OKKERVIL RIVER + SHEARWATER am 17.11.2008 im Postbahnhof


Will Sheff macht Pete Dohertys Ehrenplatz als verpeiltester Musiker aller Zeiten ernsthaft Konkurrenz.



Die Hallen des Postbahnhof sind angenehm voll mit sich tummelnden Leuten, die zufrieden an Pfandbechern mit güldenem Inhalt nuckeln. Manch einer von ihnen weiß wohl bereits, was von diesem Abend zu erwarten ist. Manch anderer vielleicht auch noch nicht.

SHEARWATER waren jedenfalls bereits 2002 zusammen mit OKKERVIL RIVER unterwegs und sind daher kein unbekannter Name. Schon rein äußerlich lassen sich weitere Gemeinsamkeiten an den zwei Bands feststellen: Beide zählen jeweils sechs Köpfe, je einer davon ist weiblich, alle gemeinsam stammen sie aus Austin/Texas. Außerdem haben sie dasselbe Faible für das White-Trash-Instrument überhaupt, das Banjo, und tragen, mit Ausnahme der weiblichen Mitglieder zumeist schmale Krawatten über den britisch wirkenden Westen und edlen Hemden. Die beiden Sänger, namentlich Will Sheff auf der Okkervil’schen und Jonathan Meiburg auf der Shearwater’schen Frontsinger- und Okkervil’schen Backvocals-Seite, sehen vor lauter Brit-Pop Frisuren das Publikum nicht mehr, und ein geheimnisvolles Lächeln umgibt jeweils die Münder der zwei Damen während des gesamten Auftritts.

Es herrschen also gleiche Voraussetzungen für die beiden Shows, die uns an diesem Abend erwarten. Und dennoch können sie unterschiedlicher an Qualität kaum sein. Während Jonathan für sich selbst tief versunken, voller Gefühl und Andacht mit seiner sanften Stimme für einen Gänsehautmarsch nach dem anderen sorgt, flippt Will selbstverliebt über die Bühne und bringt eine gewisse Pete Doherty-Stimmung auf, die so überhaupt nicht authentisch wirken will. Seine Musiker überbrüllt er, überspielt er, schlicht: übergeht er! Da ist keine Harmonie festzustellen. Nicht einmal der schöne Lovesong ‚A Stone‘, bei dem Will bis auf die (Session-) Bassistin ganz alleine auf der Bühne steht, mag daher anrühren. Er singt ihn ja doch nur, um schmachtende Blicke aus dem Publikum aufzufangen und nicht, weil er den Song liebt. Immerhin weiß er die Situationen jeweils charmant zu retten, wenn er sich zum Beispiel bei ‚Starry Stairs‘ drei Mal im Gitarrenbund vertut oder plötzlich aus Versehen vor lauter Rumhüpfen das Mikrophon ausstöpselt. Er hat sich wirklich etwas übernommen.

Das ist schade! Aber immerhin: Das Konzert, das uns SHEARWATER davor spielen, geht so tief unter die Haut, dass man selbst noch während der späteren Pete-Doherty-Tragödie davon zehren kann.
Gespielt werden Songs von den beiden letzten Alben Palo Santo (2006) und Rook(2008). Der Titelsong letzteren Albums verfrachtet die Zuhörer ganz besonders ins Melancholieland, ebenso gehen ‚Leviathan Cloud‘ und ‚South Col‘ mitten hinein ins Herz. Wohingegen ‚Century Rocks‘ und ‚Seventy-Four, Seventy-Five‘ dafür eher in die Beine gehen.
Schlichtweg ein Vergnügen ist es auch, die Musiker auf der Bühne zu beobachten. Ein kleines Phänomen für sich ist Schlagzeuger, Oboist, Künstler und Handwerker Thor Harris sowieso schon mit seiner Iron Maiden-Frisur und dem Holzfällerhemd. Als er dann auch noch auf einem hölzernen, selbst angefertigten Xylophon-ähnlichen Instrument die ersten Töne zu ‚Leviathan Cloud‘ anspielt oder bei ‚South Col‘ mit einem Geigenbogen wunderschöne Klänge aus dem Keyboard (!) zaubert, kann man sich vor lauter Begeisterung kaum noch halten.

Es gibt eine goldene Regel, die für die Qualität eines Songs spricht: Wenn es nach nur einmaligem Hören, dazu noch auf einem Konzert, einen Wiedererkennungseffekt gibt, dann ist er verdammt gut! Und als ich mir zu Hause am Morgen nach dem Konzert die beiden erworbenen Alben von SHEARWATER anhörte, erkannte ich jeden einzelnen Song, den sie gestern auf der Bühne performt haben, wieder.

http://www.myspace.com/okkervilriver
http://www.okkervilriver.com
http://www.myspace.com/shearwater

Autor: [EMAIL=daniela.saleth@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Daniela Saleth[/EMAIL]

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