
Ist es gefährlich, jung und weiblich in Deutschland zu sein? Die Zahl aller gemeldeten Sexualdelikte ist mit mehr als 131.000 Fällen 2025 um 2,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Die steigende Anzahl dieser Delikte betrifft Mädchen und junge Frauen. Die #Metoo-Bewegung hat gezeigt, dass die Popmusik auch Teil dieser Rape Culture ist. Vor nunmehr 17 Jahren erschien ein Videospiel, das sich dem Phänomen Aufwachsen im Patriarchat auf eine künstlerische Weise näherte: The Path von 2009. Der dazugehörige Soundtrack stammte von KRIS FORCE (AMBER ASYLUM) und JARBOE (SWANS).
Der Spieler kann im Game je eine von sechs Schwestern unterschiedlichen Alters spielen, die jeweils eigentlich die bekannte Aufgabe haben, den Korb zur Großmutter in den Wald zu bringen. Tut sie dies, verliert man. Denn das Spielziel ist es eigentlich, vom sicheren Pfad durch den Wald abzuweichen. Hier kann sich die jeweilige Figur austoben, trifft aber auch auf je ihren persönlichen „Wolf“, auf einen Antagonist, der sie mit dem Unglück der Welt konfrontiert. Das muss nicht unbedingt ein Sexualdelikt sein. Es kann auch der Tod, der Glaube, die Pubertät, der Gruppenzwang oder auch die Aufopferung für andere sein. Dies sind alles Dinge, die Mädchen und jungen Frauen die Unschuld nehmen, hier dargestellt als weiß gekleidetes anderes Mädchen. Die jeweilige Figur gerät dann traumatisiert zum Haus der Großmutter, das ihr nun als albtraumhafter Ort erscheint. Ihre Welt-Wahrnehmung ist fundamental verändert und sie kann nie mehr wie ein naives Kind oder wie ein Mann auf die Welt blicken.

Das psychologische Horrorgame bezog sich auf symbolischer Ebene auf zwei Geschichten: Vordergründig ging es um eine Aktualisierung des klassischen Märchens Rotkäppchen, das schon in alter Zeit eine Warnung für Mädchen vor „großen, bösen Wölfen“ war (hier am Ähnlichsten der „Werewolf“). Eine literarische Neuinterpretation wäre Das Mädchen (1999) von Stephen King. Und auch die Filme Hard Candy (2005) oder Red Riding Hood – Unter dem Wolfsmond (2011) versuchten, den alten Stoff neu zu beleben, woran das Musical Into The Woods (2014) von Walt Disney scheiterte.
Ein weiterer Bezug des Spiels ist das Gedicht Das Märchen der traurigen Maud von Coventry Patmore, prominent gemalt als Die Tochter des Holzfällers (1850-1851) von John Everett Millias. Das Gemälde erscheint abgewandelt im Spiel. Hier schenkte ein Junge einem Mädchen im Kindesalter Beeren, so wie er sie später als Erwachsener schwängert und damit ins Unglück stürzt. Es ist das typische Thema der Küchenlieder im 19. Jahrhundert. Das Märchen der traurigen Maud wird im Game auf drei „Wölfe“ aufgespalten: Ein cooler, junger Mann („Charming Wolf“), der eine Zigarette anbietet und so zu Drogen verführt, ein schmieriger Holzfäller („Woodsman Wolf“), der zum Sex verführt, sowie „Girl In Red“, die als Verkörperung der Pubertät die Weiblichkeit bringt.
Hört man den Soundtrack wundert man sich etwas. Der „Safe Song“ ist eine einfache Pianomusik, zu dem ein paar Mädchen lallen. Er soll die naive Haltung eines Mädchens vermitteln, die eben den für sie vorgefertigten Pfad nicht verlässt und sich ohne gute und böse Erfahrungen auch nicht entwickeln kann. Als Kontrast wirkt dann das mystische Neofolklied, das im Wald erklingt („Forest Theme“). Hier erklingt die gesungene Warnung vor dem „großen, bösen Wolf“ als sexuelle Metapher: „Don’t let the wolf into your bed. He’ll take your soul then eat your head.“ Man denke nur an das Video zu „Du Riechst So Gut“ von RAMMSTEIN. Schräge Geigen kündigen dann das Gekreisch des Wolfes an: „I will eat you!“ Die Warnung der Mutter wird noch einmal gesprochen („Little Girls“).
Es folgen verschiedene Themen für die „Wölfe“. So bekommt der „Charming Wolf“ ein schräges Violinenstück und der „Fey Wolf“, eine ältere Sängerin, ein tragisches Kammerfolkstück aus Klavier und Violine. Der „Woodsman Wolf“ wird bedrohlich mit Säge und Stöhnen in Szene gesetzt wird, während „Werewolf“ ein verstörendes Dark Ambient-Stück ist, an das auch „EAT“ anschließt. Das „Girl In Red“ erhält eine freundliche Gitarrenmelodie und „Cloud Wolf“ ein Klangschalenexperiment.
Dieses Spiel ist erstaunlich interpretationsoffen und so auch sein Soundtrack. Die beiden Musiker arbeiten mit verschiedenen Folk- und Ambient-Elementen und unterstreichen die gruselige Atmosphäre. Jedes Mädchen hat ihre persönliche Krise, die es zu überwinden gilt. Und das hört man.
Jarboe & Kris Force
The Path OST
(Tale of Tales)
VÖ: 14.03.12