MERCURY REV am 19.03.2005 im Postbahnhof

[B]Die Romantik des Alltäglichen: Willkommen im magischen Universum von MERCURY REV.[/B]



Etwas ungläubig schaute Sänger und Gitarrist JONATHAN DONAHUE angesichts des bestens gefüllten Postbahnhofs schon drein, als er pünktlich gegen 20.30 Uhr mit einem Glas Rotwein die Bühne betrat und den erwartungsfrohen Fans erst mal mit einem leicht entrückten Lächeln zuprostete und sich auch die abgedroschene Eingangsfrage „How are you doing… how are you really doing?“ nicht verkneifen konnte.

Nach der äußerst wechselvollen Geschichte der Band bis Mitte der 90er scheint sie es nach wie vor richtig zu genießen, die seit ihrem Überraschungserfolg mit dem inzwischen zum Klassiker avancierten 98er Album [I]Deserter’s Songs [/I] erlangte Erfolgsspur weiter fortzusetzen, auch wenn die Nachfolgealben [I]All Is Dream [/I] und das im Januar dieses Jahres erschienene aktuelle Album [I]The Secret Migration[/I] zumindest hierzulande wieder eher einer kleinen Fangemeinde vorbehalten blieben und auch keinen Song vom Bekanntheitsgrad (und der Klasse) eines ‚Goddess On A Hiway‘ abwarfen.
MERCURY REV besetzen mittlerweile ihre ganz eigene Nische eines manchmal verqueren, meist opulent instrumentierten magischen Psychedelic Pop, der sich auf dem aktuellen Album eingängiger und kompakter präsentiert und auch schon mal mit dezenten elektronischen Spielereien aufwartet.

Größtenteils sollten beim Gig im Postbahnhof Songs der beiden letzten Alben im Vordergrund stehen – natürlich mit gelegentlichen Abstechern zu [I]Deserter’s Songs [/I] oder auch zu einigen (wenigen) älteren, schon mal nur zur Akustischen vorgetragenen Stücken, für deren freundliche Goutierung seitens des Publikums JONATHAN sich besonders artig bedankte („You’re very kind, that was a very old song“).
Naturgemäß zeigte sich die Band live etwas rockiger und rauer als auf ihren Alben, insgesamt überwog ein mächtiger, ziemlich verdichteter Sound, der dann und wann bei den messerscharf zelebrierten Soli von Gitarrist GRASSHOPPER auf dichtem Keyboard-Teppich tatsächlich schon mal Assoziationen zu Pink Floyd oder Yes weckte (‚Tides Of The Moon‘, ‚Black Forest (Lorelei)‘, ‚Secret For A Song‘), dennoch wohnte dem Ganzen natürlich auch eine stets durchschimmernde psychedelisch verschraubte (Indie-) Komponente bei.

Visuell unterstützt wurde die romantisch besetzte und bei MERCURY REV von jeher einen hohen Stellenwert einnehmende und der Kindheit von JONATHAN in den amerikanischen Catskill Mountains geschuldete Naturmetaphorik von auf Leinwand projizierten, meist farbenfrohen Tier-, Unterwasser- und All-Videosequenzen im Bühnenhintergrund, angereichert mit meist überdimensionalen Slogans oder Sprichwörtern, die die Gegenüberstellung von wissenschaftlich rationalen und romantischen Sichtweisen auf die Welt versinnbildlichen sollten: „The universe is not made of atoms, but of stories“. Dass das nun aber auch alles mit dem nötigen Augenzwinkern zu betrachten ist, zeigte das inmitten all der Weisheiten von Wissenschaftlern, Philosophen und Schriftstellern reingemogelte, wohl eher scherzhaft zu verstehende Credo von Gitarrist GRASSHOPPER: „Not perhaps. Probably“.

Frontmann JONATHAN DONAHUE bot während der Performance so manches Mal auch ganz großes Kino, als er mit unglaublich aufgesetzter Theatralik den besessen dirigierenden, seine Mitstreiter leidenschaftlich anfeuernden diabolischen Zampano zum Besten gab, der sich gleich zu Beginn des Auftritts gar in einen bedrohlichen Nosferatu zu verwandeln schien und dem Hals von Keyboarder JEFF MERCEL doch ziemlich nahe kam, was ihm sichtlich großes Vergnügen bereitete.

Nach gut zwei Stunden (inklusive eines ausgiebigen, 5-Song-starken Zugabenblocks mit wunderbaren Versionen von ‚Little Rhymes‘ und ‚Goddess On A Hiway‘) setzte die Band mit ‚The Dark Is Rising‘ einen ungemein wuchtigen und hell strahlenden orchestralen Schlusspunkt, bei dem JONATHAN seine gestenreiche Dirigenten-Leidenschaft nochmal so richtig ausleben konnte.
Ein klasse Konzert, das einen für kurze Zeit in eine andere, wunderbare und vielleicht bessere Welt entführte.

www.mercuryrev.com

Autor: [EMAIL=thomas.stern@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Thomas Stern[/EMAIL]

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