.
Ihr spielt auch viel live. Heute im Lido ist Tourstart und danach geht es, abgesehen von dem leider gestrichenen Termin in Freiburg, durchgehend bis zum 7. November weiter. Ist es denn nicht wahnsinnig anstrengend, jeden Abend auf der Bühne zu stehen?
Björn: Für unsere Verhältnisse ist das irgendwie gar nicht so viel. 2001 hatten wir eine Tour, das waren vier Wochen am Stück durch ganz Europa und da gab's vielleicht einen freien Tag. Also sind zwei fast schon relativ viel, andererseits waren wir eine ganze Weile nicht mehr so lange ununterbrochen auf Tour. Von daher hab ich schon ein bisschen Respekt, muss ich sagen.
Bernd: Ich hab da noch gar nicht drüber nachgedacht..
Im Moment beschränkt sich die Tour auf Deutschland – habt ihr auch vor, wieder ins Ausland zu gehen, wie beispielsweise 2007 mit Forward Russia durch England?
Björn: Wir waren bisher vier-, fünfmal in England und das ist auf jeden Fall immer eine Erfahrung wert, wenn auch ein hartes Pflaster – gerade für eine deutsche Band. Mal sehen, was sich Anfang nächsten Jahres so ergibt, ob man da nochmal für eine Woche rüber kann. Bisher gibt's aber noch keine festen Pläne für weitere Touren.
Whiskas von eben jenen Forward Russia ist nun wiederum euer Support mit seinem neuen Projekt Honour Before Glory. Könnt ihr denn über eure Vorbands selbst entscheiden, beziehungsweise auch, wen ihr supportet?
Bernd: Bei wem wir Support sind ergibt sich aus verschiedenen Gründen. Wer uns supportet, das können wir bis zu einem gewissen Grad bestimmen. Manchmal wird vom Veranstalter noch eine lokale Band dazu gebucht, da hat man dann nicht die 100%-ige Kontrolle. Sowohl Tobias Siebert, der unsere Platte aufgenommen hat und den zweiten Teil der Tour mitspielt, als auch Whiskas für den ersten Teil, haben wir gefragt, ob sie Lust haben, weil wir es toll fänden, wenn sie mitkommen würden. Da haben wir es dann also "bestimmt".

Ihr habt bereits im Juli im Berliner Babylon ein Vorabkonzert zu Yonder gespielt, in ziemlich speziellem Rahmen, nämlich mit Streichern, Bläsern und weiteren Gästen. Wie ist das beim Publikum angekommen?
(Lachen)
Björn: Sehr schwierig zu sagen, wir selbst haben auch wenig Erinnerung daran, weil es so ein aufregender Abend war. Wir hatten mit diesen Streichern, den Bläsern und dem Chor nie in Gänze geprobt, sondern immer nur mit den einzelnen Sektionen. Da standen also 12 oder 13 weitere Musiker auf der Bühne und wir waren sehr, sehr angespannt, ob alles überhaupt klappen und gut gehen würde. Es ist dann total an uns vorbeigerauscht, auf einmal war's vorbei und die Leute sind wieder gegangen. Uns ist ein Stein vom Herzen gefallen, auch wenn wir diesen besonderen Abend natürlich gezielt gemacht und gewollt haben. Letztendlich weiß ich also gar nicht, wie's wirklich war. Manchmal denke ich "oh man, vielleicht hätten wir doch mal mit allen proben sollen, das wäre schon besser gewesen".
Oder ihr macht es einfach nochmal.
Björn: Es ist halt verdammt viel Arbeit.
Bernd: Das war glaube ich die längste Show, die wir jemals gespielt haben, ich war hinterher extrem fertig. Wir hatten gegen zwei Uhr nachmittags den Soundcheck und sind dann nahtlos in die Show übergegangen. Also standen wir praktisch den dreiviertel Tag auf der Bühne und haben gespielt.
Davor wurde auch ein Dokumentarfilm mit Live- und Studioaufnahmen gezeigt?
Bernd: Genau. Wir haben einen Freund, der zu unserem zweiten Album, das 2002 erschienen ist, ...stimmt das?
Björn: 2001? Oder 2000?
Bernd: ...also lange her. (Lachen) Der hat jedenfalls den Entstehungsprozess des Albums gefilmt und daraus einen Dokumentarfilm gemacht. Damals war er noch Student, inzwischen dreht er richtig professionell Musikvideos. Er ist dann nach Berlin gezogen und meinte "ich begleite euch nochmal, wenn ihr mit Snow Patrol auf Tour geht, filme wieder und dann zeigen wir 'nen Film". Bei der Veröffentlichung von "Sold Heart To The One" haben wir auch einen Film gezeigt und in einem Kino gespielt. Allerdings alleine und ohne Streicher... damals gab's noch keine Streicher oder andere, additive Instrumente. Also war es so eine Art Revival für uns, in dieser Hinsicht.
Apropos Snow Patrol. Ihr habt dieses Jahr in deren Vorprogramm gespielt und daher auch in großen Hallen – wie war das?
Björn: Eine gute Erfahrung! Das waren riesige Hallen, in denen wir vorher noch nie gespielt haben. Ich glaube in Düsseldorf waren's ungefähr 6000 Leute und das ist dann schon ein bisschen surreal. Du gehst auf die Bühne, spielst und kannst gar nicht einschätzen, wie viele Leute eigentlich da sind. Natürlich waren sicherlich einige im Publikum, die es nicht so verstanden haben oder verstört waren von unserer Art Musik, aber ich glaube, wir sind auch auf ein paar... wohlwollende Ohren gestoßen.
Das auf jeden Fall. Ich habe begeisterte Stimmen gehört.
Björn: Es war auf jeden Fall auch sehr interessant, mal eine derartig große Produktion mitzubekommen, was hinter der Bühne los ist. Und die Jungs waren sehr nett.
Merkt man als Künstler eigentlich, was vor der Bühne passiert oder ist an der Kante Schluss und es macht keinen Unterschied, wie viele dann davor stehen?
Bernd: Ich weiß nicht, wie die anderen damit umgehen. Für mich ist es eher unbedeutend, man verliert sozusagen den Bezug dazu, ob es nun 6000, oder 4000 oder 3000 sind – es ist komplett egal. Wenn man vorher hinter der Bühne steht und mal rein guckt, dann bekommt man schon irgendwie ein komisches Gefühl. In dem Moment, wo man schließlich auf die Bühne geht, lässt man das aber fallen und spielt einfach die Show. Wobei es natürlich ein anderes Geräusch ist, wenn statt 80 Leuten 6000 klatschen. (Lachen)
Wir würden uns auf jeden Fall freuen, wenn ihr auch nochmal im Rahmen von popmonitor.berlin.live spielen würdet.
Björn: Vielleicht nicht mehr dieses Jahr, das ist ja auch bald vorbei. Aber nächstes Jahr – sehr gerne.
Inzwischen hatte sich das Lido dann auch schon langsam zu füllen begonnen und wir wollten die beiden nicht mehr länger festhalten. War auch gut so, denn sonst hätten wir ein wunderschönes Konzert verpasst.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Album:
SOMETREE
Yonder
(Pop-U-Loud / PIAS)
VÖ: 18.09.2009
SOMETREE auf Tour:
25.10.2009 München Orangehouse
26.10.2009 Stuttgart Universum
28.10.2009 Frankfurt Das Bett
29.10.2009 A - Wien B72
30.10.2009 Dortmund Inside Club (20 Jahre Visions)
31.10.2009 Leipzig Moritzbastei
01.11.2009 Köln Die Werkstatt
02.11.2009 Oberhausen Druckluft
03.11.2009 Heidelberg Zum Teufel
04.11.2009 Würzburg Cairo
05.11.2009 Hamburg Hafenklang
06.11.2009 Hannover Bei Chez Heinz
07.11.2009 Bremen Tower
http://www.sometree.com
http://www.myspace.com/thisissometree
http://www.myspace.com/honourbeforeglory
http://www.myspace.com/andthegoldenchoir
Autor: Verena Gistl
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