LIGHTNING DUST + SLASHING GALES am 10.12.2009 im Bang Bang Club


Die Farbe des Horizonts.



Man könnte beginnen, den Kerzenschein im spärlich beleuchteten Raum zu beschreiben. Sanfter Schimmer, der sich auf die Musikergesichter legt, antiker Kerzenhalter, dessen Wachs sich seinen Weg zur Verstärkerbox bahnt. Problematisch wird jedoch spätestens jetzt die Diskrepanz zwischen notierter und tatsächlicher Atmosphäre, denn trotz vorhandenem Kerzenhalter müsste für Letztere eher an einer anderen Stelle angesetzt werden:

Das Hemd des Keyboarders ist pink. Blau, schwarz, gestreift, gemustert, grafische Elemente. Die weiß beturnschuhten Füße wippen im Takt, der sich in so mancher 80er Jahre Disko gut machte. Die Haare des Sängers hängen in strähniger Achtungslosigkeit an den ausgezerrten Wangen hinunter, zu den Synthwänden schlägt er einzelne Gitarrenakkorde an. Freistehend sind sie für keine Melodie konzipiert und entwickeln selbige dennoch gerade daraus. Darüber steht die beständige Frage: an welchen 90er-Sänger klingt diese Reminiszenz an? Jarvis Cocker, Stephen Malkmus, Thurston Moore, Pulp Pavement Sonic Youth, irgendwie auch Velvet Underground… eine endgültige Beantwortung bleibt absent; einerlei ist das ja eigentlich auch, im Gegensatz zu folgender Feststellung: SLASHING GALES‘ anachronistische Rückschau verzahnt Nostalgie mit so nicht Gehörtem und domestiziert daraus Tonkunst, die der eigentlich für den Hauptakt LIGHTNING DUST reservierten Entzückung ein bisschen Publikumsbegeisterung abwirbt.

Wenn später der Kerzenschein trivialer Beleuchtung weicht, sind es vier Gestalten, die unter anderem vom mitgebrachten, kanadischen Heimatpublikum beklatscht werden. Den Sinn des Nebenprojektes LIGHTNING DUST von den beiden BLACK MOUNTAIN-Mitgliedern Joshua Wells und Amber Webber beschreibt Letztere als Weg, ihrer dunklen Seite nachzuforschen. Doch die Dunkelheit versteckt sich heute gut, so ist es eher eine behutsame Zaghaftigkeit, die in sämtlichen Gebaren Webbers in Erscheinung tritt und sie selbst zur personifizierten Schüchternheit erhebt. Zaudernd ist ihr Gesang, der einen Ton in unerschöpfliche, fragile Längen ziehen kann, zusammengekrampft die Finger, die uns einen Kriegszustand erklären, der pazifistischer nicht sein könnte. „I declare a war on you, someday soon.“ Weit davon entfernt sind Webbers schüchterne Seitenblicke zu Wells in ihrer zurückhaltenden Regelmäßigkeit.

Und auch wenn in Gebärden wie diesen manchmal ein unerschöpflicher Kessel für Traurigkeit liegt, welche sich anstelle einer öffentlichen Entkleidung im Dunkeln verborgen hält, fällt es schwer, Webbers Introvertiertheit als etwas anderes zu nehmen als was sie nun einmal erscheint: charmant. Durch die Trübung der Dunstschwaden, die einen von Zeit zu Zeit hinunterzuziehen vermögen, ist er eben doch irgendwann wieder zu entdecken: kleiner Goldstaub. Schenkt man LIGHTNING DUST Glauben, erscheint er am Ende immer ein bisschen heller als der nebelgraue Horizont.

http://www.myspace.com/lightningdust
http://www.lightningdust.com
http://www.myspace.com/slashinggales

Autor: [EMAIL=lisa.forster@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Lisa Forster[/EMAIL]

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