FRANZ FERDINAND + KISSOGRAM am 25.03.2009 in der Columbiahalle


„Alles gut, oder?“



Es war eins dieser perfekten Konzerte, bei dem das Publikum explodiert und die Band den Eindruck macht, als würde sie tatsächlich lieben, was sie gerade tut. Sogar die Vorband war fantastisch.

Das ist ja bei weitem nicht immer so. Schnell entwickelt sich beim Support oft ein Gefühl von „Macht endlich fertig, wir sind nicht wegen euch hier“. KISSOGRAM allerdings waren einnehmend und laut, so dass man seine eigenen Gedanken, sollten es denn ablehnende gewesen sein, gar nicht hören konnte. Wikipedia sagt, KISSOGRAM gehöre zu den wichtigsten Vertretern der Berliner Indie-Pop-Szene, und dem schließt man sich besser langsam an. Energetisch und unter bunten Lichtern drosch Jonas Poppe auf seine Gitarre ein, übte sich bei ‚Snow White On A Train‘ im rhythmischen Kniefall und probierte wohl ganz Gallagher-like eine eigene Mikrofonhaltung zu kreieren. Diese sah so aus, dass es galt, mit größtmöglichem Abstand zum Mirkofon noch in selbiges hineinzusingen, was irgendwie eine Augsburger Puppenkisten-artige Körpersprache zur Folge hatte. Auch Sebastian Dassé, glücklich hinter seinem Synthie-Türmchen verschanzt, hüpfte wie eine Marionette auf seinem Platz herum, während er Fiepsen und Tröten in die Atmosphäre schickte. Man merkt schon: KISSOGRAM waren als Vorband ein Glücksgriff und allen sei ihr Berlin-Gig im Mai ans Herz gelegt.

Die Vorband war also super, nichtsdestotrotz: Wegen euch waren wir nicht hier. Der Grund des Kommens betrat um viertel elf die Bühne, und FRANZ FERDINAND waren sofort voll da. Mit dem ersten Moment, dem ersten Ton sprangen und tanzten Alex Kapranos und Nick McCarthy über die Bühne, dass schon beim zweiten Song besorgte Bühnentechniker heranhuschten, um die aus lauter Übermut umgestoßene Flasche Bier aufzuwischen, die sich ihren Weg über Setlist Richtung Monitorboxen bahnte. Der Funke sprang über.

Während Bob Hardy seiner Postion als Bassist alle Ehre macht und sich ganz ruhig und unauffällig am Bühnenrand aufhielt, überschlug sich Kapranos und ließ mit seinen breitbeinigen Sprüngen bei manchem die Frage aufkommen, ob er abends heimlich Spagat übe. Die Scherpe für das breiteste Grinsen durfte sich der Sänger ebenfalls umhängen, sowohl beim Lachen als auch beim Singen konnte man quasi jeden Zahn einzeln zählen. Minimale Deutschkenntnisse wurden ebenfalls präsentiert. „Alles gut, oder?“ und „Noch eins?“ lösten Begeisterungsstürme aus. Ob das nun an der Sprache oder dem Inhalt lag, sei dahin gestellt. Und auch er war wieder da: Der berüchtigte FRANZ FERDINAND-Stampfer*!

Schon im Vorfeld des Konzerts waren die Überlegungen groß, welche der zwölf Singles die Schotten denn in ihr Programm einbauen und was sie aus dem restlichen, nicht ausgekoppelten Katalog ins Publikum werfen würden. Mittlerweile stehen FRANZ FERDINAND ja vor ähnlichen Problemen, wie man sie sich bei den ganz alten Hasen vorstellt (nur dass sie mit drei Alben keine alten Hasen sind): Bei einer derartigen Hitdichte, welche Songs soll man denn da spielen, damit alle zufrieden sind? Die Antwort war ganz einfach: (fast) alle. ‚Michael‘, ‚This Fire‘ oder ‚No You Girls‘, alle waren dabei, von ‚Take Me Out‘ oder ‚Do You Want To‘ natürlich ganz zu schweigen. Lediglich Mr Superfanstastic ‚Darts of Pleasure‘ sowie die ruhigen Nummern ‚Eleanor Put Your Boots On‘ oder ‚Katherine Kiss Me‘ ließen sich nicht blicken.

Machte aber gar nichts. Zum Trost gab es viele Lieder der neuen Platte, wobei besonders ‚Lucid Dreams‘ ein Schmankerl für Augen und Ohren war. Nach dem eigentlichen Song versammelte sich die Band um Paul Thomson und sein Schlagzeug und jeder durfte fröhlich zuhauen. Ein fünfminütiges Vier-Mann-Drumsolo.

Nach einer Zugabe verabschiedeten sich FRANZ FERDINAND. Es war wie alles Schöne: zu kurz. Wer das Konzert vom Balkon der Columbiahalle verfolgte und sich jetzt an den Abstieg machte, dem schlug auf der Treppe eine stinkende Schweißwolke entgegen. Ein paar Jungs unterhielten sich durchnässt und aufgewühlt: „Das war das beste Konzert, auf dem ich bis jetzt war.“

* Der FRANZ FERDINAND-Stampfer zum Nachmachen: Die Beine positioniere man etwa hüftbreit auseinander. Um nun zu demonstrieren, wie sehr man von der Musik mitgerissen wird, fühle man sich in den Takt der Musik ein und bewege dann wahlweise das linke oder rechte Bein folgendermaßen: Das Bein nach hinten anwinkeln und mit dem Beat wieder auf der Erde aufsetzen. Beliebig oft wiederholen. Zur Auflockerung kann zwischendurch variiert werden, indem man eine Fußspitze etwas nach vorne setzt und lediglich den Hacken im Takt auf und ab wippen lässt. Eine Gitarre kann, muss aber nicht, zu dekorativen Zwecken umgehangen werden. Voilà!

www.myspace.com/franzferdinand
www.franzferdinand.co.uk
www.myspace.com/kissogram

Autor: [EMAIL=melanie.gollin@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Melanie Gollin[/EMAIL]

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