SDNMT + HUNDREDS am 01.01.2011 in der Volksbühne


Das Gefühl, schon am ersten Tag des Jahres das beste Konzert des Jahres erlebt zu haben.



Hundreds

Ein Neujahrstag ist an und für sich ziemlich verkatert, und das Haus zu verlassen der letzte Gedanke, der einem da so in den Sinn kommt. Doch wenn zwei Lieblingsbands die Volksbühne entern, um dort ein gemeinsames Konzert zu spielen, muss man halt seine ganzen Energiereserven bündeln und sich aus dem Bett bewegen. Und wenn man sich erst mal überwunden hatte, wurde man dafür auch belohnt, denn sowohl HUNDREDS als auch SDNMT (Seidenmatt) lieferten einen lupenreinen Auftritt ab. Besonders hervor stach an diesem Abend zweifellos das Geschwisterpaar aus Hamburg. HUNDREDS zeigten, dass in diesem Land Musiker stecken, die mit internationalen Größen locker mithalten und viele sogar übertrumpfen können. Diese Band, die 2010 aus dem Nichts auftauchte und auf dem Berliner Label Sinnbus, das schon mit Acts wie BODI BILL oder I MIGHT BE WRONG sein grandioses Gespür für gute Musik bewies, ihr selbstbetiteltes Debütalbum veröffentlichte, ist ein Muss.

Das Gute an einem Sitzkonzert ist, dass man sich ganz auf das Bühnengeschehen konzentrieren kann, ohne im Minutentakt von jemandem angerempelt und geschubst zu werden. Und die HUNDREDS drückten die Zuschauer mit ihrer Performance tief in die Sessel und ließen reihenweise faszinierte Kinnladen runterklappen. Solch eine Vereinigung aus charismatischer Sängerin, talentierten und technisch-versierten Musikern sowie einer perfekt abgestimmten Licht- und Visual-Show, ist selbst einem passionierten Konzertgänger selten vor die Augen und in die Ohren gekommen. HUNDREDS sagen von sich selbst, verliebt in Musik zu sein. Und das merkt man in jeder Note, jeder gesungenen Zeile. Wenige, sehr wenige Bands im Electro-Pop schaffen es noch, eine eigene Note zu setzen. HUNDREDS setzen sogar ein Quadratzeichen drauf.

Stampfende Beats verschmelzen mit harmonischem Dreampop und sehnsüchtigen Klaviereinlagen. Sängerin Eva trägt eine Stimme, deren Weiblichkeit etwas Kraftvolles, Kerniges, schon fast Rauchiges innewohnt. Endlich mal wieder eine moderne Sängerin, die nicht wie Portishead, Björk, Fever Ray oder Kate Nash klingen möchte. Dazu bewegte sie sich auf der Bühne, als hätte sie die Schwerkraft längst überwunden und würde nun noch mit ihr spielen. Wie eine geheimnisvolle Tänzerin schwankte sie im Rhythmus der Musik und stieß mit jeder Bewegung eine Druckwelle von sich, badete im Licht der warmen Scheinwerfer, versteckte sich in der Dunkelheit und verschwamm in dicken Nebelschwaden. Kein einziger Song ließ auch nur den Anflug von Langweile aufkommen. Alles wirkte in sich geschlossen, durchdacht und gleichzeitig unverkrampft. Alles was sie hinterließen, war Verblüffungg und pure Euphorie, die am Ende ihres Auftritts in begeisterten Standing Ovations mündete.



Sdnmt

Ein bisschen Mitleid hatte man schon mit SDNMT, die nach solch einem bombastischen Auftritt auf die Bühne mussten. Doch beide Bands sind nicht zu vergleichen, spielen SDNMT doch komplexere Songstrukturen, die in erster Linie instrumental gehalten sind. Gigantische Nebelwolken, in denen sich rotes und blaues Licht verfing und die hypnotisch auf die Zuschauer zu zirkulierten, passten ausgezeichnet zu den Gitarrenwänden der Berliner Jungs. Neben dem bejubelten Querschnitt durch ihre bereits veröffentlichten Alben präsentierten sie Fans und Neuzuhörern auch Stücke ihres kommenden Albums, das weder ein Release-Datum noch einen Titel hat, was sich hoffentlich bald ändern wird.

Ihre neuen, namenlosen Songs zeigten sich düsterer als auf ihrem letzten Release The Goal Is To Make The Animals Happy, einige trugen sogar einen Hauch von Electro-Club in sich. Auch auf Gesang darf sich wieder gefreut werden, der inzwischen von Siva-Frontmann Andreas Bonkowski übernommen wird. Es tut immer wieder gut, die Jungs zu sehen und sich zu vergewissern, dass diese Stadt eine ausgezeichnete Postrock-Band besitzt. „Happy Postrock“ nannten sie es irgendwann mal selbst. Und das kann man nur unterschreiben.

Dass ein solches Konzertereignis von den großen Zeitungen und Magazinen unkommentiert und unbeachtet bleibt, ist eine Schande. Aber daran, dass der Fokus nur auf den „großen“ Musikern liegt, ist man ja schon gewöhnt. Dass dabei allerdings viel Großes verloren geht, soll hier nochmal nachdrücklich betont werden.

www.hundredsmusic.com
www.sdnmt.net
www.sinnbus.de

Autor: [EMAIL=eric.ahrens@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Eric Ahrens[/EMAIL]

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