BERLINOVA: Festivalbericht Teil 3 (11. und 12.06.05)

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Fantastische Konzerte von TOCOTRONIC und TURBONEGRO, ein kleiner Eklat um SIDO UND HARRIS und eine toller GHvC-Labelnachmittag.



Die Headliner des Samstags waren zweifelsohne TURBONEGRO und wurden diesem Status mehr als gerecht. Wie schon vor einigen Wochen im Berliner Huxley’s gab es eine Show mit Geldscheinen, Luftballons, glitzerndem Konfetti und natürlich den gewohnten Outfits der sechs Norweger. Zum Opener ‚All My Friends Are Dead‘, ‚City Of Satan‘ und weiteren Songs ihres neuen Albums [i]Party Animals[/i], gesellten sich auch ältere Hits wie etwa ‚I Got Erection‘, ‚Get It On‘ oder ‚F.T.W.‘. Da TURBONEGRO-Sänger HANK ein wenig deutsch spricht, wurde ein Großteil der Ansagen auch auf deutsch vorgetragen, was zuweilen sehr amüsant war. Auch der Dialog zwischen HANK und HAPPY-TOM sorgte für reichlich Lacher. Nachdem Ersterer die neue Platte angepriesen hatte, motzte TOM „Ist Scheiße“ ins Mikro und fuhr mit „Viel kommerziell, viel Mainstream“ fort, was HANK wiederum mit der zynischen Bemerkung „Auf einmal ist Geld ein Problem“ beantwortete. Dazu gab’s natürlich reichlich „dirty words“ und O-Ton Hank: „Viele Rock ´n` Roll“.



Das absolute Kontrastprogramm zu TURBONEGRO gab es im Anschluss auf der gleichen Bühne mit dem Auftritt von SCALA. Leider habe ich es nicht gesehen, die Vorstellung eines Aufeinandertreffens von TURBONEGRO und dem belgischen Mädchenchor SCALA im Backstage amüsiert mich aber trotzdem.
SCALA trällerten sich erwartungsgemäß von den Ärzten über Rammstein bis Radiohead oder U2 durch die Musikgeschichte, irgendwie fehlt den SCALA-Versionen dieser Songs aber stets das besondere Etwas. Da singen eben 19 Mädchen von Piano, Bläsern und Perkussion begleitet ein paar Hits nach, mehr nicht. Da lob ich mir doch die kreativen und amüsanten BOSSHOSS.

Als Abschluss des Samstages gab es die Premiere von DEINE LIEBLINGSRAPPER, dem neuen Projekt der beiden Berliner Rapper SIDO und HARRIS. Eigentlich sollte deren Auftritt am frühen Abend auf der Zeltbühne stattfinden, was aber kurzfristig und ohne Information für das etwas verwirrt umherirrende Publikum geändert wurde. So warteten dann also etwa tausend Zuschauer ab 1:00 Uhr auf die, laut Ansage nach wenigen Minuten Umbaupause beginnende, Show. Die Nacht von Samstag zu Sonntag, das sollte noch kurz erklärt werden, war mit 5 Grad Celsius bitterkalt, was Stillstehen zu einer schmerzenden Tätigkeit machte. Aus der „kurzen Pause“ wurde eine geschlagene Stunde, in der die Besucher dem gemächlichen Umbautreiben auf der Bühne zuschauen durften. Der folgerichtige Unmut des Publikums entlud sich erst gegen den völlig ohne Fingerspitzengefühl agierenden Ansager und später auch gegen HARRIS und SIDO, die für das Zeitmanagement der Bühne nun wirklich nicht verantwortlich waren. Trotzdem mussten sie während ihres gesamten Konzertes den aus dem Publikum fliegenden Bechern ausweichen. Dabei lieferten sie, vor einer riesigen Kassettenspieler-Attrappe, in deren Tapedeck die DJs platziert waren, eine ganz ansehnliche Show.

Der Sonntag stand ganz im Zeichen des Grand Hotel van Cleef-Labels. Den Anfang der Labelschau machten am frühen Nachmittag OLLI SCHULZ UND DER HUND MARIE. Wie gewohnt erzählte OLLI mehr von der Geschichte der Songs, als dass er sie auch wirklich spielte. Zu hören gab es aber trotzdem einige ältere Songs sowie auch Stücke seines neuen [i]Beigen Albums[/i]. Begleitet wurde das Konzert von heftigen Schauern, was die ohnehin schon durch erste Heimfahrer geschrumpfte Besucherschar noch weiter verteilte – unter die Bierwagen und Essensstände nämlich, an denen zum einzigen Mal an diesem Wochenende richtig Betrieb herrschte.

Im Anschluss betraten TOMTE die Bühne und gaben dem Publikum einen Vorgeschmack auf ihr kommendes Album. Außerdem erzählte ein sehr gut gelaunter THEES UHLMANN eine Menge über Richard Ashcroft, Conor Oberst und MANDO DIAO, denen er für das anschließende Konzert seinen Verstärker geborgt hatte.



Vielleicht war es Teil dieses Leihgeschäftes, dass das GHvC-Banner auch beim Konzert der vier jungen Schweden die Bühne zierte. Ein amüsantes Bild war es aber: Das Logo des eher für deutschsprachigen Gitarrenpop stehenden Labels hinter der Rock ´n´ Roll-Supergroup dieser Tage, die auch beim Berlinova wieder getreu dem Motto „No fillers, just killers“ von der ersten bis zur letzten Sekunde dermaßen abging, dass sich sogar die Sonne zeigte. Für ein paar Minuten war es dann sogar möglich, das dicke Sweatshirt abzustreifen. Das sorgte auch bei den etwa viertausend verbliebenen Fans für einen wahren Emotionsschub und es wurde endlich mal richtig gesprungen.

Die Herzen der Besucher schlugen auch bei der vorletzten Band auf der Hauptbühne höher. Die neuen Lieblinge aller Menschen – so hat es den Anschein -, KETTCAR, setzten nach vollkommen zu Recht hoch gelobter Platte und ausverkaufter Tour in diesem Jahr mit einem tollen Konzert ein Ausrufungszeichen hinter ihren momentanen Stellenwert. Klasse Songs, sympathische Musiker, akzeptables Wetter und ein zufriedenes Publikum – in diesen Stunden war das Berlinova ein wirklich tolles Festival.



Während KETTCAR das Hauptbühnenpublikum noch mit Zugaben beglückten, musizierte auf der eigentlich für Karaoke erschaffenen Jim Beam-Bühne ein Überraschungsgast. MAMBO KURT hatte seine Heimorgel auf die Bühne verfrachtet und fiedelte sich durch Rock- und Metal-Klassiker. Natürlich nicht ohne sein Publikum, im speziellen das weibliche, durch die Aufforderung zum Tanz mit einzubeziehen und zum Lachen zu bringen. Der Mann mit der Teleshopping-Brille ist eben immer wieder ein Garant für gute Laune.
Ebenfalls gleichzeitig gab es im – an diesem Tag stark Hip Hop geprägten – Zelt den Auftritt von BUSHIDO zu erleben. Seine Attitüde lies mich zwar fernbleiben, aber auch die Münder von Nichtfans waren später voll des Lobes für BUSHIDOs Show samt Schlagzeuger und Bassisten – sollte auch mal erwähnt werden.

Ein ganz dickes Lob gebührt aber auch der finalen Band des diesjährigen Berlinovas, TOCOTRONIC.



Diese spielten ein Best-Of Set mit einem auffällig hohen Klassikeranteil. RICK McPHAIL hatte an diesem Abend sein Keyboard erst gar nicht eingepackt und spielte die ganze Zeit die zweite Gitarre, was dem Sound die mit mehr Variationsmöglichkeiten gepaarte Ruppigkeit früherer Jahre verschaffte. Die Ansagen DIRK VON LOTZOWs hatten zuweilen etwas Predigerhaftes an sich, zeigten aber auch die Freude über das zwar weiter geschrumpfte aber dennoch laut applaudierende Publikum. Als letzten Song der Zugabe gab es, wie schon am 7. April am Berliner Neptunbrunnen, ‚Eins zu eins ist jetzt vorbei‘ und wieder endete der Song mit der Zeile „Eines ist doch sicher: Halt’s Maul Deutschland!“. Gott sei dank tat er das, denn am Neptunbrunnen wirkte es wie eine Anbiederung an die stark vertretene Antifa. Wenn es aber neuer Standard ist, zeigt es lediglich eine wieder zunehmende Radikalität, wogegen im Falle TOCOTRONICs nichts einzuwenden ist.

Am Ende des diesjährigen Berlinovas blieben neben einer Menge toller Konzerterinnerungen aber auch einige Fragen übrig.
Wieso gelingt es diesem Festival auch im dritten Anlauf nicht, sich zu etablieren und die erwarteten Zuschauerzahlen zumindest ansatzweise zu erreichen?
Das gleichzeitig stattfindende Hurricane bzw. Southside ist sicherlich einer der Gründe und das Wetter hat die Abendkasse ruiniert. Festivalbesuche werden aber in der Regel im Vorfeld geplant und so kurzfristig nicht mehr abgeblasen. Vielleicht sollte man sich beim Lineup doch etwas stärker spezialisieren und noch den ein oder anderen Headliner mehr verpflichten. Was man aber überhaupt nicht tun sollte, ist die übrig gebliebenen Festivalbändchen des Vorjahres erneut zu nutzen. Das ist in diesem Jahr geschehen und es wirkt einfach lieblos, dem Besucher ein Band mit der Aufschrift „11. – 13. Juni 2004“ zu verpassen.
Verglichen mit dem letzten Jahr muss man in diesem Jahr aber den Sound loben. War so manche Band 2004 kaum zu verstehen, leisteten die Tontechniker in diesem Jahr durchweg gute Arbeit.

www.berlinova.com

Autor: [EMAIL=alexander.eckstein@b-i-b.de?Subject=Kontakt von der Website]Alexander Eckstein [/EMAIL]

Fotos © Turbonegro, Scala, Capitol, Grand Hotel van Cleef, l’age d’or

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