MOTOR IM GRÜNEN am 11.08.2006 auf der Insel der Jugend


Live mit VIRGINA JETZT!, MADSEN, KLEE, SUPER700 und WINSON.

Motor Music, Motor FM, motor.de haben geladen, um gemeinsam mit Freunden und einigen der vielversprechendsten Bands aus dem derzeit so stark blühenden Deutsch-Indiepop-Feld die Erfolge der letzten Jahre zu feiern.

Wir sind etwas beleidigt, dass PETERLICHT abgesagt hat und außerdem vom strömenden Regen in unserem Heimatstadtteil deprimiert, so dass wir die beschauliche Insel der Jugend in Treptow nach einem nun sonnenbeschienenen Spaziergang am Spreeufer entlang leider zu spät erreichen. So kommt es, dass wir den (sehr geschätzten) WINSON verpassen, der uns aber als sympathischer, angenehm unaufdringlicher Conferencier durch das nachmittägliche und abendliche Programm begleitet und immer wieder Petrus für den Erhalt des guten Wetters dankt. Na toll, hätten wir das gewusst!



Ein buntgemischtes, für Berliner Indiepop-Verhältnisse angenehm unhippes Publikum hat sich schon früh versammelt (Benjamin von Stuckrad-Barre in „Agenda 2010“-Jacke und später auch Sarah Kuttner werden allerdings gesichtet), so dass die international besetzte Berliner Combo SUPER700 ihre höchst musikalischen, trip-jazzig bis rockig inszenierten Songs bereits vor einer ansehnlichen Zahl Gäste spielen kann. Problematisch nur, dass die Zuschauer zum großen Teil zwischen den genügend vorhandenen Getränke- und Essensständen sowie den doch etwas zu spärlich ausgestatteten Toilettenräumen im nebenan befindlichen Veranstaltungsgebäude pendeln. Die einzige englisch singende Band am heutigen Tag um die drei Blickfang bietenden Schwestern Ramadani überzeugt als musikalisch äußerst talentiert und facettenreich – reißt Stilgrenzen ein, aber noch nicht ganz mit.

Mit KLEE wird es gefühliger. Aber wie! Suzie Kerstgens betritt einige Sekunden nach ihrer Band die Bühne, um in den nächsten 45 Minuten so gut gelaunt, verspult und verhuscht-derangiert die Poprock-Frontfrau zu geben, dass Zwischenrufe à la „Ich will auch was davon!!!“ nicht ausbleiben. In Pulli und Jeans gekleidet, in der Hand eine große Blume (Lilie?) nach oben gereckt, eröffnet sie gemeinsam mit ihren vier Bandkollegen mit ‚Für alle, die‘ und ‚Zwei Fragen‘, um dann einige der Britpop–affinen Stücke vom neuen Album Zwischen Himmel und Erde folgen zu lassen. Mit ‚Liebe mich Leben‘ und ‚Dieser Fehler‘ sind zum Glück zwei der schnelleren neuen Nummern vertreten, sonst hätte man sich, ob der sommerlich-lieblichen Harmonien, eines leichten Gefühls von „ZDF Fernsehgarten“ (Zitat meiner Begleitung) auf Dauer vielleicht nicht erwehren können. Egal, die gesangliche und musikalische Darbietung sitzt und als Suzie zwischen all den exaltierten Posen demonstrativ lasziv ihre Bierflasche leert, ist klar, dass das hier schon noch mit Rock’n’Roll zu tun hat. Dennoch bleibt festzuhalten, dass das leidenschaftliche ‚Tausendfach‘ und das elektronisch-angehauchte ‚Gold‘ vom letzten Album Jelängerjelieber live an diesem Nachmittag doch am meisten kicken, so gern ich Zwischen Himmel und Erde in diesem Sommer zu Hause auch auflege.



Als MADSEN wenig später ihr Konzert beginnen, steigen Stimmung und Spannung spürbar, und die ersten jungen Menschen entern per Tretboot, vom gegenüberliegenden Ufer kommend, die Insel. Das ist den Ordnern zwar lästig, zeugt aber von Einfallsreichtum und Engagement der Berliner Indierock-Fans. „Hallo wir sind Mando Diao – wir singen jetzt deutsch!“, lässt Sebastian Madsen nach den ersten Songs verlauten, und der Vergleich hinkt kein Stück. Was die fünf Männer aus dem wunderbaren Wendland in 60 Minuten an Spielfreude, Energie, Charme und tollen Songs versprühen, kann allen jungen Schweden dieser Welt das Wasser reichen. Allen voran Sebastian scheint sich pudelwohl zu fühlen und trägt alte wie neue Songs unterschiedslos hochmotiviert vor. Die alten Hits ‚Vielleicht‘, ‚Unsichtbar‘ und ‚Mein Therapeut und ich‘ haben sich nicht abgenutzt, und die Auszüge aus dem neuen Album Goodbye Logik, wie das großartige ‚Ich komme nicht mit‘, werden freudig begrüßt. Nach eigenem Bekunden hätte die Band gerne ihre beiden Alben in voller Länge gespielt, und man glaubt es ihnen gerne – da aber auf der Insel der Jugend nur zeitlich begrenzt gelärmt werden darf, räumen sie nach einer tollen, ausufernden Version von ‚Die Perfektion‘ das Feld für den Headliner des Abends.

VIRGINA JETZT!, die „Bon Jovi Deutschlands“ (Eigenaussage), haben den Vorteil, dass sich die Sonne zu Beginn ihres Auftritts bereits langsam verabschiedet und alleine durch die Lichtshow eine feierliche Atmosphäre auf der Insel entsteht. Darüber hinaus beginnen sie das Konzert mit tollem Sound – schon im Eröffnungsstück ‚Das ganz normale Leben‘ sind die hübschen Harmonien zu hören, die diese Band auszeichnen. Es ist leicht, sich für die Musik von VIRGINA JETZT! zu alt zu fühlen, insbesondere wenn es wie im eben genannten Stück zu Beginn eines Konzertes heißt: „Manchmal frag ich mich / wer bin ich hier / was mach ich hier und wofür“. Das ist zum Teil so offenherzige Selbstfindungslyrik, dass sich das ein oder andere höhere Semester schnell naserümpfend abwendet oder zumindest die Arme vor der Brust verschränkt. So geschieht es auch hier – das Berliner Publikum hört seinen Lokalmatadoren zu, wo bei MADSEN kurz zuvor noch richtig Stimmung aufkam. Euphorie geht anders.

VIRGINA JETZT! bestehen auf ihrem Recht: die Mitsingspielchen zum, nebenbei bemerkt, wunderbaren Hit ‚Ein ganzer Sommer‘ werden minutenlang geprobt, ja durchexerziert, bis endlich eine akzeptable Lautstärke erreicht ist. (Man darf dabei wahlweise ein jauchzendes „Woooooo“ oder aber „Arschloch“ bzw. dessen WM-angelehnte Kurzform „…schloch“ rufen!) Nachdem das überstanden ist, wird die Stimmung gelöster. ‚Bitte bleib nicht, wenn du gehst‘ von der ebenso betitelten neuen EP und ‚Liebeslieder‘ vom letzten Album Anfänger gefallen, und beim alten ‚Dreifach schön‘ kommt Suzie von KLEE zum Duett mit Nino auf die Bühne. Nach einer toll noisigen Version von ‚Mein Sein‘ rechnet man nicht mehr mit viel, aber der Band reicht es noch nicht. „Das fühlt sich hier ’n bisschen an, als würde man in Kiel spielen!“, konstatieren sie und fordern dazu auf, den wahrscheinlich ohnehin sinnlosen Bühnengraben zu überwinden, was dann auch geschieht und den Fans die Möglichkeit bietet, über einen Erdwall bis auf eine Höhe mit den Musikern zu klettern. Von da an ist, zumindest in den ersten Reihen, Party: ‚Fast Wie Giganten‘ ist und bleibt ein famoser Song, und es ist ein schönes Bild, die Band dabei von springenden Menschen umgeben zu sehen. Es folgt noch einmal ‚Bitte bleib nicht, wenn Du gehst‘ in einer akustischen Version (wegen der Lautstärke) und ein Gruß an die Ordner wegen der Absperrung, dann ist endgültig Schluss und DJ’s und Rock-Karaoke bieten den ganz Feierwilligen die Möglichkeit, die Nacht noch etwas länger an diesem beschaulichen Ort zu verbringen.

http://www.motor.de
http://www.virginia-jetzt.de
http://www.madsenmusik.de
http://www.kleemusik.de
http://www.peterlicht.de
http://www.super700.de

Fotos: © Heiko Bartels
Autor: [EMAIL=heiko.bartels@b-i-b.de?Subject=Kontakt von der Website]Heiko Bartels[/EMAIL]

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