KLEZ.E

Neulich rief mich Tobias Siebert an. Zugegeben, das ist an und für sich noch nicht sehr interessant. Würdet ihr euch hinsetzen und für andere aufschreiben, wer euch anruft?
Hoffentlich nicht. Es sei denn, sie bitten euch, das zu tun.
Nun gut, direkt genau darum wurde ich auch in diesem Fall nicht gebeten. Vielmehr sollte ich ein paar Worte über Musik schreiben, von der er wusste, dass ich sie mag. Eigentlich wolle ich das nicht, sagte ich, in dem Gefühl, dass es mir tatsächlich unmöglich sein müsse. Denn was weiß ich über klez.e, um deren Musik es ging? Ich habe noch kein einziges Konzert der Band gesehen. Was sollte ich über die Umstände sagen, die diese Musik hervorgebracht haben, wenn ich sie nicht kenne? Und wie sollte ich famose Anekdoten über eine Band schreiben, von deren Mitgliedern ich keines persönlich kenne? Außer eben ihren Sänger, dessen Stimme ich gerade am Telefon hörte?
Dass ich hier nun doch schreibe liegt vor allem daran, das Tobias, mit Verlaub, egal ist. Die Umstände sind egal. Famose Anekdoten sind egal. Und auch Konzerte sind egal, wenn man einmal davon absieht, wie gerne ich eins sehen würde. Das alles ist deswegen egal, weil »Leben Daneben«, das erste Album von klez.e, eine Welt ist, die in sich so vollständig und rund ist, wie eine Welt nur eben sein kann, wenn sie denn von einer Band erschaffen wurde.
Aha, mögt ihr denken. Ab hier dann jetzt doch Waschzettel mit einer guten Portion der faden Soße aus dem Superlativautomaten. Denkt doch was ihr wollt. Aber nicht, dass ihr diese 11 Stücke nebenher laufen lassen könnt, während ihr in Gedanken schon überlegt, was ihr als nächstes anhört. Denn wenn das hier Musik ist, die sich ernst genug nimmt, um weit auszuholen und vor den eigenen Ambitionen nicht zurückzuschrecken, dann sollte man doch gefälligst auch mit dem Hören ernst machen.

Und klez.e holen tatsächlich weit aus. So kann man in ihrer Musik ein fein beobachtendes Wissen über Bands wie The Notwist oder Radiohead erkennen. Nur sind sie eine junge Band, die hungriger und ungestümer mit dem umgeht, was für diese Bands am Ende einer langen Entwicklung stand. So fallen die vielfach gebrochenen Songstrukturen und das nahtlose Ineinandergreifen von Programmiertem und Gespieltem kaum weiter auf, da sie natürlichster Bestandteil dieser Musik sind. Es klingt nicht, als würden klez.e Grenzen und Beschränkungen verwerfen, es klingt, als hätten sie diese von vornherein nicht gekannt.

Zudem sind sie eine der wenigen Bands, deren deutschsprachige Texte in Ausdruck und Gestus zuerst fremdartig erscheinen, bis man bemerkt, dass sie viel näher an der englischen Tradition von Popmusik als an irgendeiner deutschen Schule stehen. Und auch hier hat man nicht den Eindruck, als würden sie sich Gedanken darüber machen, ob das gut gehen kann.
Natürlich hätte ich Tobias am Telefon fragen können, ob diese Musik sich tatsächlich mit einer solchen schlafwandlerischen Sicherheit entwickelt oder ob dem Ergebnis lange und qualvolle Nächte im Studio vorausgehen. Aber was kümmert uns das, wenn am Ende Musik steht, die in ihrer groß angelegten Reichhaltigkeit nie angeberisch wirkt? Was kümmert uns das, wenn ein so berückender Song wie »Du Auch« sich durch unterschiedlichste Formen windet und dabei ganz bei sich selbst ist? Was kümmert uns das, wenn ein Song uns gerade aus dem Liebesleben in die Kriegsberichtserstattung geworfen hat, während sich um uns herum fast unbemerkt Sonic Youth’sche Gitarren mit nahezu Coldplay-haftigem Balladentum verbinden? In dieser Musik wird sich jedem Moment so bedingungslos hingegeben, als wäre es der letzte Ausweg aus einem erdrückend verzweigten Labyrinth.
Aber was sage ich. Alles, was ich über klez.e weiß steckt in diesem Album. Ich kann euch nicht mehr verraten als das, was ihr selbst hören könnt. Und nicht einmal ein Hundertstel davon habe ich hier aufgeschrieben, das meiste wartet noch darauf von euch entdeckt zu werden. Und wer wäre ich, euch dieses Vergnügen zu nehmen?

Jan Niklas Jansen

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