REGINA SPEKTOR – Far


Konsonant, Vokal, Konsonant.



Wenn man über Musiker redet und auf einmal ein unbekannter Name fällt, kommt es immer wieder mal dazu, dass man gefragt wird, in welchem Genre man den Künstler verorten würde – zur groben Einordnung, versteht sich. Und dann fängt das Problem auch schon an. Man möchte eine möglichst interessante Klassifizierung finden und vor allem ertappt man sich häufig dabei, eine Gattung explizit zu vermeiden: Zu schwerlastig hängt der Schirmbegriff in der Luft, zu viele negative Konnotationen schwingen mit. Das Wort mit nur drei Lettern ist mächtig – Pop!

Die in Moskau geborene REGINA SPEKTOR ist wahrlich kein unbekannter Name im großen Musikgeschäft mehr, zu auffällig waren ihre letzten beiden Alben Soviet Kitsch und Begin To Hope. Die 29-Jährige ist gut im Geschäft – Welttourneen, Kollaborationen mit namhaften anderen Größen, Songs auf Soundtracks, mediale Präsenz und kommerzieller Erfolg im Allgemeinen – man könnte sagen, sie ist mächtig poppig. Ein kurzer Aufschrei: auweia! Na gut, jetzt wurde es offen ausgesprochen, man will retten, was noch zu retten ist und bemerkt dabei, dass alles gar nicht so schlimm ist, denn REGINA SPEKTORS neues Album Far ist einfach sehr gute Musik – auch wenn es aus drei Buchstaben besteht… Das Album offeriert einem gleich mehrere wirklich atemberaubende Stücke, angefangen bei der ersten offiziellen Single ‚Laughing With‘. Der Song hat wie alle anderen Stücke auf der CD eine brutal gute Produktion zu bieten, die einem vierköpfigen Produzententeam zuzuschreiben ist, das unter anderem prominente Klienten wie The Beatles, U2, R.E.M, Alanis Morissette, Bloc Party oder The Strokes vorzuweisen hat. Doch vielmehr besticht das Werk neben seinen perfekten Harmonien durch SPEKTORS ureigene Stärken in Gesang und Songtexten. Es gilt genau hinzuhören, denn besonders bei den hohen Tönen kommt eine unverkennbare Charakteristik bei der Intonation ihrer Stimme zum Vorschein, die hierbei mit brillant geschriebenen, menschlichen Lyrics pointiert zusammenfließt. Lyrisch beweist die Künstlerin neben tiefgehenden Themen auch immer wieder ihren Facettenreichtum und eine große Portion Humor. ‚Folding Chair‘ ist hier das passende Beispiel, ein infantiler, aber doch charmanter, hüpfender Popsong, bei dem im Refrain das Geräusch eines Delphins imitiert wird. Seltsam? Definitiv ja, aber doch keine Seltenheit bei Mademoiselle SPEKTOR, die immer wieder mit ihrer quirligen Art steife Popklischees auflockert.

Dabei kann man zwar bemängeln, dass von der CD einige Songs wie ‚Wallet‘, ‚The Calculation‘ oder ‚One More Time With Feeling‘ qualitativ abfallen, aber dies auch nur im Vergleich zu ihren Klassestücken. Ein weiteres davon ist ‚Dance Anthem Of The Year‘, das mit einem tänzelnden, schrägen Auftakt beginnt und in einem geleierten Quasi-Refrain mündet – es hat ein wenig von Varieté, doch dann kommt nach zwei Minuten ein kurzer Bruch, und das ganze Gefüge dringt in einen dermaßen kraftvollen, bewegenden Part, dass der Rest des Songs, in den er eingebettet ist, durchaus als Intro und Outro der Tanzhymne des Jahres zu verstehen ist. Erwähnenswert ist, dass jenes Konzept in ähnlichen Zügen auch bei einem anderen grandiosen Song verwendet wird. Auch ‚Human Of The Year‘, bei dem die junge Dame – nebenbei erwähnt – wohl eine der besten Gesangsperformances dieses Jahres abgibt, ist eingerahmt. Wieder kommt ein unerwarteter Bruch mit treibender Stimmung nach zwei Minuten, der sich dann wieder zum Ende ins Anfangsmotiv auflöst. Das Repertoire an auffälligen Songs reicht weiter über das mit einem leichten Westerntouch versehene ‚Blue Lips‘ bis hin zu balladesken Songs wie das schwermütige und mit subtilen Arrangements versehene ‚Genius Next Door‘ oder das schöne, das Album beschließende ‚Man Of A Thousand Faces‘.

Den nächsten sicheren Hit nach ‚Laughing With‘ hat man mit ‚Eet‘ auch bereits in petto. Sanfte Melancholie und trotzdem Power, eingängige Harmonien von Stimme und Piano ergeben einen weiteren perfekten Popsong auf diesem rundum gelungenen Album. So, sollten jetzt immer noch Zweifel an Popmusik bestehen, gilt es folgende Instruktionen zu befolgen: alle Stärke zusammennehmen, Ressentiments versuchen auszublenden und zur Not eine Paramore CD zur Abhärtung kaufen. Dann mal tief in den Wald fahren, das Drei-Buchstaben-Wort üben. Erstmal für sich aufsagen und dann laut herausschreien. Wenn dann genug Mut angesammelt ist, kann man es auch mal bewusst keck in Anwesenheit von guten Freunden oder aber Unbekannten beiläufig erwähnen. Irgendwann sollte man dann theoretisch fähig sein, sich öffentlich zum Pop zu bekennen.

Und selbst wenn nicht, im Falle von Far kann so ein bisschen Schämen für Pop halt auch sehr schön sein. Glaubt mir einfach…

REGINA SPEKTOR am 07.07.09 live in Berlin/ Postbahnhof

REGINA SPEKTOR
Far
(Sire / Warner)
VÖ: 26.06.2009

http://www.reginaspektor.com
www.myspace.com/reginaspektor

Autor: [EMAIL=marius.funk@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Marius Funk[/EMAIL]

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