Angels And Airwaves – I-Empire

Angels & Airwaves - I-Empire

„Oh je, ein neues ANGELS & AIRWAVES (AVA)-Album. Was wird das wieder sein?“ So etwas wird so mancher, der die Neuerscheinungen des letzten Monats inspizierte, gedacht haben. Ein Jahr ist es nur her, seit dem Erscheinen des Erstlings We Don’t Need To Whisper ein großes Erstaunen und nicht minderes Unverständnis folgte. Dieses rührte daher, dass die neue Band vor allem als eines galt: als das neue Projekt des abtrünnigen Sängers der Erfolgspunkband BLINK-182, TOM DELONGE.

Um I-Empire zu verstehen, braucht es einiges Vorwissen. BLINK-182 gehörte dem Funpunk- und Nu Metal-Spektrum der Jahrtausendwende an. Mit dem 2003er Album Blink-182 hatten sie sich zum ersten Mal wirklich weiterentwickelt, und die Tournee lief glänzend an. Dann kam es zu Streitigkeiten und die Tour wurde gestoppt. TOM hatte den Künstler in sich entdeckt, und eines Tages stellte er seine Bandkollegen vor vollendete Tatsachen. Ohne Umschweife ließ er seinen Ausstieg von einem Anwalt aushandeln. Aus Pubertärpunk TOM wurde Business Man DELONGE.

Prompt versammelte er eine Art Ex-Punkbandmusiker-Kollektiv um sich und gründete ANGELS & AIRWAVES. Folgende Aufstellung entstand: Er selbst würde singen und Gitarre spielen, DAVID KENNEDY, der bereits in DELONGES erstaunlichen ersten Sideproject BOX CAR RACER und anderen Bands gespielt hatte, griff ebenfalls zur Gitarre. Des Weiteren konnte man ATOM WILLARD (THE OFFSPRING, THE SPECIAL GOODNESS, AMERICAN HI-FI ALKALINE TRIO) für das Schlagzeug sowie RYAN SINN (THE DISTILLERS) für den Bass gewinnen. Letzterer wird inzwischen von MATTHEW WATCHER (30 SECONDS TO MARS) ersetzt.

Als jedoch das Publikum, von einer derartigen Punkerkonzentration auf Punk eingestellt, We Don’t Need To Whisper vernahm, erschauderte es, und das nicht aus Ehrfurcht. Man hatte epische, wenig aufgeregte, angepunkte Popsongs vor sich, die DELONGE, uneingeschränkt überzeugt, mit U2 und COLDPLAY verglich. Es hagelte Verrisse. Das erste Werk der BLINK-182-Nachfolgeband +44, When your heart stops beating, dagegen wurde hochgelobt. Tatsächlich nahmen sich die beiden stark unterschiedlichen Alben an Abwechslung, Fantasie und Musikalität nicht viel. Sie klangen zudem beide nach BLINK-182. Dabei schien +44 die wütenden und nachdenklichen Songs aus dem BLINK-182-Repertoire wie ‚Adams Song‘ fortzuführen, ANGELS & AIRWAVES dagegen die poppigen Balladen (z.B. ‚Always‘). Völlig auf der Strecke schienen die puren Spaßsongs wie ‚Rock Show‘ geblieben zu sein. Das könnte man als Zeichen dafür deuten, dass die alten Teenstars tatsächlich erwachsen geworden sind.

Nach diesem kleinen Battle of Bands, aus dem sie auch kommerziell als Verlierer hervorgegangen waren, kehren ANGELS & AIRWAVES nun mit I-Empire zurück und erklären, dass man ihre beiden Platten eher als zwei Hälften eines Doppelalbums zu sehen habe. „Ach so, na klar…“, hört man die Fans denken. Soll man folgern, dass wenn We Don’t Need To Whisper nur eine Hälfte war, es ja auch nicht so weltbewegend ausfallen sollte? Ist I-Empire ebenso wenig aufregend?

Schon der Opener ‚Call To Arms‘ bestätigt diese Theorie, denn was da auf einen zurollt, ist unverkennbar der selbe Stil wie Album 1: langes Intro, Marsch-Drums, technische Spielereien, luftige Gitarren und DELONGES gleichförmiger Gesang.
Es schließt sich die Vorabsingle ‚Everything’s Magic‘ an, die genauso Pop auf der ganz großen Leinwand zelebriert und in den Strophen dem BLINK-182-Kracher ‚Rollercoaster‘ ähnelt. Sie soll natürlich an die erfolgreichere Single ‚The Adventure‘ anschließen, die mit das Beste auf We Don’t Need To Whisper gewesen ist. Sie schafft es nicht. Im Video bewegt sich DELONGE wie die, über die er sich dereinst selbst lustig gemacht hat – Popstars. Und tatsächlich ist er das Mastermind hinter ANGELS & AIRWAVES.

Dass stets er in der Öffentlichkeit über die Band spricht, wirkt, als müsste er sich nachträglich für seinen BLINK-182-Ausstieg rechtfertigen. Glaubt man ihm, war für ihn mit Blink-182 das Maximum an Kreativität seiner alten Band ausgeschöpft und er musste zu neuen Ufern. Die hat er mit seiner neuen Band vielleicht nicht großartig beschritten, aber betreten. Das I-Empire ist DELONGEs Imperium, eine Welt wie aus einem Manga – mit Planeten, pathetischen Helden und Mädchen mit Sternen in den Augen. Die Gitarren bleiben hier immer sanft und wenig mitreißend.

Die Lyrics von Zweifel und Liebe sind merklich speziell DELONGEs Gedanken. Die alte „Punkrockband“ und das Zerwürfnis mit ihr wird sogar direkt angesprochen. In ‚Rite of Spring‘ heißt es: „My friends have changed, a few did last“, wobei mit Letzteren wohl z.B. KENNEDY gemeint ist. Doch, so stellt DELONGE klar, selbst wenn er eine Chance hätte, sein Leben zu ändern, „I wouldn’t change a thing“, sprich: der Bandwechsel war kein Fehler.

Im Intro des letzten Songs ‚Heaven‘ spuken im Intro Orgelmusik-Fetzen aus We Don’t Need To Whisper herum und schließen so den Bogen zum ersten Album. Folglich machen beide LPs erst als Doppelalbum Sinn. Obwohl im Gesamtkonzept so viel Herzblut steckt, hat man aber von I-Empire noch weniger als von seinem Vorgänger. Allerdings funktioniert es dank der schönen Weihnachtshymne ‚True Love‘ noch als kleines Geschenk, mit dem man nichts falsch machen kann.

ANGELS & AIRWAVES
I-Empire
(Geffen Records/Universal)
VÖ: 02.11.2007

www.angelsandairwaves.com

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