
Nur zwei Jahre nach Erscheinen von The Clown Watches The Clock (als Album und Hörbuch) kehrt MICAH SCHNABEL mit einem neuen Album zurück, erneut in Begleitung von VANESSA JEAN SPECKMAN, mit der er schon Live Mutiny (2022) veröffentlichte. Die beiden sind seit 2020 ein Team und treten gemeinsam auf.
Wie schon der Plattentitel verrät, geht es um Klassenabgrenzung, wie sie schon PULP mit Different Class (1995) thematisierten. Opener „Hands Up!“ stellt verschiedene Beispiele vor wie etwa das postmoderne Rauchverbot: „Making cigarettes uncool was the dagger in the heart of the permanent underclass and the world is a worse place for it.“ Wieder werden lebensnahe, ungereimte Texte schnell vorgetragen, die von einem Rockrefrain zusammengehalten wird. Schnabel betätigt sich an der Gitarre als politischer Singer/Songwriter. Speckman wirkt als Aktivistin. So spielt Micah in „Patient Boy“ eine freundliche Melodie, während Vanessa die tragische Geschichte erzählt. Nein, das hier ist nicht ironisch gemeint. In einem Countryrocker stellen sich die beiden als „enemies of the state“ vor.
Schön ist, wie Schnabel Gegenkultur als Aktivismus spürbar macht. So wie sich MADSEN aktuell in „1995“ in ihre Anfangszeit im Deutschpunk zurückdenken, berichtet er im entspannten „Diamond Dave“: „My friend Jimmy blew out his knee back in 2003, playing bass in a VAN HALEN Tribute band at the Oasis bar and grill out on route 4 next to the old GE plant.“ Der heutigen Jugend muss man überhaupt erst wieder erklären, dass selbst Musik zu machen, identitätsstiftend ist. Micah erinnert sich in „C.I.Hey!“ auch an seine Jugend. Er freut sich über einen INSANE CLOWN POSSE-Fan und kann es nicht fassen, dass der Künstler Jackson Pollock von der CIA finanziert wurde. Und in „Bongos“ singt er von einem Drummer, der eigentlich gar nicht Drums spielen kann. Zudem gelingt ihm eine sehr schöne Hommage an den Rapper BUSHWICK BILL, den er offenbar nicht nur verehrte, sondern auch besuchte.
Im Liedermacher „2P4P“ nennt sich Schnabel „a peripheral freak in the fascist new world order“. Er und seine Co-Sängerin lehnen sich in „Omaha“ gegen christliche Fundamentalisten und in „No X-mas Cards For Fascists“ gegen US-Nationalisten auf. Schließlich wird’s doch noch ironisch: Wie DIE ÄRZTE einst im „Grotesksong“ die billige Verneinungshaltung der Rechten parodierten, zählen Schnabel und Speckman in „I Don’t Believe You“ einfach nur Fakten auf, die die Konservativen einfach nicht glauben und damit die Welt zur Hölle machen. In diesem Kulturkampf kann darum eine demokratische Diskussion fast nicht mehr stattfinden. Doch eine Lösung wird hier auch nicht angeboten. Das wäre für ein Musikalbum wohl auch zu viel verlangt.
Micah Schnabel & Vanessa Jean Speckman
The Great Degradation
(Selbstvertrieb)
VÖ: 11.03.26