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  Interview mit HELGI JONSSON
Interview mit HELGI JONSSON
18.11.2009 von sw


Der isländische Posaunist und Songwriter über seine Zeit in Österreich, seine künstlerische Enwicklung und fragwürdige kulinarische Freuden.





Helgi Jonsson ist eine ganz besondere Pflanze im wilden Garten der Singer/Songwriter. Der Isländer, der acht Jahre in Österreich gelebt hat, studierte zunächst klassische Posaune. Nach spannenden Zusammenarbeiten mit Island’s finest wie Sigur Rós oder Teitur konzentriert sich der Klangtüftler nun auf seine Solokarriere mit Gesang und Gitarre. Sein aktuelles Album For The Rest Of My Childhood ist ein wahres Juwel und spiegelt die Andersartigkeit und Exzentrik dieses Querdenkers wider. „Ich will ein Geflecht feiner Beziehungen zwischen Song, Sound und Text spinnen,“ sagt Helgi, und dass er diese Theorie mühelos in die Praxis umsetzt, merkt man schon beim Hören der allerersten Klänge seines Zweitwerks. Soundlandschaften im wahrsten Sinne des Wortes sind das, durch die immer wieder die zugleich traurig-schaurige wie schöne Stimme des Mannes klingt, der sich eigentlich gar nicht als Liedermacher sieht. Musik zum Zuhören, Songs, die irgendwie (sehn-)süchtig machen. Das ist die wunderbare Welt des Helgi Hrafn Jonsson. Dass darin aber auch Tatsachen vorkommen, die für zarte Gemüter durchaus schockierend sein könnten, das hat uns Helgi unumwunden in Madrid verraten, wo er als Teil der ‚Whale Watching Tour’ mit anderen isländischen Künstlern auftrat.

popmonitor.berlin: Was hat Dich denn, bitteschön, nach Österreich verschlagen?
Helgi: Ein ziemlicher Zufall eigentlich. Ich wollte immer in Amerika studieren und war als Teenager sehr oft dort, hab die Summer School für klassische Musik besucht. Ich hatte in New York einen Privatlehrer, bei dem ich gern Posaune studieren wollte, aber die Aufnahmeprüfung für die Schule hab ich nicht geschafft. Er meinte dann: „Geh ein Jahr nach Europa und versuch es dann noch mal“ und hat mir einen Professor in Graz empfohlen. Und dann hab ich da angefangen zu studieren und bin da nicht mehr rausgekommen. (lacht).

Und wie ging es dann nach dem Studium weiter?
Helgi: Schon während des Studiums hab ich in Bands gespielt, wir waren in Österreich sogar ziemlich erfolgreich, mit Jazz und solchen Sachen...und dann hab ich noch drei Jahre in Wien gelebt, bevor ich dann nach Island zurück bin.

Es heißt, Du hast schon als Jugendlicher mit dem Posaunespielen angefangen. Eine eher ungewöhnliche Instrumentenwahl bei einem jungen Bub, oder?
Helgi: Stimmt, aber mein Bruder, der zwei Jahre älter ist als ich, hat damals Klarinette gespielt und schon mit 6 oder 7 Jahren habe ich ihn zu seinen Proben mit der Blaskapelle begleitet. Da hab ich mir alle Instrumente angesehen und die Posaune hat mich am meisten beeindruckt.

Dein Bruder ist also schuld.
Helgi: Ja! Es ist aber wirklich ein wunderbares Instrument.

Macht er denn heute auch noch Musik?
Helgi: Sehr, sehr selten. Er wohnt in Schweden und war neulich in Island mit seinem neugeborenen Sohn. Ich habe da gerade für Damien Rice aufgenommen und dafür hat mein Bruder zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder Klarinette gespielt.

Wie kam dann der Schwenk zur doch eher profanen Gitarre?
Helgi: Es ist einfach praktisch...da kann man gleichzeitig spielen und singen. Klavier spiele ich auch. Es hat sich in den letzten Jahren schon dahin entwickelt, dass ich eher Sänger bin als Posaunist.

Woher holst Du Dir die Eindrücke, die dann in Deine Musik einfließen?
Helgi: Im Grunde inspiriert mich die Musik selbst, wenn man das so sagen kann. Ich bin eigentlich gar kein Singer/Songwriter.
Warum nicht?
Helgi: ..nicht so ein Liedermacher, der eigentlich ein Dichter ist, der sehr Lyrics-lastig ist.
Also zählt die Melodie mehr als der Text?
Helgi: Ja genau. Ich lebe einfach in einer musikalischen Welt. Gute Lyrics sind sehr viel wert, aber für mich steht das immer an zweiter Stelle. Es gab erst einen Song überhaupt, wo der Inhalt sehr stark war, bei ,Digging Up A Tree’. Der ist ja auch ganz anders als das, was ich sonst mache.

Welche Musik hörst Du selbst am liebsten?
Helgi: Alles Mögliche. Zur Zeit höre ich gerade sehr oft die Band ,Low', im Sommer habe ich sehr viel ,Tegan & Sara' gehört und seitdem ich Teenager bin, sind ,Radiohead' die größten für mich. Und natürlich viel klassische Musik, Klaviermusik. Aber es gibt auch Phasen, wo ich überhaupt keine Musik höre. Ein Komponist und Musiker, den ich sehr gerne mag, hat mir genau das gesagt: „Eigentlich höre ich gar keine Musik.“ Ich konnte das damals nicht nachvollziehen, aber jetzt merke ich, dass das wichtig ist.

Du hast also nicht ständig den Ipod am Ohr und hörst auch kein Radio?
Helgi: Nein, im Radio höre ich nur die Nachrichten vom BBC World Service.

Wie würdest Du Dein aktuelles Album For The Rest Of My Childhood in einem Satz beschreiben?
Helgi: Das ist die Platte, die ich gemacht habe, nachdem ich vor zwei Jahren zurück nach Island gegangen bin.

Warum bist Du denn eigentlich zurückgegangen...keine Lust mehr auf Österreich?
Helgi: Das Zurückkommen war genauso wichtig wie das Rausgehen. In Österreich ist es sehr angenehm geworden, ich hatte unglaublich gute Freunde, habe in einer super Gruppe gespielt...aber für meine Musik selbst war es nicht mehr richtig dort. In Österreich gibt es eine starke Spannung zwischen dem, was dort war – Österreich als Wiege der westlichen Kunst zum Beispiel – und dem, was es heute ist. Es herrscht dort eine gespaltene Stimmung, weil man auf diesem Gebiet als Österreicher nicht mehr wirklich was zu sagen hat. Selbst wenn man als Ausländer dort ist, wird man von dieser Art zu denken beeinflusst. Und mich hat das nicht mehr weitergebracht. Ich war bereit, auf diese Reise zu gehen.

Du bist heute hier in Madrid als Teil der ,Whale Watching Tour.’ Du hast sicherlich schon viele Wale in Deinem Leben gesehen, oder?
Helgi: Ohja, einige Wale.
Und, wie war das so für Dich?
Helgi: Schön. Das sind großartige Tiere, in Island kann man sehr schön auf Whalewatching-Tour gehen. Aber, jetzt kommt das Schockierende: Ich esse auch sehr gerne Wal...
Nein, das ist nicht Dein Ernst!
Helgi: Oh doch, unbedingt. Walfleisch ist wahnsinnig gut.
Ist das nicht total fettig?
Helgi: Nein, nein, es ist sehr mager. Sie haben außen diese Fettschicht, aber die ist nur zur Isolierung, die isst man nicht. Am liebsten esse ich es wie ein Steak. Du musst Dir einfach ein riesiges Rinderfilet vorstellen. Mit dem Walfang ist es so eine empfindliche Geschichte. Viele Leute wissen gar nicht, dass es verschiedene Walarten gibt. Die Minkwale, die wir am meisten fangen, gibt es total häufig, die fressen selber total viel Dorsch. Das ist doch eine total umweltfreundliche Fleischproduktion, die sind nicht klimaschädigend wie die Rinder zum Beispiel. Ich bin völlig pro sinnvollen Walfang. Was die Japaner machen, ist natürlich ganz was anderes und nicht in Ordnung.

Davon wirst Du aber nicht heute Nacht träumen, oder?
Helgi: Interessante Frage...wir sind mit dem Nightlinerbus unterwegs. Seit fast einem Jahr bin ich damit nicht mehr gefahren ...dann wird es wohl schwierig mit dem Schlafen......nein, ich liebe es! Ich schlafe nie besser als im Tourbus. Für heute Nacht wünsche ich mir aber nur, dass ich ruhig und tief schlafen kann. Das sind die besten Nächte, in denen ich traumlos schlafe, aufwache und höchstens drei Minuten liegen bleibe und dann bereit für den Tag bin. So war es zum Beispiel heute.

Helgi, vielen Dank für das Gespräch, ein tolles Konzert und eine geruhsame Nacht.

aktuelles Album:
For The Rest Of My Childhood

Sevenahalf Records (Broken Silence)

HELGI JONSSON am Sonntag, 29.11.09 im Admiralspalast.

Ein Extra-Schmankerl für alle diejenigen, die am Sonntag keine Zeit haben:
Auf den Seiten der Tourpräsentatoren wird Helgi Jonsson am Donnerstag (19.11.09 um 20.00) eine exklusive Livessession geben.
Das Akustik-Konzert könnt ihr auf diesen Seiten verfolgen: Tonspion.de, Whitetapes.de, Schallgrenzen.de, Kulturnews.de und Bytefm.de


http://www.helgijonsson.com
http://www.myspace.com/helgijonsson
http://www.admiralspalast.de

Autor: Sandra Wickert


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