RICOLOOP – Berliner Act des Monats September


Lebe deinen Traum.



Seit gut zwei Jahren ist RICO DIESSNER unter seinem Projektnamen RICOLOOP in Berlin ein Begriff, ein Name, der sich aus dem Interesse und seinem leidenschaftlichen Umgang mit der Loopstation nahezu zwangsläufig ergab. Mit der Loopstation ist RICO sein eigenes Ein-Mann-Orchester, eine One-Man-Jam, die ihm die – vorwiegend improvisierte – Liveaufnahme von Gesang, Geräuschen und verschiedenen Instrumenten zur Eigenbegleitung in immer wieder reproduzierbarer Endlosschleife ermöglicht.
Zuvor bereits jahrelang als Straßenmusiker in der Welt unterwegs, nahm nach seiner Rückkehr nach Berlin eine bis heute stetige Entwicklung ihren Ausgang, die ihn vom Hexenkessel Hoftheater im Monbijoupark über das regelmäßige Spielen an – und somit Kultivieren von – bestimmten Orten (beispielsweise der Boxhagener Platz oder der Hackesche Markt) bis hin zu Auftritten in diversen Berliner Locations oder als Support der Berliner Band Ohrbooten im ausverkauften Postbahnhof führte und ihn somit auch einem inzwischen wesentlich größeren Publikum bekannt gemacht hat.
Sein virtuoser Umgang mit der Loopstation und seine begeisternden Live-Performances sprachen sich via Domino-Effekt schnell herum und verschafften ihm zuletzt gar eine Lehrtätigkeit in einem norwegischen Schulkonzertprojekt sowie einen Job als Präsentator des neuesten Loopstation-Modells auf großen Musikmessen in aller Welt.
Wir sprachen mit RICO über seine Philosophie als Musiker und Lebenskünstler, seine Ziele und Träume, aktuelle bzw. zukünftige Projekte sowie – natürlich – die Loopstation.

BiB: Seit gut zwei Jahren kennt man Dich unter dem Projektnamen RICOLOOP. Worum geht es Dir bei dem Projekt, und wie ist das Interesse bzw. die Begeisterung für die Loopstation entstanden?

RICO: Das, was RICOLOOP ursprünglich in Bewegung gesetzt hat, ist der Wunsch des Künstlers, eine Sehnsucht in der Musik zu manifestieren und Gefühle zu transportieren. Ich merke oft, dass ich bei intellektueller Musik schnell gelangweilt bin, obwohl die Techniken vielleicht faszinieren. Mir ist wichtig, dass ich ein Projekt habe, mit dem ich einfach loslegen und Musik leben kann und mit dem ich den Leuten vermitteln möchte, dass Musik primär ein Gefühl ist und es keineswegs auf Perfektion ankommt. Das ist zunächst einmal die grundlegene Philosophie hinter dem Projekt.
Es hat mich auch von jeher fasziniert, verschiedene Sachen aufzunehmen und mit einem Vierspurrekorder herumzuprobieren, mit dem man ja eine Spur nach der anderen aufnehmen kann. Erste Modelle der Loopstation gab es dann Anfang der 90er Jahre, und bereits in den 70ern gab es ja das Delay, mit dem man so eine Endlosschleife machen konnte.
Konkret habe ich mir die Loopstation dann zugelegt, als ich nach meinen ganzen Weltreisen zurück nach Berlin gekommen bin und mir angeboten wurde, jeweils zum Einlass eines Theaterstücks im Hexenkessel im Monbijoupark eine halbe Stunde Musik zu machen. Ich stand auf einem Podest mit Gitarre, Melodica und Loopstation, um die Besucher sanft auf das Stück einzustimmen und merkte schnell, hey, das ist genau das, was ich will.
Ich habe es ohnehin schon immer geliebt, sehr schnell Songs zu machen, und mit der Loopstation konnte ich das natürlich ganz anders und schneller umsetzen und habe gesehen, wie man mit ein wenig Dynamik vieles unglaublich schnell entwickeln kann. Das hat dann plötzlich ein Feuer in mir ausgelöst, ich konnte nicht mehr locker lassen, das war schon fast wie eine Sucht.



Von da an nahm die bis heute ja relativ rasante Entwicklung als RICOLOOP ihren Lauf?

Genau. Ich hatte ein Projekt gefunden und ihm einen Namen gegeben, und mir war klar, dass ich von nun an einfach nur noch rausgehe, mich um nichts kümmere, sondern nur spiele und versuche, Plätze zu kultivieren wie z.B. den Boxhagener Platz oder den Hackeschen Markt. Ich habe regelmäßig dort gespielt und auch konsequent versucht, davon zu leben. Ich habe gemerkt, je weniger ich über Geld, und je mehr ich darüber nachdenke, was transportiere ich, was sind meine Sehnsüchte und inwiefern kann ich meine Umgebung kritisieren, wenn ich nicht selber eine Alternative lebe, desto mehr kann ich durch die Musik und dieses Forschen mit der Loopstation über das Leben an sich nachdenken und über meine Umgebung sinnieren, um sie schließlich sogar auf eine gewisse Weise in meiner Musik zu spiegeln. Ich habe dann auch schnell gemerkt, dass das eine total magische Sache ist und wie groß das werden kann, wenn am Boxhagener Platz plötzlich Publikum da ist, eine Kommunikation mit den Menschen entsteht und man angenommen wird. RICOLOOP ist generell einfach eine sehr lebensnahe Sache, die auf dem Gefühl für die Musik und dem Improvisationsgedanken beruht, und ich habe festgestellt, dass es als Musiker eigentlich nichts Schöneres gibt, als andere zu begeistern und auch zu inspirieren.

Wohin möchtest Du generell mit RICOLOOP? Gibt es beispielsweise die Überlegung, auch mal ein richtiges Studioalbum aufzunehmen?

Ich möchte RICOLOOP schon produzieren, es gibt – im übertragenen Sinne – so wahnsinnig schöne Schlössser, die ich noch bauen kann. Und da ich inzwischen auch gelernt habe damit umzugehen, größer zu werden und neue Techniken zu nutzen, möchte ich die Verzahnung eigentlich noch viel ausgiebiger und filigraner gestalten, vielleicht auch Filmmusiken machen und mich anderweitig ausbreiten, RICOLOOP tendiert halt auch in so viele Richtungen. Was ich gerade auch neu mache, ist, dass ich versuche, beispielsweise vier Songs in zehn Minuten zu schreiben und mir dazu vier Themen aus dem Publikum geben lasse, woraus ich dann ganz schnell einen Song mache, über den ich einen Freestyle lege, um zu zeigen, wie schnell es eigentlich geht, ein Gefühl zu kristallisieren und umzusetzen.

Bei Deinen Auftritten und über Deine Website hattest Du früher mal eine CD mit schönen Akustik-Interpretationen von bekannten Songs wie Message In A Bottle (The Police), Enjoy The Silence (Depeche Mode) oder Revolution (Tracy Chapman) angeboten. Hast Du diese Singer/Songwriter-Zeiten generell hinter Dir gelassen?

Da hat sich tatsächlich – auch durch das Forschen mit der Loopstation – schon eine Entwicklung vollzogen, dennoch ist es auch ein großer Wunsch von mir, neben den ja eher experimentellen und improvisierten Groove-Sachen neue Songs zu schreiben, so dass ich auf der Bühne Singer/Songwriter-mäßig mal eine Stunde Songs zur Gitarre spielen kann, um die Leute auch damit zu unterhalten und ihnen eine andere Facette von mir zu zeigen. Doch dafür passiert im Moment einfach zu viel, und ich müsste mich zum Songschreiben mal konsequent abschotten, was ich auch definitiv in den nächsten Monaten vorhabe.

Hast Du früher ausschließlich Coverversionen gespielt?

Ich hatte schon immer auch eigene Songs geschrieben, die Coverversionen kamen eher von der Straßenmusik, denn die Leute wollen ja bedient werden mit Beatles, Dylan usw. Ich habe aber immer nur Songs gespielt, die ich auch mochte, oder ich habe sie so interpretiert, dass sie mir was gebracht haben, habe sie grooviger oder abgespaceter gemacht. Es stellt für mich auch immer eine Herausforderung dar, Songs von Frauen zu spielen, da ich Frauenstimmen so schön finde und und diese zarte Komponente bei den Männerstimmen oft vermisse. Obwohl ich nie eine gesangliche Ausbildung genossen habe, merke ich, man kann seine Stimme formen und dann durchaus diese ganz bestimmte Stimmung eines Songs treffen.

Zu Beginn des Jahres hast Du Schulkonzerte in Norwegen gegeben. Wie kam es dazu?

Auch das hatte seinen Ursprung auf dem Boxhagener Platz, wo mich der Organisator eines norwegischen Jazzfestivals gesehen hat, zu dem er mich schließlich eingeladen hat. Es war natürlich ein tolles Gefühl, mit RICOLOOP praktisch von der Straße eingeladen worden zu sein und so wertgeschätzt zu werden. Der Auftritt dort war auch großartig, man spürte, die Leute wollen jetzt nach einigen dieser großen Jazz-Combos was anderes sehen, dass ihnen jemand das zeigt und gibt, von dem sie selbst nicht wissen, wie man es ausdrücken soll. Das habe ich ihnen in dem Moment wohl gegeben, zumindest habe ich das begeisterte Feedback so aufgefasst, und das war ein wirklich schönes Gefühl.
Bei dem Festival haben mich dann wiederum zwei Produzenten angesprochen, die eben diese Schulkonzerte organisieren, das ist ein altes Konzept, das es dort seit 20 Jahren gibt. Und ich bin natürlich ein guter Fang, weil ich halt alleine bin, ansonsten bezahlen sie halt mehrere Musiker. Generell ist das ist auch ein schönes educational Projekt, und ich hab das jetzt so verpackt, dass ich den Jugendlichen anhand meiner Musik einfach aus meinem Leben erzähle, auch dass ich in der Schule nicht so gut war, mich schon immer andere Dinge mehr interessiert haben, und ich einfach nach Lebensalternativen gesucht habe, an die ich geglaubt habe, die sich letztlich dann erfüllt haben. So ist mein Leben halt gelaufen, ich hatte auch viel Glück. Aber viele Träume haben sich von ganz alleine erfüllt, nur weil ich ständig daran geglaubt habe und mir gewünscht habe, zu reisen und überall spielen zu können und von der Hand in den Mund zu leben. Das war immer ein wunderschönes Gefühl, und ich liebe es auch nach wie vor, einfach mit dem Rucksack und der Gitarre loszuziehen.
Zurzeit bin ich fast ein wenig überfordert durch die ganzen Sachen, die da auf mich zukommen. Ich habe mich um nichts gekümmert in den zwei Jahren, das ist ja alles auf mich zugeflogen und war eher der berühmte Domino-Effekt, was natürlich sehr schön war. Ich habe niemanden angerufen, keine Flyer oder Visitenkarten verteilt, aber das waren halt auch die Philosophie und der Idealismus dahinter. Natürlich bin ich auch wahnsinnig dankbar, dass ich das gefunden habe, dass ich mich so verwirklichen kann, auf so eine spielerische, unmanifestierte Art.



Als Support für die Berliner Reggae-/Hip Hop-Band Ohrbooten hattest Du vor einiger Zeit erstmals die Gelegenheit, vor einem richtig großen Publikum im ausverkauften Postbahnhof aufzutreten. Wie war diese Erfahrung für Dich?

Die Erfahrung ist natürlich schon eine andere, ich vergleiche das immer gerne mit dem Gegensatz von Meer und See, die Wellen sind einfach viel größer. Das ist schon Wahnsinn, wenn einem so viel Aufmerksamkeit und Liebe zuteil wird, das war schon fast eine spirituelle Erfahrung, die mich fast geplättet hat. Ich bin dankbar, dass den Leuten das gefällt, obwohl ich ja immer denke, ich spiel doch nur, ich probier doch nur rum. Aber das bin ja nicht nur ich, der das macht, da gehören auch die Besucher zu, die in der Interaktion zu einem wichtigen Teil der Performance werden und man wie beim Spielen auf dem Boxhagener Platz nicht mehr getrennt voneinander ist. So entsteht ein Gefühl des Zusammenhalts und Miteinanders, dass man sich näher kommt und auch Barrieren abbaut.
Ich war mit den Ohrbooten, die ja auch Freunde von mir sind, auch richtig auf Tour. Die fragen mich halt, ob ich Lust habe, mitzukommen und zahlen die Reise, was für mich natürlich auch eine Chance ist, mich zu promoten. Wo man mich gar nicht kennt, gibt es natürlich Unterschiede in der Rezeption zu Berlin, was anfangs aber auch an mir lag, da ich erst in der letzten Zeit auch gelernt habe, mehr zu kommunizieren, was ich da eigentlich mache. Ich bin halt immer davon ausgegangen, dass man das nach zehn Minuten begreifen müsste, aber dem ist dann doch nicht immer so. Es fragen Leute schon mal, wo die Musik denn jetzt herkommt und ob ich das alles zu Hause aufnehme, und ich ihnen erklären muss, dass das doch alles live entsteht und eingespielt wird, dass das Prinzip eigentlich doch ganz simpel ist. Es gibt einen Start- und Endpunkt, dann loopt es, und ich muss die Loopstation natürlich richtig bedienen, damit es groovt und sich bewegt, um dann mit mir und der Umgebung in Kommunkation zu treten, so dass quasi meine eigene Band entsteht. Die Technik ist wohl bislang auch noch nicht so intensiv und exzessiv von jemandem genutzt worden wie von mir, und es ist natürlich auch schön, dass ich dadurch auch irgendwo ein neues Feld aufgetan habe, das vielleicht auch mal eine kleine Bewegung nach sich ziehen wird.

Dadurch kam es dann sicherlich auch zu der Kooperation mit der Herstellerfirma der Loopstation?

Das ist so entstanden, dass ein Freund von mir der Firma Roland meine DVD geschickt hat, auf der ich ja ausgiebig in Aktion mit der Loopstation zu sehen bin. Nach einigen Wochen haben sie mich dann zur Vorstellung des neuen Modells zur Frankfurter Musikmesse eingeladen, auf der ich wiederum von der weltweit operierenden Company nach Austin, Texas zur Präsentation der Loopstation zur NAMM Summersession eingeladen wurde. Inzwischen habe ich mit denen angefreundet und tausche mich auch mit den Entwicklern aus, und ich komme jetzt mal wieder um die Welt, um die neue Loopstation in verschiedenen Ländern zu präsentieren, demnächst steht dann auch Japan auf dem Plan. Ich bin jetzt also auch ganz offiziell der „Loop-Typ“, und die finden es aus Werbezwecken natürlich schon klasse, dass ich deren Produkt so lebendig vorstellen kann und immer schnell interessierte Menschentrauben entstehen.

Gibt es für Dich in Berlin so etwas wie ein Netzwerk, also arbeitest oder jammst Du häufig mit Berliner Musikern bzw. besteht der Wunsch danach?

Ich lasse das immer auf mich zukommen, wenn sich jemand meldet, bin ich demgegenüber grundsätzlich offen, aber es ist zuletzt so viel bei mir passiert, und es wird ja auch ständig mehr. Glücklicherweise unterstützt mich jetzt auch ein Freund von mir, der mir hilft, das Produkt RICOLOOP weiter nach vorne zu treiben. U.a. habe ich mal mit Rivo Drei gespielt, eine Band, die ich sehr mag und die ja auch bei Euch bereits www.ricoloop.com zu beziehen, regelmäßige Live- und Download-Updates finden sich ebenfalls dort.

Fotos © RICOLOOP

www.ricoloop.com
www.myspace.com/ricoloopz

Autor: [EMAIL=thomas.stern@b-i-b.de?Subject=Kontakt von der Website]Thomas Stern[/EMAIL]

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