Kasabian | Immer eingeschaltet

Überraschung gefällig? Das sollte mit KASABIAN kein Problem sein. Morgen veröffentlicht die Band um Mastermind SERGE PIZZORNO ihr sechstes Album – und auf For Crying Out Loud macht die Band, was sie am besten kann: etwas ganz Neues. Elektrosounds, die in der Vergangenheit fester Bestandteil des Repertoirs waren, sucht man fast vergeblich, vielmehr wird der Beat von Gitarre und Schlagzeug gemacht. Die Melodien sind eingängig und darin nicht zuletzt an der Motown-Tradition geschult. Sänger TOM MEIGHAN beweist zudem einmal mehr, dass seine Stimme mit der aufgekratzten Kreativität seines Kollegen mithalten und auch dieses Ende der stilistischen Bandbreite Pizzornos mühelos bedienen kann. Mit diesem haben wir über den kreativen Schaffensprozess im Allgemeinen und natürlich For Crying Out Loud im Besonderen gesprochen…

Welche Songs auf eurem neuen Album magst du besonders?

Ill Ray (The King) mag ich sehr, vor allem den Groove und das Schlagzeug im Mittelteil. Auch der Groove auf You’re In Love With A Psycho ist gut geworden – ziemlich unwiderstehlich, wie gemacht für die Tanzfläche. Aber Are You Looking For Action? ist mein Lieblingstitel auf der Platte. Ich mag den Sex daran, und man kann acht Minuten lang dazu tanzen. Das war mir wichtig. Wir wollten ein Feelgood-Album machen, um damit positive Stimmung zu verbreiten. Musik ist eben immer noch die beste Form von Flucht. Gewissermaßen ist die Sache vergleichbar mit einer Rückkehr zur Dämmerung der Menschheit. Zusammen zu singen, sich zusammen zu bewegen. Wir wollen die Welt daran erinnern, dass die Dinge so einfach sein könnten. Dieses Album ist unsere Reaktion auf die dunklen Zeiten, die herrschen. Ich habe in der Vergangenheit viel Protestmusik gemacht und damit manche Leute ausgeschlossen oder vor den Kopf gestoßen. Ich hatte einfach das Gefühl, dass unsere Botschaft dieses Mal eine andere sein sollte, und wollte positives Denken schaffen.

Wie funktioniert dein kreativer Prozess generell? Kannst du dich vor Ideen kaum retten oder musst du in einem ganz bestimmten geistigen Zustand sein?

Ich bin im Grunde immer eingeschaltet. Du weißt nie, wann du Material brauchen wirst.

Für die Vorbereitung des aktuellen Albums brauchtet ihr gerade einmal sechs Wochen…

Ja, für die ersten zehn Titel. Ich denke, ich arbeite gewissermaßen in Ausbrüchen. Ich werde nichts erreichen, wenn ich mich bewusst hinsetze und einen Song schreiben will. Das ist wie mit dem Bild da drüben. (zeigt darauf) Da könnte ich irgendetwas entdecken, das mich inspiriert und das ich mag.

Die Legende besagt, dass du durch die Betrachtung eines Bildes von Jeremy Deller zu Bless This Acid House inspiriert wurdest?

Das stimmt. Ich schließe die Eindrücke gewissermaßen in mir ein und weiß, dass sie mir irgendwann nützen werden. Dann kommen wir von der Tour zurück und ich überlege mir, was ich als nächstes machen möchte. Ich will kein Album machen, nur weil die Maschinerie eines braucht. Die Idee hinter dieser Platte war, dass wir uns eine kurze Frist setzen und ein Gitarren-Album machen – es war weitaus weniger kopfgesteuert als das letzte. Ich habe mein Notizbuch herausgeholt und mich erinnert. Dann spielst du ein paar Akkorde und die Sache passiert einfach. Der Trick ist, einen Song fertigzustellen. Der Rest kommt von allein.

Ist es dir wichtig, dich als Songwriter der Band selbst neu zu erfinden? Ist das für dich harte Arbeit oder passiert die Entwicklung eines neuen Sounds ganz natürlich?

Das ist eine Sache des Instinkts. Es ist für mich aufregend zu merken, dass mein Instinkt auf etwas anspringt. Wenn du wartest und versuchst vorherzusagen, was die Leute von dir wollen oder was gerade modern ist, fühlt es sich nicht richtig an. Das macht mich nicht glücklich. Mich macht zu einem Zeitpunkt gerade Gitarrensound glücklich? Dann werde ich das machen! Für gewöhnlich mache ich genau das Gegenteil der Dinge, mit denen ich mich vorher beschäftigt habe, weil ich von diesen erschöpft bin.

Manche Bands haben einfach Angst, das Publikum zu vergrätzen…

Meine unmittelbare Reaktion darauf ist einfach: „Nein!“ Ich bin ein Idiot. Ich sollte wahrscheinlich tun, was die Leute wollen, dann wäre alles super. Aber nein – Scheiß drauf. Wir haben außerdem viel Glück gehabt. Unsere Fans haben uns immer begleitet und ich denke, dass es gerade die Aufregung um das Erscheinen unserer neuesten Platten ist, die uns so interessant für sie macht. Viele wissen nicht, was sie erwartet, sie hören sich die Musik aber an und mögen sie schließlich. Das ist wirklich selten und wir können im Grunde machen, was auch immer wir wollen.

Wie würdest du den Sound auf dem neuen Album spontan beschreiben?

Feelgood-Musik. Dabei belasse ich es, das gefällt mir. Unsere vorherigen Alben waren Konzeptalben, das ist dieses Mal anders. Es ist eine simple Sache und gerade dadurch so schön. Ich könnte jetzt einfach die Gitarre aus der Ecke holen und das ganze Album durchspielen und es wäre super. Auf dieser Platte gibt es eine fantastische Verbindung zwischen den Texten und der Musik – es macht in seiner Schlichtheit einfach Sinn.

Das erkennt man auch am Albumtitel – ziemlich geradeheraus und simpel.

Genau. In England sagen wir eigentlich die ganze Zeit „for fuck’s sake“. Meine Großmutter hat stattdessen eben immer „For crying out loud“ gesagt. Als ich die Worte so niedergeschrieben habe, hat es einfach gepasst.

Schreibst du deine Musik als erstes oder die Texte?

Immer die Musik als erstes.

Wie entscheidest du für gewöhnlich, welche Songs auf ein Album kommen?

Für dieses Album habe ich eine Art geistige Box gehabt und rigoros aussortiert. Songs mögen unglaublich gut gewesen sein; wenn sie nicht gepasst haben, waren sie draußen. Ich habe beschlossen, einfach meinem Gefühl zu folgen.

Deine Fans müssen sich also keine Sorgen machen – du hast jetzt erstmal genug Material gebunkert?

Das wäre schon Wahnsinn, wenn ich das Material verwenden würde – da waren ein paar wirklich schräge Sachen dabei.

Welche Bands haben dich bei der Arbeit am neuen Album inspiriert?

Da gab es keine spezifischen Einflüsse. Das Motown-Ding war interessant; einfach die Idee vom perfekt strukturierten Popsong, mit dem man die Leute schon nach den ersten Tönen in der Tasche hat. Generell waren auch die Siebziger wegen der Gitarrensounds wichtig. T-Rex, Bowie, Roxy Music, Talking Heads habe ich viel gehört. All das waren aber keine direkten Einflüsse, eher das Konzept dahinter hat für unser Album eine Rolle gespielt.

In einem Interview habt ihr mal mit einem Augenzwinkern gesagt, ihr seid die beste Band der Welt. Warum ist das so?

Genau, das war natürlich mit einem Augenzwinkern. Auf der anderen Seite will keiner eine Band sehen, die nicht an das glaubt, was sie dir erzählt. Es geht nicht so sehr um einen Wettbewerb, wer die beste Band ist. Es geht eher darum, dass wir alles, was wir sagen, wirklich so meinen. Und es geht darum, dass wir jeden Abend alles geben. Wenn du so etwas hast, ist das unantastbar. Das bedeutet es für mich. Du musst so stark sein, es zu glauben und auszustrahlen.

Die Ehrlichkeit der Band ist also ihr Fundament?

Genau das. Wir geben alles, und darum sind wir auch noch da. Ich weiß nicht, warum wir das so machen müssen, denn es ist definitiv erschöpfend. Aber es ist der einzige Weg für uns. Wir schätzen die Verbindung, die wir zu Menschen auf der ganzen Welt haben. Wir fliehen vor richtigen Jobs (lacht). Musik zu machen ist die wunderbarste Sache überhaupt. Dann kommen die Menschen auf unsere Konzerte und fliehen ihrerseits für diese zwei Stunden. Zusammen dürfen wir das; das Leben kann einfach hart sein.

Ihr lebt ja auch nach wie vor in Leicester, obwohl euch die Welt offen stünde…

Das stimmt. Da ist diese Echtheit. Ich weiß nicht, ob ich kommunizieren könnte, wenn ich nicht wüsste, wie das echte Leben ist. Ich reise natürlich viel. Wenn ich also heute Abend in Berlin ausgehen möchte um zu sehen, was passiert – ich habe von diesen unglaublichen kleinen Kunstkollektiven gehört – kann ich mir das ansehen, mein iPad herausholen und fachsimpeln… Aber würde ich die Verbindung verlieren zu dem Ort, aus dem ich komme, wüsste ich nicht, was ich zu dem Mann und der Frau in der dritten Reihe sagen sollte. All dieser Mist, den manche Berühmtheiten von sich geben, weil sie den Bezug zur Realität verloren haben…

Kunst scheint wirklich wichtig für dich zu sein.

Man kann sagen, dass es mir generell wichtig ist, Dinge zu erschaffen. Ob das Film oder Musik ist. Wenn etwas noch nicht existiert und dann erschaffen wird – ich liebe das. Und ich liebe kleine Filme, kleine Fotos…

Fließen viele deiner persönlichen Erfahrungen in deine Musik oder bist du eher ein neutraler Songwriter?

Ja, die Texte auf diesem Album sind vermutlich die persönlichsten, die ich bisher verfasst habe. Meine Obsession für Filme spielt da sicher eine Rolle. Ich baue Songs gern auf wie kleine Filme.

Hast du denn Pläne, dich außerhalb der Musikwelt als Schauspieler zu versuchen?

Ich habe gerade ein wenig mit dem Schauspielern begonnen und gebe in einer kleinen Fernsehserie, die im Jahr 1973 spielt, einen Drogendealer. So ängstlich ich vor dieser Erfahrung auch war, es hat mir doch auch einen kleinen Kick gegeben. In einem Film mitzuspielen wäre nett. Aber da werde ich noch einiges tun müssen und um Schauspielunterricht wohl nicht herumkommen.

Das Interview wurde von Sanela Lukavica geführt.

KASABIAN
For Crying Out Loud
(Sony)
VÖ. 28.04.2017

Live

30.10.2017 München – Tonhalle
31.10.2017 Berlin – Columbiahalle
01.11.2017 Hamburg – Mehr Theater
04.11.2017 AU – Wien – Gasometer
05.11.2017 CH – Zürich – Halle 622
07.11.2017 Köln – Palladium

www.kasabian.co.uk

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