BECK vs. NINE INCH NAILS

Neu-Scientology vs. Alt-Industrial



Kaum hat man diesem überdimensionalen Dorf und seinen zwanghaft kreativen Einwohnern mal ein Jahr den Rücken gekehrt und sich somit unfreiwilliger Weise einem konzertmäßig zölibaterem Zustand hingegeben, erwartet einen bei seiner Rückkehr ein nicht ganz direktes Zusammentreffen zweier seiner absoluten musikalischen Helden. Ich bin wieder da… und das ist gut so.

Zugegeben: BECK wie auch NINE INCH NAILS (im folgenden NIN genannt) haben ihren musikalischen Zenit überschritten und wir sind mit ihnen, ob wir es wollen oder nicht, erwachsen geworden. Das drückt sich wohl am ehesten in den neuen Alben der beiden, nicht ganz zu vereinbarenden Parteien aus. Mit Guero und With Teeth haben sie jeweils Platten geschaffen, die eher die Anmutung von „Best of“-Alben mit gänzlich neuen Songs besitzen. Will heißen: beide erzählen uns innerhalb ihrer neuen Machwerke nichts wirklich Neues und ruhen sich so ein bisschen auf bewährten Konzepten aus. Bleibt die Frage, ob dieser Zustand sich gut oder schlecht auf die Live-Performance der beiden auswirkt. Dies galt es herauszufinden…

DIE LOCATION:
BECK wurde kurzfristig aus dem Tempodrom in Huxley’s Neue Welt verlegt. Was konnte das bedeuten? Zu wenig Karten verkauft? Sollte mir recht sein, da ich schon seit einiger Zeit nicht mehr so auf den direkten Körperkontakt zu gänzlich fremden Personen stehe. Wenn man mal von den unverschämten Bierpreisen absieht (4 Euro plus Pfand: Pfui!), ein toller Platz für ein BECK-Konzert.
NIN hingegen fand in der schon seit Monaten ausverkauften Columbiahalle statt, was bedeutet, dass man drei Variablen zur Auswahl hatte, die alle für ein schönes Konzerterlebnis nicht sehr erstrebenswert waren: 1. in der Mitte der gedrückten Halle zu stehen, 2. etwas relaxter am Rand zu stehen, allerdings nach oben eingezwängt von der 3. Tribüne, die jedes Konzert irgendwie wie DVD-Gucken erscheinen lässt, und man den Körperkontakt und das ständige Kopfgerecke dann schon wieder vermisst.

DIE VORBANDS:
BRENDON BENSON und die DRESDEN DOLLS werden hier komplett vernachlässigt, um nichts schlechtes schreiben zu müssen. Sorry.

DAS PUBLIKUM:
Bei BECK: normales, gut duchmixtes Berliner Publikum ohne zuviel Fan-Enthusiasmus, was sich im Falle der vielen angereisten und NIN-T-Shirt tragenden Fans in der Columbiahalle etwas anders und voreingenommener verhielt.

DIE HELDEN:
Wie nicht anders zu erwarten, hatte sich der Neu-Scientologe BECK in den letzten Jahren so gar nicht verändert, sogar sein cowboyeskes Jeanshemd kam einem so vertraut vor, ebenso wie seine sich anscheinend nie verändernde Slackermatte, heißt Frisur.
Ganz anders der Alt-Industrielle TRENT REZNOR. Man ist ja inzwischen gewohnt, dass Herr REZNOR seinen zwischen den Alben meist aufgeblähten Körper zur Tour in Form bringt, um aber diemal, nicht wie eine drahtige „Industrial Pretty Hate Kampfmaschine“ zu wirken, sondern eher wie ein aufgepumpter Gruftieabklatsch von Henry Rollins ohne Tattoos. Man sollte doch meinen, dass man mit Vierzig seine Komplexe überwunden hat… Aber lasst uns erst mal so alt werden…



DIE OPENER:
Nach altbewährten (NIN) und treibenden (BECK) Intros begann es bei BECK mit ‚Devils Haircut‘ und NIN mit ‚The Wretched‘, was nicht gerade den Eindruck entstehen ließ, diese würden zu 100% hinter dem Hitpotential ihrer aktuellen Alben stehen. Doch die Formel ging auf und man brachte die oberste Schicht des eisigen Berliner Publikums zum Schmelzen.

DIE BANDS:
Beide Masterminds belieben ja Ihre Mitstreiter von Tour zu Tour neu zusammenzustellen. So war bei NIN diesmal Ex-Marilyn Manson-Gitarrist und Teilzeit-Mastermind TWIGGY RAMIREZ zum Gitarrenspiel eingeteilt, der sich allerdings nur durch seine Anwesenheit hervortat. Leider nicht anwesend war DAVE GROHL, der das komplette neue Album im Studio eingespielt hatte, aber wohl live nicht in das optisch -inzwischen arg konstruiert wirkende- Industrialkonzept der Band gepasst hätte.
Neben BECK und seiner fünfköpfigen Band sei sein wesentlich präsenterer Gegenpart in Gestalt von RALF CASPARS (grandioser Moderator von „Wissen macht Ahhhh“, Anm. d. Red.) erwähnt, der in bester MOBY-Manier zwischen Dance Performances, Blechdosengeklopfe, Vollplayback-Banjolympics, Drums- und Keyboard-Attaken hin und her disponierte und dem guten BECK damit zeitweise schon sehr die Show stahl, was diesem aber allem Anschein nach eher recht als schlecht war.



DIE SONGS:
Wärend BECK darauf bedacht war, seine neuen Songs fast komplett und musikalisch überzeugend zu plazieren, kamen bei der Perfomance der 120er Nägel, nur die härteren und treibenderen Sachen von With Teeth zum Zuge, die aber wie REZNOR selbst im ganzen zu mächtig und aufgeblasen daher kamen.
Allein ‚The Hand That Feeds‘ konnte durch sein hitpotentielles Arrangement mitreißen. Ausserdem hatte man das Gefühl das Mr. REZNOR alle Songs, die auf der Fragile-Tour zu kurz kamen auf dieser nachzuholen gedachte. So gab es Raritäten wie ‚Dead Souls‘ vom Crow-Soundtrack oder ‚Burn‘ vom Natural Born Killers-Soundtrack zu hören.
Auch BECK griff auf gute, alte Songs zurück wie ‚Where Is At‘ oder ‚Beercan‘ – und im Zusammenhang sei der grandiose fließende Übergang zwischen diesem und ‚Hell Yes‘ vom neuen Album erwähnt.

Während die ruhigen Passagen in der Columbiahalle von ‚Something I Can Never Have‘ und ‚Hurt‘, welches zum ersten Mal nicht den krönenden Abschluss zierte, einsam und verloren in den weiten der Playlist ihren Weltschmerz nicht so richtig verbreiten konnten, wurde in Huxley’s Neuer Welt die Band von BECK kurzum zum Speisen an einem fürstlich gedeckten Tisch verbannt, um sich allein mit Gitarre bewaffnet mittels ‚Lost Cause‘ oder einer Akustik-Version von ‚Debra‘ uns daran zu erinnern, wie sehr und warum wir diesen ‚Looser‘, welches wie ‚Closer‘ in der Gegenveranstaltung seinen Platz fand, doch lieben.
Ganz diffus fand der Akustik-Part sein Ende als die schlemmenden Bandmitglieder begannen, die zahlreichen Gläser zu percussionieren und somit effektvoll zu ‚Missing‘ überleiteten und sich somit wieder selbst ins Spiel brachten.

Während BECK und seine Jungs bei den schon erwähnten „Banjolympics“ innerhalb von ‚Sexlaws‘ ihren stimmungsmäßigen Höhepunkt erreichten, hatte NIN mit Verlusten in diesem Bereich zu kämfen, bekamen diese aber mittels der gewohnt guten Light-Show und Krachern wie ‚Starfuckers‘, der dazugehörigen Beschimpfung des Publikums, der stampfenden Darbietung von ‚You Know What You Are‘ und dem Aufbäumversuch bei ‚Head Like A Hole‘ ein doch ganz versöhnliches Ende. Allerdings war ich zu ernüchtert, um die nicht stattfindende Zugabe wirklich noch haben zu wollen.
Ganz anders bei BECK, hier war ich dem „Igittigitt-Bierpreis“ zum Trotz schon zu besoffen, um die Zugabe noch 100% als ‚E-Pro‘ zu identifizieren, was den fluoreszierenden Retro-Roboter-Outfits der inzwischen verkleideten Band keinen Abbruch tat und das Tagwerk abzurunden vermochte.



WAS VOM TAGE ÜBRIG BLIEB:
Um die beiden Events mal eben mit Hollywood-Blockbustern zu vergleichen: bei NIN ist es so ein bisschen wie mit Star Wars – Episode 3. Die alten Teile sind wie die Fragile-Tour nicht wirklich zu toppen gewesen, trotz alledem ganz nettes versiertes Popkorn-Kino, obwohl man sich ein wenig ausgenommen vorkommt.
BECK mit Batman Begins zu vergleichen, hört sich zwar saudumm an (was es wahrscheinlich auch ist), aber wie beim schwarzen Rächer machte beim weißen Slacker alles, was an diesem Abend auf der Bühne im Huxley’s stattfand Sinn und war ohne faden Beigeschmack, welcher bei einer gewissen Größe des Gerichts und der Anzahl der zu verköstigenden Personen nicht einfach zu verhindern ist. Es machte einfach nur Spaß und man empfand das unbändige Gefühl, dass es sich gelohnt hatte, sich musikalisch bzw. filmisch korrumpieren zu lassen.

BECK spielte am 14.06.2005 im Huxley’s Neuer Welt.
NINE INCH NAILS spielten am 15.06.2005 in der Columbiahalle.

Fotos: © BECK, NINE INCH NAILS

www.beck.com
www.nin.com

Autor: [EMAIL=mirco.erbe@b-i-b.de?Subject=Kontakt von der Website]Mirco Erbe[/EMAIL]

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