KISSOGRAM – Berliner Act des Monats März 2010
24.03.2010 von ts
Dr. Jekyll & Mr. Hyde.
KISSOGRAM, die inzwischen durch den Schlagzeuger Joe Dilworth (ex-Stereolab, Add N To X) zum Trio erweiterten smarten Berliner Indie-Hipster um Jonas Poppe und Sebastian Dassé überraschten auf ihrem im vergangenen Jahr erschienenen dritten Album Rubber & Meat (CD-Kritik) mit einer schon mal eigenwillig aufbereiteten, verdichteten Rock-Ausformulierung, ohne dabei nun aber einer (für sie) völlig selbstverständlichen und auf den Vorgängeralben bereits ausgiebig artikulierten stilistischen Vielstimmigkeit zwischen Indie, Electro, Wave und Rock’n’Roll auch nur annähernd zu entsagen.
Kurz vor ihrem Auftritt anlässlich des dritten Popmonitor-Geburtstags am Freitag, den 19.03. im Roten Salon der Volksbühne (w/ ROMAN FISCHER) sprachen wir mit Jonas Poppe u.a. über die kürzlich bekanntgegebene Insolvenz von Louisville Records, den Toursupport für Franz Ferdinand durch Europa und Asien sowie die sich langsam abzeichnende Rückverwandlung der Band in einen "elektronischen Dr. Jekyll".
popmonitor.berlin: 2009 war ja ein durchweg ereignisreiches Kissogram-Jahr (u.a. Veröffentlichung des neuen, dritten Albums Rubber & Meat, massives Radio-Airplay für die Singles 'The Deserter' und 'Rubber & Meat', Toursupport für Franz Ferdinand). Wie und wo würdet Ihr es im Kontext der Bandgeschichte einordnen?
Jonas Poppe: Im Kontext einer Stevenson'schen Verwandlung in eine Rockband. Nachdem wir ein paar Mittelchen geschluckt hatten, wuchs mir plötzlich eine rote Fender-Gitarre um den Bauch. Wie durch ein Wunder wuchsen Sebastian die Haare, und aus dem Nichts entstand Beelzebub Dilworth. Wir wissen nicht, wie lange wir noch eine Rockband bleiben müssen, aber es hat großen Spaß gemacht bisher. Aber es bahnt sich langsam, langsam eine Rückverwandlung in den elektronischen Dr. Jekyll an.
Seit einiger Zeit erweitert Joe Dilworth (ex-Stereolab, Add N To X) den Kissogram-Nukleus am Schlagzeug. Würdet Ihr ihn inzwischen als vollwertiges Mitglied betrachten, ist er auch beim Songwriting involviert und inwieweit wirkt sich diese neue Dreierkonstellation auf den Sound bzw. die Herangehensweise an neue Stücke aus?
Am Songwriting ist er nicht beteiligt bisher, aber als vollwertig würde ich Joe schon bezeichnen. Wir proben nachher, da werde ich ihn mal fragen, wie er das sieht. Die Herangehensweise sah/sieht so aus, dass wir in feuchten Kellern proben, anstatt mit wichtigem Gesichtsausdruck Oszillatoren zu bedienen und geisteskranke Klangexperimente zu machen. Der Sound ist jetzt natürlich etwas anders. Druckvoller und roher, passender zu den Songs auf unserem letzten Album.
Auch auf Rubber & Meat findet sich sich ja hier und da wieder dieser von Euch von jeher gepflegte orientalisch anmutende Touch. Woher rührt das Faible, Balkanpop-Einflüsse in einen Indie/Electro-Kontext zu integrieren sowie generell das Faible für einen stets explizit ausformulierten Stil-Pluralismus?
Ich wundere mich, warum die orientalische Musik und die westliche Musik nicht viel eher zusammengefunden haben und warum es nach wie vor nur wenige gute Beispiele für tonal- und genreübergreifende Musik gibt. "The Devil's Anvil" waren ein sehr gutes Beispiel (USA, 67), aber auch Kaleidoscope, Orient Express und viele großartige türkische Bands. Natürlich auch die alten griechischen Rembetika. Aber viel gibt es nicht. Warum eigentlich? Ich liebe arabische und türkische Musik, und für mich wird Musik immer dort spannend, wo sie die ausgetretenen Harmoniepfade auch mal verlässt. Natürlich mag ich auch einen "reinen", schwarzen Blues, aber nichts ist unsinniger als Stilreinheit zu predigen (die es eigentlich ohnehin nicht gibt) und alles andere als "Crossover" oder Eklektizismus zu verunglimpfen. Übrigens habe ich neuerdings ein türkisch-arabisches Rock'n'Roll-DJ-Set, mit dem ich des Öfteren in Berlin unterwegs bin.
Auf Rubber & Meat habt Ihr mit Pelle Gunnerfeldt (The Hives, The International Noise Conspiracy) in Schweden zusammengearbeitet, auf den ersten Blick eine zumindest ungewöhnliche Wahl. Wie kam es dazu, und wie hat diese Kollaboration das Gesamtergebnis beeinflusst?
Ich fand das nur konsequent. Da wir uns in eine Rockband verwandelt hatten, musste ein Rock-Produzent her. Entsprechend dick ist das Produkt geworden, laut und stark komprimiert. Ihm hat unser Album sehr gut gefallen, was mir persönlich wichtig war, damit er mit der nötigen Leidenschaft ans Werk gehen konnte.
Zu den Highlights im vergangenen Jahr zählte sicherlich die Supporttour durch Europa und Japan mit Franz Ferdinand. Wie entstand der Kontakt, und inwieweit hat Euch das als Band weiter gebracht? Welche Erfahrungen habt Ihr in großen Venues vor großem Publikum (bspw. auch in der Berliner Columbiahalle) und generell im Ausland gemacht? Gibt es die eine oder andere besonders erzählenswerte Anekdote?
Der Kontakt entstand über Joe. Wir trafen uns alle irgendwann relativ zufällig in einer Kneipe auf der Torstraße., die jetzt leider dichtgemacht hat. Die gute alte Musikerklause. Dann haben wir eine ruhige oder auch eine nervöse Billiardkugel geschoben und ein paar gemütliche Schnäpse gekippt. Dann waren wir plötzlich in Warschau mit Franz Ferdinand. Das hat denen sehr gut gefallen und sie haben uns gefragt, ob wir auf deren große Europa-Tour mitkommen wollen. In großen Hallen zu spielen, macht mir sehr großen Spaß. Ab einer bestimmten Größe, sagen wir 5000 Leute, bekommt das Ganze etwas Irreales. Man fühlt sich irgendwann wieder anonym und vollkommen frei. Anekdoten gibt es zuhauf. Ich habe einen langen Tourbericht geschrieben, vielleicht sollte ich den mal ins Netz stellen. Unsere Konfrontation mit der bayrischen Polizei, ohne dass wir uns etwas zuschulden haben kommen lassen, war absurd. Oder der Brief der angeblichen Stripperinnen, der uns von Alex Kapranos ins Backstage gebracht wurde (siehe myspace-Fotos). Es war jedenfalls viel los auf der Tour. Auch in Tokyo. Man kann mit FF sehr gut feiern. Es sind wirklich äußerst sympathische Typen.
Euer Label Louisville Records, auf dem Ihr eure bisherigen drei Alben veröffentlicht habt, musste Anfang März leider Insolvenz anmelden. Kam die Nachricht für Euch überraschend oder zeichnete sich eine diesbezügliche Entwicklung vielleicht schon seit längerem ab?
Das dachten wir uns, dass das irgendwann passiert. Es hätte schon viel früher passieren können.
Neben zahlreichen Sympathie- und "Trauer"bekundungen konnte man in diversen Internetforen bzgl. des Aus von Louisville auch schon mal relativ hämische und zynische Kommentare nach dem Motto "nicht schade drum" lesen. Wie erklärt Ihr euch das?
Ich finde das übel. Denn es geht den Allerwenigsten um Musik und um die Bands. Es gab schon immer viele, die anscheinend persönliche Probleme mit Patrick Wagner hatten. Wahrscheinlich wegen seiner polarisierenden, deutlichen, manchmal überzogenen Art, Dinge beim Namen zu nennen. Patrick hat sich Feinde gemacht, das ist klar. Andererseits weiß ich, dass das Musikbusiness ziemlich schmutzig sein kann und ist und dass sich viele Opportunisten und andere Leute übelster Sorte dort tummeln, und es ist gut und wichtig, dies mal auszusprechen und auch Namen zu nennen, so wie er das getan hat. Seine "Fuck You All"-Party war in dieser Hinsicht vielleicht ein Fehler. Wahrscheinlich auch einfach blöd. Aber die Häme und der Dreck, die aus der Anonymität heraus im Netz ausgeschüttet werden, sind mit Sicherheit moralisch noch viel schlaffer. Es soll um Musik gehen, alles andere ist doch hier nicht wichtig. Und es gab gute Musik auf Louisville, finde ich.
In der Tat. Steht Ihr denn bereits in Kontakt mit anderen Labels für kommende Veröffentlichungen, und inwiefern seht Ihr überhaupt noch die Notwendigkeit einer Labelveröffentlichung in Zeiten, in denen viele Künstler mehr und mehr die Do-it-yourself-Schiene fahren und ihre Songs/Alben selbst übers Internet vertreiben?
Wir haben uns darüber noch gar keine Gedanken gemacht. Ich würde gerne vieles allein machen, aber es ist immer auch eine Zeitfrage. Und man muss auch eine gewisse Skrupellosigkeit an den Tag legen können, wenn man über den eigenen Wert verhandelt. Selbstvermarktung liegt mir leider überhaupt nicht. Außerdem kann ich nicht mit Geld umgehen und verliere immer alle Rechnungen, Quittungen, Verträge usw. Aber an sich ist es eine gute Sache, dass es heutzutage fast jeder selbst in die Hand nehmen kann und man nicht unbedingt auf ein wohlwollendes Label mit genügend Kohle angewiesen ist.
Was ist für 2010 noch geplant, und was können die Fans/Besucher von eurem Auftritt am 19.03. im Roten Salon im Rahmen von "3 Jahre Popmonitor" erwarten, vielleicht den einen oder anderen neuen Song oder sonstige "Überraschungen"?
Wir wissen noch nicht genau, was wir 2010 machen. Wir werden wieder ein bisschen herumreisen in der Welt, hoffentlich. Wir haben einen neuen Song fertig, den ich für ein Amnesty-International-Projekt geschrieben habe. Vielleicht schaffen wir eine Live-Version am Freitag im Roten Salon.
KISSOGRAM am Freitag, 19.03.2010 live im Roten Salon (***Party 3 Jahre Popmonitor*** w/ ROMAN FISCHER + DJs)
www.myspace.com/kissogram
www.kissogram.de
Autor: Thomas Stern
|
|