Die Fernandes-Kampagne oder Wie man mit Metoo nichts erreicht

Die Moderatorin Collien Fernandes ist zurück in den deutschen Medien. In den 2000ern war sie im deutschen Pop-Business nicht wegzudenken: Sie moderierte VIVA, MTV und Bravo TV, präsentierte The Dome-Shows und die Comet-Verleihung. Ihre Ehe mit Schauspielkollegen Christian Ulmen galt als vorbildlich. Ab 2024 thematisierte sie öffentlich die Deepfake-Pornos von ihr, die im Netz kursierten, bis dann im März 2026 öffentlich im Spiegel bekannt wurde, dass Ulmen diese selbst angefertigt und verbreitet haben soll. Dazu kommen Fake-Accounts, Fake-Chats und Fake-Telefonsex. Es geht um Identitätsdiebstahl, Beleidigung und Körperverletzung.

In kürzester Zeit baute sich um Fernandes eine popfeministische Medienkampagne auf. Ihre politischen Forderungen wurden von 250 prominenten Frauen und fast eben so vielen prominenten Männern unterstützt. Anders als bei #Metoo erfährt der/die Leser/-in hier nicht, ob von diesen Personen ebenfalls Deepfakes erstellt wurden. Seitenweise Social Media-Posts und ein paar Demonstrationen forderten v.a. die „Strafbarkeit der Erstellung und Verbreitung sexualisierter Deepfakes“. Bereits im April war dieses politische Strohfeuer dann weitgehend ausgebrannt. Ende Juni übergab Fernandes rund 340.000 Unterschriften an den Bundestag, was medial mitten in der WM kaum noch jemanden interessierte. Aber warum?

Wer Deepfake-Pornos verurteilt, müsste ja eigentlich gegen Deepfakes und dessen Technik an sich vorgehen. Diese gibt es seit zwei Jahrzehnten. Schließlich tauchten schon in den 2000ern angeblich geleakte Pornos und Nacktbilder von prominenten Frauen auf. Im Zuge der Digitalisierung wurde es nun für alle Jungen und Männer, die zu faul waren, Mädchen- und Frauengesichter selbst mittels Grafikprogrammen in Pornobilder und -Videos zu schneiden, einfach und schnell, das eine KI-App machen zu lassen. Sieht man sich aber die 10 Forderungen von Fernandes an, wird hier der KI-Technik oder den sozialen Medien oder gar dem Internet keine Absage erteilt. Vielmehr ist dies ein Versuch, sich darin mit ein paar Höflichkeitsregeln häuslich einzurichten.

In den hier versammelten Prominenten zeigt sich ein postmodernes Milieu, das sich täglich auf genau diesen sozialen Medien (Facebook, Instagram, Youtube, TikTok) tummelt, auf denen in den Vorjahren massiv Werbung für Deepfake- und „Nudify“-Apps gemacht wurde: Neben Pop-Hiphopperin NINA CHUBA treten hier die Fotzenrapperinnen IKKIMEL und KATJA KRASAVICE auf. Von Frauen, die Selbstsexualisierung, Promiskuitätswerbung und Porno-Ästhetik benutzen, ist natürlich keine Kritik an der Pornografisierung der Gesellschaft zu erwarten. Auch schließt sich hier niemand der Bundestagsinitiative gegen Prostitution an. Und doch fordern die Damen ein sofortiges Treffen mit der Bundesregierung.

Noch mehr Youtuber und Musiker finden sich unter den Männern: BELA B. (DIE ÄRZTE) und JAN DELAY (BEGINNER) scharen hier Deutschpopper (INGO POHLMANN, MAX BUSKOHL, SIOVO, JORIS) und HipHopper (TRETTMANN, KITSCHKRIEG, BKRM, DISASTAR, JUDO ÜRGENS) um sich.

Hilflos sind auch die Forderungen: Man will die digitalen Plattformen zur Regulierung verpflichten, was diese auch bei anderen Themen weder im Bundes- noch im EU-Bereich einhalten, wie die letzten Jahrzehnte gezeigt haben. Man will eine staatliche „nationale Strategie gegen männliche Gewalt“, nicht gegen die grassierende Gewalt an sich. Man will den Begriff „Femizid“ im Strafgesetzbuch sehen, statt die Strafverfolgung aller Morde einzufordern, die nicht geschieht. Auch spricht man sich hier nicht gegen echte Nudes aus, nicht mal gegen unerwünschte.

Das alles zeigt die linksliberale Unfähigkeit, über ein System hinaus zu denken. Man kann sich für das System Internet oder die systematische Gewalt nur ein paar Gesetze vorstellen, die in der Wirtschafts- und Rechtspraxis wahrscheinlich nicht einmal angewendet werden. Wenn Millionen Menschen jetzt Internet und KI benutzen sollen, kann man nicht Millionen Menschen bestrafen, wenn sie damit Mist anstellen.

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