SARSAPARILLA – Everything Here Seems So Familiar


:: Die ersten Knospen blühen ::



Wenn man einmal davon ausgeht, dass ein Künstleralias im Sinne einer indirekten Selbstbeschreibung fungiert, wird man sich fragen, welche Verwandtschaft zum Pflanzengewächs der Stechwinden Brandon Miller dazu inspiriert hat, sein musikalisches Alter Ego nach diesen zu betiteln: die paradox-poetische Verbindung aus stacheligen Stängeln mit herzförmigen Blattwerk, ihre entgiftende Wirkung oder ihr Ruhm als Grundstoff des legendären amerikanischen Wurzelbiers aus dem mittleren Westen des 19. Jahrhunderts?

Die Antwort ist denkbar einfach, und SARSAPARILLA gibt sie mit seinem wundervollem Debüt: sowohl als auch. Everything Here Seems So Familiar ist ein glänzend komponiertes und arrangiertes Album voller Ambivalenzen, das – obwohl es Stücke aus bereits drei in Eigenproduktion vertriebenen EPs vereint – von der ersten bis zur letzten Note durch Ausgereiftheit, eine eigene Note und Charme überzeugt. Gleich das erste Stück ‚Hunt‘ stößt einen sanft in den Zwiespalt von schmerzhafter Reue und sentimentaler Verklärung – beiläufig gesummte Anekdoten zu molllastig treibendem Picking. Das nachfolgende ‚Earthing‘ beginnt denn auch gleich mit der Heilungskur des zivilisationsgeschädigten Homo Paradoxus („Where do we live?“ – „Earth.“ – „How do we get here?“ – „Birth.“ – „Why do we stay?“ – „For what it’s worth. Time. Yours and mine.“) Und bereits das dritte Stück ‚Pyramid‘ ist in die dunkelblauen Schatten tieftrunkener Nächte voller Großstadt-Einsamkeit getaucht: „What a pretty metropolis, what a great big mouth to feed, but this is the one that holds all the love, yeah, this is the one between your teeth and she speaks …“.

Und diese Spannung hält Everything Here Seems So Familiar nicht nur durch, sondern wächst mit jedem Titel ein Stück in die Höhe. Da ranken sich dezent-virtuose Folkgitarrenklänge a la NICK DRAKE und ELLIOTT SMITH um überraschend ausgefeilte Song-Harmonien, die an SUFJAN STEVENS und JOSE GONZALES erinnern, und umwerfend berührende Gesangsmelodien mit einem Einschlag DEVENDRA BANHART. Die Reinheit und Unschuld der Lilienartigen mit dem bittersüßen Schmerz der dornigen Lyrics, getragen von MILLERS leicht düsterem, rauhem Gesang. Und zu allem weht ein melancholischer Zauberwind von amerikanischen Folkrock, der sich allerdings nicht puristischer Selbstverliebtheit hingibt, sondern auch mal die Befruchtung mit E-Gitarre, Trompete oder Xylophon wagt.

BRANDON MILLER nimmt es mühelos mit den zahlreichen Singer-Songwriter-Künstlern der letzten Jahre auf. Auf den Vergleich kann man aber auch getrost verzichten, weil es sich bei SARSAPARILLA eben um ein recht seltenes und daher unverwechselbares musikalisches Gewächs handelt. Der Wahlberliner hat mit Everything Here Seems So Familiar einen Samen gestreut, von dem man hoffen darf, dass er in den kommenden Jahren zu einer überwältigend schönen Blüte gelangt.

SARSAPARILLA am Donnerstag, 10.03.2011 im Rahmen von Popmonitor live im NBI (w/ Facebooktwittergoogle_pluspinterestlinkedintumblrmailFacebooktwittergoogle_pluspinterestlinkedintumblrmail