DIRTY PROJECTORS – am 01.11. live bei “Certain People” @ Berghain


Was passiert, wenn Genie und Wahnsinn zusammen musizieren – bald auch live und in Farbe.



Die beschrieene Apokalypse der Berliner Clubszene dank neuer GEMA-Regelungen steht laut Prophezeiung zum Jahreswechsel bevor. Wenn die Angst vor dem vermeintlichen Untergang aber dafür sorgt, dass das Pantheon der Nachtkultur sein Programm hinsichtlich des Bookings für Bands mit „herkömmlichen“ Instrumenten öffnet, wird das Wimmern etwas leiser.

Gemeint ist der beste Club Berlins oder sogar der Welt, wie manche behaupten wollen – das Berghain. Ob die beobachtete Verschiebung zu „klassischen“ Line-Ups tatsächlich eine Reaktion auf die Krise ist, um die Zielgruppe zu vergrößern, ist reine Spekulation. Erstens wer weiß, ob das Berghain das überhaupt nötig hätte und zweitens gab es dort schon fantastische Combos zu erleben, nur eben nicht in dieser gefühlten Häufung. Jene Entwicklung freut sehr, denn für Unverständige, oder besser Unwissende des elektronisch-technoiden Genres, waren regelmäßige Besuche keine Option, und ohne Frage ist die Örtlichkeit überragend.

Auch die Reihe CERTAIN PEOPLE in Kooperation mit MELT! BOOKING gibt es dort schon seit geraumer Zeit. Der Name soll Credo sein: gewisse Bands für gewisse Leute, abseits des Mainstreams mit Anspruch operierend (hoffentlich ein Qualitätsversprechen und keine Hipsterdrohung). Am 1. November ist Ausgabe #7 fällig, die u.a. mit DIRTY PROJECTORS aufwartet. Besagte Band um DAVID LONGSTRETH veröffentlichte diesen Sommer eine hervorragende Platte. Swing Lo Magellan ist ein süßliches und zugleich sperriges Album, es ruft mit hellen Popmelodien und wehrt sich mit verschränktem Arrangement und dunklen Textpassagen.



Nun liegt die Veröffentlichung der aktuellen Langspieledition schon gute dreieinhalb Monate zurück, so dass sich eine gereiftere Meinung als unmittelbar nach dem Release formulieren lässt. Kurz gesagt: es ist ein wuchtiges Album und mit das Beeindruckendste was popmusikalisch 2012 abgeliefert wurde. Etwas länger gesprochen: Nach etwa zehn Jahren und ebenso vielen Veröffentlichungen haben sich DIRTY PROJECTORS den Ruf einer Avantgardepop-Band aus Brooklyn mit dem nicht immer einfachen Mastermind LONGSTRETH an der Spitze eingefangen. Die letzte LP Bitte Ocra aus dem Jahr 2009 wurde vielseitig gelobt, unter anderem für ihre bisweilen komplizierten Kompositionen. Swing Lo Magellan ist dagegen etwas zugänglicher. „Etwas“ meint hier, dass die Songs sich zwar schneller öffnen und irgendwie geschmeidiger scheinen, weniger komplex sind die Stücke deswegen noch lange nicht.

Man weiß gar nicht wo man mit den Lobpreisungen ansetzen soll. Jeder Song ist eine Überraschung: galoppiert zunächst in die eine Richtung, überschlägt sich und wirbelt, um dann im Zick-Zack-Kurs in eine andere Abzweigung davon zu rauschen. Verspielt hoppelnde Synthies, dezent-geniale Bassläufe, Backing-Vocals zum Niederknien, Drum-Inventionen, Psychrock-Gitarren, Clappings und und und … ganz zu schweigen von den kryptisch kosmologischen Lyrics und der umwerfenden Sangesleistung LONGSTRETHs. Atemberaubend von der ersten Minute an.

Bei den ersten Durchläufen fühlte man sich einem Kind im Süßwarenladen gleich. Gelockt und gereizt wurde man von allen Seiten, schier unfassbar, dass es so viele Geschmacksrichtungen gibt, und dann die Kombinationen von ihnen! Immer wieder wollte man an der akustischen Eicremetüte lecken, denn jedes Mal schmeckte sie aufregend anders. Und das schöne ist, dieser Eindruck ist noch keiner Gewöhnung gewichen. Noch immer serviert das Auflegen von Swing Lo Magellan einen Ohrenschmaus. Doch auch wenn der Hörer dermaßen umgarnt wird, gehört die Liebe für die Popmusik zum vollen Genuss dazu, vielleicht auch ein Wissen um die diversen Vorreiter, denn hie und da verstecken sich klitzekleine Referenzen in Text und Stil und intellektuell seltsam bleibt der Songreigen allemal.

„Bittersüß“ könnte ein zusammenfassendes Prädikat des Albums sein, da die wonnigen Melodien mit bisweilen düsteren und metaphorisch aufgeladenen Textpassagen verflochten sind, was den freakigen Eindruck stärkt. Im finalen Crooner ‚Irresponsible Tune‘ wird LONGSTRETHs Sicht dann deutlich formuliert, dort heißt es :
“With our songs, we are outlawed / With our songs, we’re alone / but without songs we’re lost / and life is pointless, harsh, and long.
In my heart, there is music / In my mind is a song / But in my eyes a world / Crooked, fucked up and wrong”. Der versprühte Optimismus ist also eine Finte, Ausgelassenheit und Destruktion liegen eng beieinander. – Stichwort Berghain!

Ersichtlich ist nun, weshalb die Verbindung aus dieser Band und jener Location eine spannende ist. Zu dem Wer und dem Wo gesellt sich das Wann. Der erste November ist der 305. Tag im Gregorianischen Kalender, nur noch 60 Tage bis zum Jahresende, bis zur Club-Apokalypse. Am Ersten November wurden die Fresken Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle enthüllt, trat der Vertrag von Maastricht in Kraft, wurde die erste H-Bombe auf dem Eniwetok-Atoll gezündet, feiert Mexiko den Tag der Toten – unsereins geht ins Berghain und lässt sich von den DIRTY PROJECTORS fluten.

[royalblue]DIRTY PROJECTORS live @ CERTAIN PEOPLE
1.11.2012
Berghain (Am Wriezener Bahnhof 20 // U1 Warschauer Straße, Bus 240 Franz-Mehring-Platz, S-Bhf. Ostbahnhof)
Doors: 20.00 h Start: 21.00h (ab 18 Jahren!)
VVK: 22,10 EUR, Koka-Bon: 21,50 EUR
Support: CALLERS (New York), BALLET SCHOOL (Berlin)[/royalblue]

DIRTY PROJECTORS
Swing Lo Magellan
(Domino Records)
VÖ: 06.07.2012

About To Die E.P.
(Domino Records)
VÖ: 6.11.2012

www.bergain.de
www.facebook.com/BerghainPanoramaBarOfficial
www.meltbooking.com
www.faceook.com/meltbooking
www.koka36.de
www.dirtyprojectors.net
www.facebook.com/dirtyprojectors
www.callersband.com
www.dominorecordco.com

Autor: [EMAIL=alexandra.wolf@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Alexandra Wolf[/EMAIL]

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