Essay zum 10. Jahrestag des Columbine Highschool Massakers

„Du auf dem Schulhof, ich zum Töten bereit und keiner hier weiß von meiner Einsamkeit.“
(RAMMSTEIN, ‚Weisses Fleisch‘, 1995)

Am 20. April 1999 betraten zwei Teenager ihre Schule, bewaffnet von Kopf bis Fuß. Dort richteten sie sich selbst, nachdem sie ein Dutzend Mitschüler und einen Lehrer getötet hatten. Über zwanzig weitere Menschen hatten sie angeschossen und geplant, hunderte zu töten. Das ereignete sich in Denver, Colorado. Im Nachspiel durfte sich die Musikszene auch darüber entsetzen, dass sie für das Massaker mit verantwortlich gemacht wurde.

Der plötzliche Einbruch des Mörders in die heile Welt ist das zentrale Thema fast aller modernen Horrorfilme und Psychothriller. Funny Games (F 1997, US 2007) und The Strangers (2008) thematisieren scheinbar vollkommen sinnlose und unerklärliche Gewalt. Während jedoch diese Filme die Tat ins Private verlegen, geschehen Massaker im „Schutz“ der Öffentlichkeit. Beide Phänomene eint der Schock, den eine solche Tat auslöst und der das große Warum provoziert.

Wie Erich Fromm erkannte, ist es eine archaische, vormoderne Reaktion, zunächst einen Schuldigen zu suchen und nicht die Ursache einer Tat – Stichwort „Brunnenvergifter“. Die amerikanische Öffentlichkeit stürzte sich zunächst auf die Eltern der beiden Täter. Bei der Personalisierung des Problems auf die Familien Harris und Klebold entdeckten die Konservativen die verhasste Jugendkultur. Die beiden Täter hatten schlichtweg all das konsumiert, was konservative Kräfte verdammen:

– Sie hatten in Killerspielen wie Doom Situationen trainiert, die sie aus der Schule kannten – (Bedrohung – beide waren Mobbingopfer) und die sie in der Schule haben würden (Massenmord).
– Sie mochten Actionfilme wie Natural Born Killers und besaßen Filme mit Gewaltszenen wie Jim Carroll – In den Straßen von New York. Aus diesen Fiktionen wurde Realität.
– Sie standen der Gothic-Szene nahe und waren Fans von Metal-Songs mit gewalthaltigen Texten.

Alle drei kulturellen Medien boten ihren Gewaltphantasien Raum. Als sich der soziale Finger auf diese richtete, wurde „Columbine“ auch zum Vietnam für die Rockmusik. Das Massaker schien der endlich realisierte Alptraum zu sein, den der Rock‘n‘Roll in Bill Haleys ‚Rock Around the Clock‘ 1954 im Bürgertum ausgelöst hatte.

1999 erreichte Nu Metal seinen Popularitäts-Höhepunkt. Crossover/Industrial Metal war die Musik einer wütenden Jugend und kombinierte die härtesten Stilmittel (Battle-Rap, Metal-Riffs, Electro-Beats). 1997 waren RAMMSTEIN mit KMFDM auf Sehnsucht-Tour durch die USA und 1999 MARILYN MANSON mit dem Album Mechanical Animals (1998) ein Superstar. Die Columbine-Mörder waren Fans von RAMMSTEIN, KMFDM und mutmaßlich auch von MARILYN MANSON, was den Musikern enorme Probleme verschaffte.

KMFDM veröffentlichten zufällig am 20. April 1999 ihr Abschiedsalbum Adios und machten sich damit „verdächtig“. Sie waren wie RAMMSTEIN Vertreter der „Neuen Deutschen Härte“ (NDH), der auch rechtsradikale Bands angehörten. Weil die Columbine-Täter Naziverehrer gewesen waren, passte dies wieder gut in die Argumentation, die RAMMSTEIN in die rechte Ecke stecken wollte.
KRAFTWERK hatten 1974 mit Autobahn vorgemacht, dass man im Ausland mit einem ironisch-provozierenden Bekenntnis zur eigenen Heimat punkten kann. Während jedoch z.B. LAIBACH explizit Codes verschiedener Ideologien ikonoklastisch kombinierten, bauten RAMMSTEIN ein festes Bild aus politischen Codes und Klischees (Pathos, Militarismus, Elitarismus, Futurismus) auf. Man denke nur an das Riefenstahl-Video zur Single ‚Stripped‘. Alles war sowohl eindeutig politisch, wie auch zweideutig verständlich. Rechtskonservative beklatschten derlei „reaktionäre Ästhetik“, als ob eine Linie von Ernst Jüngers „Stahlgewittern“ über Techno zu RAMMSTEIN führe. Linke schimpften auf „unterschwelligen Nazismus“.

So wie RAMMSTEIN (‚Weisses Fleisch‘, 1995) textete auch MARILYN MANSON zumindest metaphorisch über Psychopathen (‚Man That You Fear‘, 1996) sowie über Jugendgewalt (‚Get Your Gunn‘, 1994). Ihn als Berufsprovokateur traf die Wut der Öffentlichkeit besonders stark, sodass er mehrere US-Konzerte absagte. Währenddessen wurden auch in der Gothic-Szene Neonazis gesucht und gefunden, wobei die gesamte Szene in Verruf geriet. Seine Erfahrungen verarbeitete MARILYN MANSON 2000 mit Holy Wood – In The Shadow Of The Valley Of Death, auf dem er wütend zu seinen Roots zurückkehrte (‚Disposable Teens‘, ‚The Nobodies‘). Er verwies auf Waffenlobby und Regierung als Verantwortliche für Columbine, was er auch in Michael Moores Waffenfetisch-Dokumentation Bowling For Columbine erklärte.

Diese Wendung in der Schuldfrage der Kunst entwickelte sich zum neuen Konsens: In den jugendlichen Tätern personalisierten sich soziale Probleme (Desintegration, Klassismus, Krieg nach innen und außen, Rassismus). Die Kunst als eigentliche Warnung vor eben jenen Problemen wurde von ihnen jedoch als Unterstützung in ihrem Welthass aufgenommen. Sie verstanden etwa RAMMSTEIN als eindeutig politisch rechts, obwohl diese nicht zu „Gewalt aufriefen“.

Ihre rechten Einstellungen dagegen griffen bei derartigen Entscheidungen:

– Bei der Frage des Gewaltausmaßes entschied ihre Faszination für die mörderische Pedanterie der Nazis. So planten sie die Tat ein Jahr lang, wobei sie Strategien entwickelten, die ein Maximum an Mordopfern erreichen sollte. Wie Militärs sammelten sie Waffen, bauten Bomben und erschlossen das Schulgelände als Terrain.
– Der 20. April (Hitlers Geburtstag) war zunächst nicht das geplante Tatdatum, man entschied sich dann jedoch dafür.
– Ein junger Mann wurde aufgrund seiner Hautfarbe erschossen. Trotz rassistischer Tendenz richtete sich der Hass der Jugendlichen aber auch gegen Christen, Juden, Homosexuelle und „Weiße“.

Columbine inspirierte weitere Massaker (Erfurt, 2002 und Blacksburg, 2007) und hatte amerikanische Vorgängertaten. Doch durch die breite Rezeption in Zeitungen, TV und Literatur steht das Ereignis als Fanal und Symbol für Aggressionsexzess, nicht aber für das Versagen der Jugendbehörde und Polizei, die das Massaker mit ermöglichten. Die konservative Konstruktion als jugendlich-primitive Konsequenz auf Autoritätsverlust fügte der Rockmusik gewaltigen Schaden zu.

Die Musikszene dagegen folgte MARILYN MANSONS Konzeption der Suche nach sozialen Ursachen. So beschäftigte man sich mit Tätern (NIGHTWISH, ‚The Kinslayer‘, 2000; EMINEM, ‚Who Knew‘, ‚The Way I Am‘ und ‚I’m Back‘, 2000) und Opfern (FLYLEAF, ‚Cassie‘, 2005) und setzte auch die Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen fort. In den Nachwehen von Columbine hatte man festgestellt, dass sich rechtsradikale Meinungen in fast jede Subkultur einschleichen können. Kein Musikstil war mehr „unschuldig“, Wachsamkeit in den eigenen Reihen ist nötig. Industrial ging derweil unter.

Bildnachweise:
(1)
Bredel, Holger: Skinheads. Gefahr von rechts?, Berlin 2002, S.326
www.ccn.com/SPECIALS/2000/columbine.cd/Photos/VIDEO.01.jpg (Stand 16.1.2001)
(2)
Bredel, Holger: Skinheads. Gefahr von rechts?, Berlin 2002, S.381
www.angelfire.com/yt/eharrisdklebold/images/dylaneric4.jpg (Stand 6.12.2000)

Autor: [EMAIL=conrad.wilitzki@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Conrad Wilitzki[/EMAIL]

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