KLEZ.E – Berliner Act des Monats August 2006

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Der Virus greift weiter um sich.



Im Sommer 2002 gründeten TOBIAS SIEBERT, PATRICK VOLLPERG, FILIP PAMPUCH, CHRISTIAN SCHÖFER und DANIEL MOHEIT in Berlin eine Band, der es anfangs noch am Namen fehlte. Ein etwa zur gleichen Zeit die Computerwelt in Aufruhr versetzender Computervirus namens „klez.e“ inspirierte die Band als Synonym für „sich schnell verbreitende Absurdität“, und die Namenssuche war beendet.
Zwei Jahre später erschien beim Berliner Label Loob Musik, bei dem auch DELBO (mit TOBIAS als Gitarristen) beheimatet sind, ihr Debütalbum

[b]Inwieweit unterscheiden sich die Arbeitsweisen von DELBO und KLEZ.E?[/b]

Der Hauptunterschied ist, dass wir mit DELBO die Platte live eingespielt haben. Wir sind in einen Club gegangen, haben ganz normal aufgebaut und einfach losgespielt.
Bei KLEZ.E ist das eher eine Puzzlearbeit. Da wird auch im Studio noch sehr viel verändert und verworfen. Wir finden das so auch sehr spannend und brauchen das. Selbst wenn wir es schaffen, das nächste KLEZ.E-Album live einzuspielen, würde das nur der Kern sein. Im Studio würde trotzdem wieder gepuzzelt. Ein Lied auf [i]Flimmern[/i], ‚Standard‘, ist live eingespielt. Da hört man auch, dass das so ein „Zusammen-Ding“ ist.

[b]Die Texte schreibst du allein, hast du nach allem Experimentieren beim Songwriting dann auch musikalisch das letzte Wort?[/b]

Nein, bei KLEZ.E gibt es keine Chefposition. Wie die Songs am Ende aussehen entscheiden wir alle gleichberechtigt zusammen. Auf [i]Flimmern[/i] gibt es nur das ‚Strandlied‘, bei dem zumindest die Hälfte von mir ist. Es war auch das erste Stück, was wir für das Album gemacht haben. Es war ursprünglich ein rein elektronischer Song, für den ich dann noch einen Text geschrieben und drüber gesungen habe. Wir haben’s dann aber noch mal umgebaut und Gitarrensätze und Schlagzeug eingebaut, damit es wirklich ein Bandlied ist.

[b]Und wie fällt für dich der Vergleich der beiden Platten aus? Normalerweise ist es ja bei der zweiten Platte an der Zeit für Kommentare wie: „erwachsener geworden“, „es klingt reifer, runder“… [/b]

…“die beste Platte die sie je gemacht haben“

[b]Solche Sachen eben. Nun war [i]Leben Daneben[/i] ja aber schon ein sehr durchdachtes Album. Gab es noch Ansätze zur Verbesserung? [/b]

Ich finde [i]Flimmern[/i] ist als Album klarer als es [i]Leben Daneben[/i] war. Wir haben sie letztens nach langer Zeit mal wieder gehört und sie gefällt uns immer noch. Ich hatte Teile schon wieder vergessen und beim Hören gedacht: „Ah, so war das. Echt schön.“. Es gibt aber auch zwei Stücke, wo ich an manchen Stellen denke, dass es da noch nicht so ganz fertig war.

[b]Ein paar Fragen zu einzelnen Songs: ‚Die Essenz‘ ist eine klar erkennbare Anklage. Der Angeklagte wird im Text selber aber nicht genannt. Schaut man sich dann aber das Booklet an, werden eventuelle Zweifel durch den Schriftzug „Amerika, Amerika, Amerika, Amerika, du reiches Land im Exzess“ weggeräumt. War dir diese Deutlichkeit wichtig? [/b]

Man hätte das nicht machen müssen. Ich wollte es eigentlich nicht so klar sagen. Das ist auch der Text, der mir am meisten Kopfzerbrechen bereitet hat. Es gab verschiedene Textvarianten. Am Anfang wurde Amerika auch im Text genannt, ich fand das dann aber zu plump und habe statt dessen „reiches Land“ genommen. Live habe ich es aber auch manchmal, wenn mir danach war, mit Amerika gesungen. Beim Cover fand ich es so plakativ schließlich ok. Der Text stammt aus dieser ganzen Wiederwahl-Zeit in den USA, aber eigentlich ist Amerika da nur ein Beispiel für Sachen, die irgendwie komisch sind, die man als einzelner Mensch nicht wirklich verstehen kann.

[b]Musikalisch wandert ‚Die Essenz‘ gewissermaßen vom Zeigefinger zur Träne, wird zum Ende sehr ruhig und traurig… [/b]

…findest du?

[b]Ja schon. Der Beat ist irgendwann verschwunden und es schleppt sich, stetig ruhiger werdend, noch gut zwei Minuten in Richtung Ende. Beschreibt das auch dein Empfinden bezüglich globaler Entwicklungen und Geschehnisse? Resignation? [/b]

Nein, eigentlich nicht. Ich sehe das eher als ein darauf stoßen, darüber nachdenken und den Engel zurück rufen (Die Zeile „Engel, du fehlst hier, komm zurück…“ ist Teil des Textes, Anm. der Redaktion). Vielleicht kommt er ja zurück, ein Fünkchen Hoffnung ist da schon immer dabei.

[b]Und der Engel ist völlig abstrakt, oder hast du da etwas oder jemand Bestimmtes im Sinn? [/b]

Das ist abstrakt. Wenn es Engel gäbe, die dich beschützen, dann versucht irgendjemand oder irgendwas diese zu ersetzen oder zu kopieren, um auf dich aufzupassen. Im positiven wie im negativen Sinn. Die Rolle des Engels wird also ausgenutzt, um dich als Person zu manipulieren. Daher soll eben der echte, der wahre Engel wieder zurückkommen und nichts Böses zulassen, was sich nur als Engel ausgibt.

[b]Zu einem anderen Lied: Gibt es einen bestimmten Adressaten von ‚Standard‘?[/b]

Toll, dass du mal fragst. Ich habe erst gestern mit ein paar Freunden darüber gesprochen, dass gerade zu diesem Lied, wo ich dachte in jedem Interview befragt zu werden, bisher noch keine Fragen kamen.
‚Standard‘ bezieht sich als Anklage auf Sachen wie das Fehlen eines richtigen Musikfernsehens, dass es keine Plattform für interessante Dinge mehr gibt. Fast Forward wurde abgesetzt, MTV-Spin gibt’s auch nicht mehr, alles ist nur noch auf Lifestyle bedacht.
Und da fängt der Kreislauf an. Musik wird dann so komprimiert, dass sie in diese Konzepte passt. Es gibt keinen Sender mehr, der junge Menschen, nachkommende Generationen mit guter Musik versorgt. Und dieses Problem gibt’s nicht nur dort, sondern auch im Printbereich. Da gibt es Zeitschriften, die sich als Musikmagazin bezeichnen, letztendlich aber nichts machen, außer Fotostrecken über Modetrends zu bringen und aus dem NME abzuschreiben. Interessante einheimische Sachen bekommen dann höchstens mal eine Rezi, das ist schade.

[b]Warum heißt der Song ‚Hellgelb‘ Hellgelb?[/b]

‚Hellgelb‘ ist ein älteres Stück, das noch aus der [i]Leben Daneben[/i]-Zeit stammt. Ich habe den Songs damals während der Entstehung Farben als Namen gegeben, und weil alles schon vergeben war, wurde es eben ‚Hellgelb‘ und dabei blieb es, genau wie bei ‚Grün‘ von [i]Leben Daneben[/i] auch. ‚Hellgelb‘ war auch schon auf der [i]Du Auch[/i]-Single, wir wollten es aber, weil wir es sehr mögen, aber nicht viele die Single kennen, einem größeren Publikum zugänglich machen.

[b]Wo du gerade ‚Grün‘ ansprichst: Ist an der Theorie, ‚Grün‘ stehe für Baum und bilde zusammen mit den Songs ‚Fake‘ und ‚Plastik‘ eine Radiohead-Hommage (‚Fake Plastic Tree‘) was dran?[/b]

Wir kennen die Theorie und finden sie großartig, wirklich spannende Erklärung. Da ist aber nichts dran.



[b]Ihr wart im Februar mit KASHMIR auf Deutschland-Tour. Wie war das für euch?[/b]

Das waren große Momente für uns. Vor allem der letzte Termin in Hamburg. Berlin war Tourauftakt, da waren wir noch sehr schüchtern. Wir hatten ja, weil wir die Band so toll finden, über unser Label bei KASHMIR angefragt, ob wir mit ihnen spielen könnten.
KASHMIR waren aber sehr sympathisch. In Hamburg haben wir dann beim letzten Lied des KASHMIR-Sets gemeinsam auf der Bühne getanzt und uns in den Armen gelegen. Ein sehr schöner Moment.

[b]Im September gibt’s die [i]Flimmern[/i]-Tour, bisher fehlt aber noch ein Berlin-Termin. Kommt der noch?[/b]

Ja. Wir würden gern Ende August die Veröffentlichung mit einem Konzert feiern, bisher fehlt uns aber noch der richtige Ort. Wir sind da etwas unschlüssig. Sollte das aber nicht klappen, bauen wir auf jeden Fall noch einen Berlin-Termin in die Tour ein.

[b]Gibt es eigentlich, was die Resonanz auf KLEZ.E angeht, einen Unterschied zwischen Konzerten in Berlin und in anderen Städten? [/b]

Nein. Das kommt immer auf den Abend an. Sehr gute Erfahrungen haben wir in Österreich gemacht. Das liegt wahrscheinlich daran, dass wir dort dann nur ein oder zwei Termine spielen. Als wir ein Konzert in Wien hatten, haben uns einige Zuschauer erzählt, dass sie aus ganz anderen Teilen des Landes nur für dieses Konzert nach Wien gefahren sind.

[b]Und was denkt man dann als Musiker, wenn man das hört?[/b]

Das ist toll. Wir hatten mit DELBO auch mal eine Österreich-Tour mit fünf Terminen im ganzen Land verstreut. Da gab es auch Leute, die uns auf der ganzen Tour gefolgt sind. Wenn wir mit dem Bus am nächsten Veranstaltungsort ankamen, waren die immer schon da und haben gefragt, ob sie uns beim Aufbauen helfen können.

Den zweiten Teil des Interviews, in dem TOBIAS SIEBERT unter anderem über das Radio Buellebrueck Studio, die Garage Pankow, THE CURE und sein Engagement bei SAMBA spricht, findet Ihr www.klez-e.de
www.loobmusik.de

Fotos: KLEZ.E, Loob Musik
Autor: [EMAIL=alexander.eckstein@b-i-b.de?Subject=Kontakt von der Website]Alexander Eckstein [/EMAIL]

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