Oidorno (+ BSK + Drepression & Lebensfreude) am 28.08.2026 im Festsaal Kreuzberg

Na, da soll doch mal einer sagen, die Punkszene nimmt sich zu ernst. Am angenehmen Abend des 28. August traten im Festsaal Kreuzberg drei Bands auf, die weder sich noch ihr Umfeld mit Ironie schonen, sondern sich eher als Maskottchen ihrer Bubbles sehen. Die bekannteste der drei hat auch Fans bei den beiden anderen: OIDORNO. Die Schlingel aus der Hansestadt haben erst im letzten Jahr ihr, nun ja, Best-Of veröffentlicht und planten ihr zehnjähriges Jubiläum im Bi Nuu zu feiern. Doch da der Andrang zu groß war, mussten sie nach Treptow umziehen. Sie wurden im Festsaal mit einem herzlichen „Oi! Oi! Oidorno!“ begrüßt. Aber der Reihe nach.

Nach 20 Uhr wird eine Berliner Band angekündigt, die erst seit 2024 existiert: DEPRESSION & LEBENSFREUDE. Sie gestalten den queerfeministischen Auftakt. Nun wird klar, warum es am Festsaaleingang eine FLINTA-Gasse gibt und hier eine erste FLINTA-Reihe. Die Punkszene hat sich derart postmodernisiert, dass jetzt das Männer-Frauen-Verhältnis im Publikum bei fast 50/50 liegt. Die Damen und Herren hier versprühen mit Schnodderpunk wie „Streik Bei Der Bahn“ so etwas wie Nostalgie, erst recht wenn sie von WIZO „Quadrat Im Kreis“ covern, das ihnen einst, wie sie erzählen, Hoffnung gab. Ihre Sängerin trägt übrigens eine ANNETTE HUMPE-Gedächtnis-Kapitänsmütze und scheint sich auch deren Art zu singen zum Vorbild zu nehmen.

Ihre eigene Fanbase haben BSK bereits aufgebaut, wie man an der großen, wilden Pogocrowd sehen kann. Die fünf Jungs aus Neuwied haben 2019 mit einem nicht ernst gemeinten Billopunk angefangen und sind bei einem Crossover-Punk gelandet. BOLLE BEISSER an den Synthies ist mal Sänger, mal Rapper. Er schnattert seine Texte wie in „Linksradikal Gelesen“ vom letztjährigen Album Keine Bewegung entsprechend schnell und hat seinen Iro inzwischen mit Glatze und Cap eingetauscht.

Aber auch ihre ersten Punk-Gehversuche wie „Übergeben“ funktionieren hier gut. Darin schildert er ein mieses Gespräch mit einem FDPler. Das ähnelt frappierend an die Programm-Nummer von Comedian Till Reiners, wie er angeblich Christian Lindner kennen lernte. Doch während Reiners beschämt zugeben musste, dass ihm der Lindner ganz sympathisch war, will Beisser nach fünf Minuten nur noch kotzen.
Aber auch die linke Szene bekommt hier ihren Spiegel vorgehalten, wenn die Band die ewige Spalterei und Selbstbekämpfung der Linken auf die Schippe nimmt („Nicht Links“).

Etwa 22:30 Uhr sind dann die Headliner da und unterweisen erstmal den überfüllten Saal, dass alle mal auf einander achten sollten, damit alle Spaß haben. So viel Höflichkeit dürfte ein langer Lernprozess vorausgegangen sein, sind doch die Texte der Herren recht derbe. Diese werden übrigens nur zur Hälfte vom offiziellen Sänger TOIBOI gesungen und zur anderen von Sängerin TÜDDEL (TRÜMMERRATTEN), der die nötige Röhre fehlt. Aber egal, denn das Publikum grölt eh die meisten Songs wie „Fußball“ auswendig mit. Das Gedrängel und Gepogo steigert sich entsprechend der Hitze. Hier tritt man in Bierlachen und kriegt Bier in den Rücken geschuckelt.

Wie tolerant man hier geworden ist, zeigt sich nicht nur im Verhältnis zur Weiblichkeit sondern auch zu anderer Musik. So wird ja eigentlich in „Oiverräter“ den „Techno-Yuppies keinen Meter“ gegönnt. Diese feiern zeitgleich nebenan im Club der Visionaere. Und nachdem man sich zu „Halt Die Fresse Ich Will Saufen“ in den Armen lag, wird noch „Ohne Dich“ angestimmt, denn waren die MÜNCHNER FREIHEIT nicht die Punks der Neuen Deutschen Welle? So viel nostalgische Lebensfreude passt also in ein Gebäude.

 

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www.festsaal-kreuzberg.de

Fotos © Conrad Wilitzki

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