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  SAND.IG – Berliner Act des Monats April 2011
SAND.IG – Berliner Act des Monats April 2011
12.04.2011 von ts


Neue Songs und alte Männer.






Update: SAND.IG am Freitag, 19.08.11 live @ Dazzle Danzclub (Prenzlauer Berg, Danziger Str. 1, U-Bhf. Eberswalder Str. / Tram M10) w/ SISTERBUTTERFLY

Von der Kritik von Beginn an für ihren eigenwillig-abwechslungsreichen, von Bands wie Einstürzende Neubauten, Sandow, Sonic Youth oder Deus beeinflussten Sound und die anspruchsvollen Texte gefeiert, lösten sich die 2001 noch unter dem Namen Sand gegründeten SAND.IG nach der Veröffentlichung ihres Debütalbums Waren des täglichen Bedarfs Anfang 2006 dennoch überraschenderweise auf, um sich fortan neuen musikalischen Projekten und anderen wichtigen Dingen privater Natur zu widmen.

Nach gut vierjähriger Auszeit kam es Anfang 2010 zu ersten zarten Annäherungsversuchen und schließlich zur Reunion der inzwischen zum Quintett angewachsenen Band, die den neu entfachten Spirit umgehend in kreative, sich nachhaltig manifestierende Energie umzusetzen vermochte und mit Still nun gar schon eine neue, sechs Songs starke EP veröffentlichen wird, die bei der Release-Party am 15.04. im NBI exklusiv erhältlich sein wird.

Kurz vor der EP-Release-Party am kommenden Freitag (zusammen mit den Lautfrosch Records-Labelkollegen von 2 JAHRE FERIEN) standen uns Stephan Brüning (Stimme, Gitarre) und Robert Goldbach (Gitarre) noch für ein ausführliches Interview zur Verfügung.


Popmonitor: Wieso kam es ausgerechnet nach der Veröffentlichung des von der Kritik allenthalben gefeierten 2005er Debütalbums Waren des täglichen Bedarfs zur Trennung der Band? Stand dabei wirklich die Fokussierung auf Studium, Jobs, Familiengründung etc. im Vordergrund oder handelte es sich schlichtweg um einen klassischen Split infolge eines gewissen Ausgebranntseins oder gar unüberbrückbarer "künstlerischer Differenzen" untereinander?

Robert: Alle diese Faktoren haben dabei eine Rolle gespielt. Rückblickend muss man sagen, dass unsere Erwartungen an die Veröffentlichung von Waren des täglichen Bedarfs insgesamt höher waren. In der breiten Öffentlichkeit ist die Scheibe schlichtweg untergegangen, auch in den relevanten Zeitschriften waren wir nicht präsent. Wir hatten das Album bei einem Label herausgebracht, das zum Zeitpunkt der VÖ schon offiziell Geschichte war und nichts in Promo und Anzeigen investieren konnte. Wir haben keine ordentliche Tour spielen können … der erwartete Schritt nach vorne ist jedenfalls ausgeblieben. Auch innerhalb der Band war die Zeit nach der Veröffentlichung ein rechter Krampf, wir haben keine neuen Songs mehr fertig gebracht, weil unsere Ansprüche an uns so hoch waren. Zu Desillusionierung und Schaffenskrise kam dann persönlicher Stress, wenig Zeit und ein paar Differenzen untereinander – das hat dann dazu geführt, dass wir die Notbremse gezogen haben.

Im vergangenen Jahr kam es dann nach "zarten Annäherungsversuchen" zur Reunion. Was genau war die ursprüngliche Triebfeder zur Wiederbelebung der Band und wie kann man sich diese "Annäherungsversuche" vorstellen? Waren alle Originalmitglieder involviert?

Robert: Wir sind die ganze Zeit in Kontakt geblieben. Ich bin 2007 bei Maiks Band Sirkorski eingestiegen, bei der auch unser heutiger neuer fünfter Mann Christoph Walgenbach mitgespielt hat. Zudem haben wir die Band "Survival Kid" gegründet, bei der mit Maik, Sebastian und mir schon 3/4 von Sand.IG beteiligt waren. Dadurch, dass das vierte Bandmitglied, Björn Budde, der sonst bei "14tägig anders" spielt, in Magdeburg lebt, war das organisatorisch auch ein eher schwieriges Projekt. Irgendwann hat Maik dann die Initiative ergriffen und Stephan angerufen, um zu sehen, ob er Lust hat, mal wieder mit uns zu spielen. Und ab dem Moment, in dem wir wieder mit Stephan gespielt haben, war die Band mehr SAND.IG als Survival Kid. Wir hatten das ja eher als einen Neuanfang als als eine Wiedervereinigung angedacht, aber letztlich haben wir wieder die alten Songs gespielt, da wäre es verwirrend gewesen, das als etwas anderes zu verkaufen.

Stimmte die so genannte Bandchemie gleich von der ersten Sekunde an oder gab es eine längere Phase der ersten Annäherung? Immerhin erscheint ja dieser Tage bereits eine neue EP mit sechs neuen Songs. War dies von Beginn an geplant, gab es also so etwas wie einen Masterplan, der mit der Reunion einherging?

Robert: Wir funktionieren als Songschreiber viel besser als vor der Trennung. Wir haben einfach eine bessere Aufgabenteilung gefunden und sind produktiver als je zuvor. Das Gefühl "Hey, da geht was" war in den ersten Proben ziemlich schnell wieder da. Dass es zu einer Reunion kommt, wie wir sie jetzt durchziehen, war nie der Plan, und ich hätte auch vor zwei Jahren selbst nicht daran geglaubt. Die Band ist aber trotzdem nicht ganz die alte, da wir mit Christoph Walgenbach an den Synths nun ein fünftes Bandmitglied haben und Sounds integrieren, die wir so noch nie hatten. Hier sind wir immer noch dabei, uns als Band neu zu finden. Es ist aber in jedem Fall eine Bereicherung.





Von der Presse von Beginn an attestierte Attribute wie "energiegeladen", "abgefahren", "eigenständig" oder "vielschichtig" sind definitiv auch im Jahre 2011 für die neue EP Still zutreffend. Auch diesmal gehen das Melodiös-Melancholische und das Wütend-Verstörerische eine ganz wunderbare, nahezu perfekte Symbiose ein. Einige Songs (wie der Opener 'Wir Sind Sand' oder 'Der Brief') klingen gar noch ein wenig dringlicher in Sound und Aussage. Keine Spur von einer gewissen "Altersmilde"?

Robert: Das freut mich jetzt erstmal, dass du die neuen Songs so beschreibst. Wir altern zwar, aber deswegen fangen wir jetzt nicht an, Countrymusik zu machen. Die Intensität beim Spielen ist etwas, was uns schon immer ausgezeichnet hat, und das ist das, was SAND.IG für mich ausmacht. Wenn wir zusammen spielen, baut sich einfach immer eine Menge Energie auf. Und wenn man nicht wirklich für seine Musik brennt und sein ganzes Herzblut einfließen lässt, kann man es auch bleiben lassen und sich ein anderes Hobby suchen. Zudem ist nicht zu befürchten, dass in Stephans Leben jemals alles so gut werden wird, dass er keine solchen Texte mehr schreiben kann.

Wie würdest Du den Unterschied zu den ersten Veröffentlichungen selbst sehen, würdest Du von einer "konsequenten Weiterentwicklung" sprechen?

Robert: Ich empfinde es schon so, dass wir musikalisch reifer geworden sind und auch mehr Melodie zulassen als je zuvor – um nicht zu sagen: Pop. Solche Sachen wie 'Der Brief' mit seinem relativ ruhigen Anfang – das haben wir so bislang noch nicht gemacht. Mit den elektronischen Sounds und Synthie-Stimmen, die Christoph jetzt einbringen kann, haben wir ein großes Potenzial zur Weiterentwicklung. Still war da erst der Anfang.

Auch auf Still findet sich in Euren Texten wieder eine ausgewogene Balance zwischen abstrakter Kopflastigkeit, augenzwinkernder Ironie und lyrischer Leichtigkeit. Es scheint, als ginge es bei SAND.IG 2011 thematisch in erster Linie um eine gewisse Unentschiedenheit zwischen dem weiterhin vorhandenen Willen zum Aufbegehren in bester Punk-Tradition und einer Neuorientierung hin zu einer Art von neuer Innerlichkeit (anhand der metaphorisch aufbereiteten Stadt-Land-Dichotomie) als Ausdruck neuer Lebensumstände bzw. –inhalte. Würdet Ihr dem zustimmen?

Stephan: Aus meiner Sicht ging es immer um die Stationen einer Idee vom Leben, natürlich auch des Empfindens dessen, was ich "am Leben sein" nenne und des ganz persönlichen Scheiterns. Alle Texte sind autobiographisch, unmittelbar erlebt. Allein aus meiner Biographie ergeben sich Abgründe zwischen dem Anspruch an ein rebellisches Leben und der ernüchternen Realität meines Jobs. Ich würde die neue EP als Konzeptscheibe bezeichnen, da es in Hinsicht auf die Texte schon ein Reisebericht ist, in die Stille. 'Wir sind Sand' - die Stadt brennt. 'Dahin dorthin'- die Mittel unser Reisen. 'Der Brief' - eine Erinnerung an die einstige Liebe und der Grund, warum ich eigentlich nach Berlin gekommen bin (Original 1997), 'Still' - das Fazit, Bestandsaufnahme, der Grund meiner Abreise, 'Neue Heimat' - der Blick auf das neue Land, die Erwartungen, das Gefühl während der Reise, 'Es war wahr', der absolute Aufschlagspunkt, das Scheitern auf ganzer Linie. Wir können letztendlich dem nur zustimmen, wenn von einer neuen Innerlichkeit gesprochen wird.

Auch der Darstellung des alltäglichen Irrsinns aus der Sicht und mit den Mitteln des vielleicht ebenso "verrückten" Künstlers getreu des Mottos "Die Welt ist verrückt" (auch aus dem älteren Song 'Tom Turm') wird generell nach wie vor genügend Platz eingeräumt (quasi als leitmotivischer Überbau)?

Stephan: Das ganze System unserer Gemeinschaft basiert nur auf Angst, fallen Feindbilder weg, werden diese prompt ersetzt und diese werden noch brutaler und vernichtender dargestellt als die, die vorher da waren. Die Möglichkeiten noch verrückter zu werden, waren nie so vielfältig wie heute. Ich bin dankbar dafür. Mach die Tür auf und Geschichten laufen dir quasi in die Arme. Halt sie fest und mach nen Lied draus.





Täuscht der Eindruck oder waren die zurückliegenden Monate und Aufnahmen für die EP ein immenser Kraftakt, an dessen Ende jetzt die die Veröffentlichung inkl. liebevoll-aufwändig gestalteter CD-Aufmachung und das Release-Konzert im NBI stehen. Die weitere Zunkunft der Band scheint indes offen, wie ist der diesbezügliche Stand?

Stephan: Dabei muss ganz klar auch der Entstehungsprozeß der Songs betrachtet werden. So sind mir z.B. 'Dahin dorthin' und 'Neue Heimat' als Proberaummitschnitt zugesandt worden, und ich habe daraufhin zu Hause an den Texten gearbeitet und diese eingebettet. 'Der Brief' und 'Still' sind eigentlich Akustiklieder in 4-Track-Qualität, die von mir zu Hause eingespielt worden und dann von Robert in Heimarbeit in einen Kapellenstatus erhoben worden sind, d.h. er hat gemixt und gesampelt. 'Es war wahr' hat einen starken autobiographischen Bezug auf das Scheitern meiner großen Liebe zu einer Frau.

Wir haben in der Band alle unsere Nebenprojekte laufen und wir haben auch mitbekommen, dass sich alles plötzlich so schnell ändern kann, so dass die Planung einer gemeinsamen Zukunft nie eigentlich da war und wir von Jahreszeit zu Jahreszeit und von Befindlichkeit zu Befindlichkeit entscheiden, wie es weitergeht. Ich mache mich da nicht so fest, und siehe da, lebe ich und schaffe ich entspannter. Auch der Druck ist kein so großer mehr, wie nach Waren des täglichen Bedarfs. Ein Kraftakt ist es immer, wenn Du was zu sagen hast.

Beim Release-Abend im NBI werden die Lautfrosch-Labelkollegen von 2 JAHRE FERIEN mit von der Partie sein, die auch an der Produktion von Still beteiligt waren. Wie kam es eigentlich dazu, Still auf Lautfrosch Records zu veröffentlichen?

Stephan: Es hat sich einfach angeboten, da Olaf von Lautfrosch Records uns die ganzen Aufnahmen über betreut hat und unser alter Labelvertrag bei "Maldoror" ausgelaufen ist. Ich mag die alte Atze Olaf eben auch sehr gerne und ich fand die Art des Zusammenarbeitens einfach entspannt.

Was können die Besucher vom NBI-Abend erwarten, sind irgendwelche Specials, Überraschungen o.ä. geplant?

Stephan: Kikeriki und neue Songs und alte Männer (wir).

Vielen Dank für das Interview und alles Gute für die Zukunft!


Die EP:

SAND.IG
Still
(Lautfrosch Records)
VÖ: 15.04.2011



SAND.IG (EP-Release-Konzert) + 2 JAHRE FERIEN am Freitag, 15.04.2011 live im NBI (Kulturbrauerei)


www.sand-ig.de
Facebook Bandpage
www.myspace.com/survivalkid
www.lautfrosch-records.de



Fotos © Sand.Ig
Autor: Thomas Stern


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