GLASTONBURY FESTIVAL vom 24. – 26.06.05 in Pilton/ England


Wie lässt sich das Unbeschreibbare beschreiben? Erfahrungsbericht über drei Tage Anderswelt im Süden Englands.



Als unser Flieger in Bristol landete, empfing uns „very british“ Wetter: Ein Wolken verhangener Himmel samt nach Regen duftender Luft. Kein Grund zur Panik, das hatten wir ja erwartet. Vielmehr beunruhigte uns die Nachricht, die wir ein paar Minuten zuvor per Sms aus Deutschland erhielten: Vor einer Stunde hatte es in Südengland so starke Regenfälle gegeben, dass ein nahgelegener Fluss über sein Bett trat und das gesamte Festival-Gelände überflutete. Einige Zelte und sogar geparkte Autos schwammen auf und davon – das war’s dann mit dem Glastonbury-Festival für die Betroffenen. Der Veranstalter überlegte, das Festival abzubrechen, bevor es begonnen hatte. Gespannt erwarteten wir also den Augenblick, an dem unser Shuttlebus endlich auf das Gelände bog.

„Don’t forget your wellies“ stand noch in dem Prospekt, den uns Lucy vom Glastonbury Pressezentrum geschickt hatte und wir neugierig im Flugzeug durchblätterten. Wir nickten einander zu: Natürlich haben wir Deo, Duschgel und D……… dabei! Für unsere Wellness hatten wir also gesorgt. Dass „wellies“ zu deutsch „Gummistiefel“ heißt (und nicht „rubber boots“, schönen Gruß an die Englischlehrer!), mussten wir dann auf die unangenehme Art und Weise erfahren.

Ein schaurig-traumhaftes Gefühl, mit seinen einzigen (ich schwör’s!) Turnschuhen in eine knietiefe Schlammpfütze zu tunken und sich von den schönen Zeiten, die man miteinander verbracht hatte – man ging ja quasi durch dick und dünn – zu verabschieden. Eifersüchtig blickte ich auf die Füße in Stiefeln rings um mich herum, während Richard immer noch frohen Mutes voranschritt und mich weit hinter sich ließ. Ein Königreich für ein Paar Wellies! Leider waren alle bereits am Nachmittag ausverkauft.

Nach stundenlangem Umherirren von überflutetem Zeltplatz zu Zeltplatz – manche Zelte waren so eng aneinander gestellt, dass man kaum noch mit dem Fuß dazwischen kam – schlugen wir erschöpft unser Nachtlager an einem Bach auf. Der Platz war als einer der wenigen noch frei – warum wohl? Für die nächsten Tage war kein Regen angesagt, also hatten wir Nichts zu befürchten. Unser Zelt bauten wir zu ‚Hellicopter‘ von BLOC PARTY auf. Ein unbeschreibliches Gefühl, bei einer solch öden Tätigkeit vom Live-Schall dieser großartigen Band begleitet zu werden.

Mit THE KILLERS und THE WHITE STRIPES eröffneten wir unseren ersten GLASTONBURY FESTIVAL-Abend. Zu FATBOY SLIMS bauchigen Klängen bin ich dann selig eingeschlafen, zu kaputt, um mich noch zu ihm aufzuraffen.

Zugegeben: Es brauchte 24 Stunden, bis man sich daran gewöhnte, seine künftigen Tage in nassen Socken und Schuhen verbringen zu dürfen. Komischerweise schien ich die Einzige zu sein, die diesen Zustand als unoptimal zu betrachten schien. Jeder mitleiderhaschende Blick von mir führte ins Leere. Überall nur strahlende Gesichter und lachende Menschen.

Und auf einmal begriff ich es: Das war also Glastonbury! Hier ist es schnurzegal, ob die Sonne scheint, dein Zelt wegschwimmt oder ob du matschbeschmiert auf dem Boden liegst. Hier gelten andere Regeln als die der Alltagswelt. Auch mit ähnlichen Riesen-Festivals lässt sich Glastonbury nicht vergleichen. Hier ist man freundlich zueinander, lässt sich nicht bis unter die Haarwurzeln zulaufen und pöbelt dann seine Mitmenschen an. Den ganzen Tag sah man Menschen, die von Bühne zu Bühne (es waren insgesamt 8 große und 5 kleine) schlenderten, gemütlich in Gruppen zeitunglesend auf matschigen Wiesen saßen oder sich am Fish & Chips-Stand verköstigten. Hier und da wurde verweilt, man unterhielt sich über den vergangenen Abend, tanzte zu Goa- und Drum&Bass-Klängen vor einem DJ-Pult oder ließ seine Kinder auf dem Greenpeace-Spielplatz umhertollen.

150.000 Besucher zählte das diesjährige Festivalgelände. Das entspricht in etwa der weiblichen Einwohnerzahl von Berlin Mitte auf einer Fläche, die die Größe von Kreuzberg übertrifft. Und diese Anzahl an Menschen unterschiedlichen Alters (zwischen 3 und 66 Jahre alt) auf dieser abgezäunten Fläche vermittelte im Nachhinein wirklich den Eindruck, man sei in einer anderen Welt gewesen.

Eine Welt, in der das größte Problem darin besteht, sich zwischen der Live-Performance von BRIAN WILSON, THE BRAVERY und SOULWAX entscheiden zu müssen. Eine Welt, in der du mit Musik von PINK FLOYD geweckt wirst und zu STINGs ‚ROXANNE‘ einschläfst.

Eine regelrechtes „Freizeitparadies“ hatten die Veranstalter des Festivals auf dem Gelände errichten lassen: Neben den 6 Haupt- und zahlreichen kleineren Bühnen gab es dort noch Massage-Zentren, ein Open-Air-Kino (in der Größe der Berliner ARENA), Natur- und Holzspielplätze, Informationszentren der Organisationen WATER AID, OXFAM und GREENPEACE sowie natürlich jede Menge Esoterik-Stände und Fress-Büdchen.

Und so kam es, wie es kommen musste: Nach drei wundervollen Auszeit-Tagen befand ich mich direkt wieder auf dem Heimweg. So sehr ich mir auch meine heimische Badewanne herbei sehnte – ich hätte ruhig noch ein paar Tage länger dort verweilen können.

Live erleben durfte ich unter anderem COLDPLAY, WHITE STRIPES, GARBAGE, IAN BROWN, VAN MORRISON, KEANE, KAISER CHIEFS, MARTA WAINWRIGHT, THE RAKES, JAMES BLUNT, ASH, BRENDAN BENSON, BRIAN WILSON, THE KILLERS, GOLDIE LOOKIN’ CHAIN, NEW ORDER, THE ENGENEERS, SOULWAX und zahlreiche andere Bands.

Das Festival stellte sich mittendrin und im Nachhinein ganz anders dar, als ich es erwartet hatte. Leute, ich sag’s euch: Wer in diesen mageren Zeiten mal ein bisschen Geld übrig haben sollte, der investiere es bitteschön in Erlebnisse dieser Art und spare sich den Kurzurlaub auf Malle!

Wer sich ein paar bildliche Eindrücke vom Glastonbury Festival, seinen Besuchern und den Bands verschaffen möchte, kann sich demnächst hier durch die LIVE FOTOSHOW klicken.

Foto © Richard Friebe

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