Sixx:A.M. | Fluch und Segen

Beautiful Sculpture at a Melbourne Cemetery
Beautiful Sculpture at a Melbourne Cemetery

Am 18. November veröffentlichen SIXX:A.M. ihr mittlerweile fünftes Studioalbum Prayers For The Blessed. Der Longplayer ist bereits ihre zweite Veröffentlichung in diesem Jahr, denn erst im April war Prayers For The Damned erschienen, gedacht als die erste Hälfte eines „Doppelalbums mit zeitlicher Verzögerung“. Gleichzeitig stürzten sich die Musiker um Ex-MÖTLEY-CRÜE-Bassisten NIKKI SIXX in eine umfassende Festival-Tour auf die nun eine ausgiebige U.S.-Tour folgt. Es scheint, als wollten SIXX:A.M. nach dem offiziellen Ende von Crüe und der angekündigten Reunion von GUNS N’ ROSES, bei denen SIXX:A.M.-Gitarrist DJ ASHBA noch bis vor kurzem die Fußstapfen des Legendären SLASH ausfüllen durfte, nun beweisen, dass sie auf eigenen Füßen stehen können. Wir haben mit DJ ASHBA über das neue Album, die Zukunft und die Vergangenheit von SIXX:A.M. und die aktuellen Zustände in den U.S.A. gesprochen…

Ihr seid gerade auf Tour, wie läuft es?

Wir sind gerade in Bismarck in North Dakota auf der „As Lions“-Tour zusammen mit Shinedown und Five Finger Death Punch. Bisher war es eine großartige Tour, jede Menge Fans kommen zu den Konzerten und es ist insgesamt ein wirklich sehenswertes Spektakel.

Als wir das letzte Mal mit James Michael sprachen, hattet ihr gerade Modern Vintage eingespielt, und der Arbeitsprozess umfasste den Versand von Unmengen an Daten und jede Menge Telefonate, weil ihr selten am selben Ort zur selben Zeit wart. Was hat sich für euch verändert, seit Mötley Crüe sich aufgelöst haben und Guns n’ Roses eigene Wege gehen? Jetzt, wo ihr so viel Zeit miteinander verbringen könnt, klappt da die Chemie?

Es geht allen wundebar, wir kommen hervorragend miteinander aus. Mötley Crüe haben sich ja nicht zerstritten – nach einer beeindruckenden, 35 Jahre dauernden Karriere haben sie einfach beschlossen, dass es jetzt genug ist. Seit ich Guns n’ Roses verlassen habe und Nikki Mötley Crüe schlafen gelegt hat, hat sich natürlich die Arbeitsweise geändert. Wir haben uns zusammengesetzt und beschlossen, jetzt diesem Projekt unsere volle Aufmerksamkeit zu schenken. Wir haben uns diese Zeit genommen, saßen alle zusammen im Studio und schrieben alle diese Songs zusammen, das haben wir zuletzt bei den Heroin Diaries hinbekommen. Es war schön, als endlich mal wieder alle im gleichen Raum waren.

Hört sich deshalb euer Sound jetzt so direkt an?

Das kommt eher daher, dass wir wussten, dass wir von jetzt an  eine Tourband sein werden. Davor wollten wir nie wirklich eine Band sein – die Fans sind der Grund dafür, dass es uns zehn Jahre nach Heroin Diaries immer noch gibt. Alle unsere früheren Alben waren sehr künstlerisch, aber als es dann hieß, wir werden von jetzt an durch die großen Arenen touren, mussten wir jetzt auch große, schwere Arena-Rocksongs schreiben. Das war eine bewusste Entscheidung, den Sound dieser letzten beiden Alben aggressiver und heavyer zu gestalten.

Einer dieser Songs ist „Barbarians“ der Opener des neuen Albums, der auch ein Killer-Gitarrensolo hat, das eine Komposition für sich selbst ist. Wie gehst du persönlich an so eine Stelle heran? Schreibst Du Dir Passagen auf oder ist der Prozess organischer? Am Ende wird das Solo ja sogar zweistimmig – ist das ein Overdub oder benutzt Du einen Harmonizer?

Wir benutzen eigentlich nie Harmonizer, ich habe alle Stimmen im Solo einzeln eingespielt, man hört also wirklich zwei Gitarren-Takes. Aber wenn wir ins Studio gehen, sind bei 90 % der Songs die Gitarren-Soli das Einzige, was nie vollständig ausgearbeitet ist. Ich mag es normalerweise auch nicht, meine Soli vorher festzulegen, darum setze ich mich lieber hin und drücke einfach auf Aufnahme, die Akkordfolge kenne ich ja, und lasse dann einfach allem freien Lauf, was mir aus dem Herzen und aus den Fingern kommt. Von diesen Improvisationen nehme ich dann gewöhnlich zwei bis drei Takes auf, und danach sage ich: „das hier gefällt mir wirklich gut“ und „hier sollte ich etwas völlig anderes probieren“, bis am Ende nur die Teile übrig sind, die mir wirklich gefallen. So kreiere ich jedes einzelne Gitarren-Solo für Sixx:A.M. direkt vor Ort und auf den Punkt, ich schreibe mir nie vorher etwas auf. Es ist einfach Instinkt. Wenn wir etwas gefunden haben, was uns allen gut gefällt, schaue ich einfach nochmal hin und sage: „Ok, es wäre richtig cool, wenn da jetzt noch eine zweite Stimme hinzu käme.“ Die Noten für die erste Stimme stehen dann ja schon fest und ich spiele einfach eine zweite Stimme darüber. So war es auch beim Solo von „Barbarians“.

Ziemlich genau in der Mitte des Albums steht ein kleines anderthalbminütiges Instrumental Namens „Catacombs“, das ein bisschen an „Eruption“ von Van Halen erinnert. Was hat es damit auf sich?

„Catacombs“ war im Grunde genommen ein Unfall. Ich war in Frankreich und habe mir die Katakomben von Paris angesehen, ein Ort, der mich sehr inspiriert hat. Seitdem mache ich mich immer mit einem Musikstück, das von dieser Stimmung inspiriert ist, vor den Shows und im Studio warm. Wir waren gerade im Studio und bereiteten uns darauf vor, etwas komplett anderes aufzunehmen. Wie üblich bin ich in die Aufnahmekabine gegangen, habe alle Verstärker aufgedreht und angefangen, mich warmzuspielen. Als ich dann soweit war, sagten die Jungs: „Schnell, du musst nochmal hier rüber kommen!“ Ich sagte also: „Ok, was ist passiert?“ und ging rüber. Da stand der Rest der Band und sagte: „Wir haben aufgenommen, was Du da gerade gespielt hast und würden es gerne aufs Album packen.“ Ich sagte nur: „Klar, ich bin dabei!“

Was auch auffällt, ist euer ungewöhnlicher Geschmack, was Cover-Songs angeht. Diesmal covert ihr die Ballade „Without You“, die durch Mariah Carey bekannt wurde. Wie seid ihr darauf gekommen?

Der Song wurde im Original ja nicht von Mariah Carey geschrieben. Die Geschichte ist eigentlich ganz interessant – der Song wurde 1971 von Badfinger geschrieben und als sie es im Studio einspielten, saß nebenan dieser relativ unbekannte Künstler Harry Nilsson und hörte durch die Studiowände zu. Er beschloss sofort, eine eigene Version des Songs zu veröffentlichen. Und obwohl Badfinger den Song geschrieben haben, war es Harry Nilsson, der ihn veröffentlichte und damit einen Monster-Hit landete. Es ist einfach einer dieser Songs, die immer mein Herz berührt haben, er hat diesen eindringlichen Klang und die Lyrics sind perfekt für Sixx:A.M., der ganze Vibe des Songs ist wie für uns gemacht. Wir waren uns sicher, dass wir von diesem Song eine ganz eigene Version einspielen konnten und es hat wirklich gut funktioniert. Das war meiner Meinung nach eine überaus gute Wahl.

Die wichtigste Veränderung an eurem Sound ist sicher die Abkehr von den diskoartigen Rhythmen auf Modern Vintage und die Zuwendung zu wesentlich schwereren Heavy-Rock- und Crossover-Rhythmen. Euer Drummer leistet da ganze Arbeit. Habt ihr da mittlerweile jemanden fest angestellt?

Wir haben einen festen Drummer, Dustin Steinke und zwei Backgroundsängerinnen, allerdings nur, wenn wir auf Tour sind. Modern Vintage hatte dieses Disko-Flair, weil wir dieses Album gemacht haben, um unsere Vergangenheit zu ergründen. Es galt herauszufinden, welche Bands uns dazu inspirierten, heute das zu sein , was wir sind. Warum hören wir uns so an, wie wir uns anhören, wenn wir Songs für Sixx:A.M. schreiben? Welche Songs haben unsere Liebe zur Musik geweckt und mich zu der Entscheidung gebracht, Gitarrist zu werden? Darum ging es auf Modern Vintage: in der Vergangenheit rumzuwühlen, um zu verstehen, wer unsere Einflüsse waren, und das ein bisschen nachzuempfinden beim Songwriting. Es hat unserer Band auf jeden Fall jede Menge über uns selbst beigebracht.  Jetzt wissen wir auf jeden Fall, warum wir klingen wie Sixx:A.M., und dieses Wissen ist dann in die beiden letzten Alben Prayers for the Damned und Prayers for the Blessed geflossen. Deshalb hören sich unsere Alben jetzt wesentlich fokussierter an.

Gerade seid ihr in den U.S.A. unterwegs, wo ihr beinahe in jedem Staat einen Gig habt. Wann kommt ihr mit dem Album nach Europa auf Tour?

Wir haben ja gerade auf allen Festivals gespielt, aber klar kommen wir 2017 nochmal zurück, um dieses Album vorzustellen.

Eigentlich hatte dieses Interview ja noch vor der Wahl in den U.S.A. stattfinden sollen, doch nun ist die folgende Frage vielleicht noch mehr am Platze: Welchen Einfluss hat das politische Geschehen in Eurem Land auf eure Arbeit? Songs wie „Barbarians“, „The Devil’s Coming“ und „We Will Not Go Quietly“ vermitteln ja eine gewisse Protestbereitschaft. Nach der Wahl von Donald Trump könnte man meinen, dass „Barbarians“ zur neuen Nationalhymne taugt. In welchem Licht stehen eure Songs im Bezug auf dieses Ereignis? Waren die Songs von Anfang an als politische Stücke gedacht?

Eins vorweg: Wir sind keine politische Band. Wir schreiben unsere Songs nicht, um Leuten zu sagen, für welche Seite sie sich entscheiden sollen. Wir sind Künstler, wir sind Songwriter, in diesem Sinne spiegeln wir natürlich wieder, was in der Welt um uns herum geschieht. Zu sagen, dass die Wahl uns inspiriert hat, wäre also absolut korrekt. Wofür sich Leute entscheiden, spielt für uns aber keine Rolle. Die Frage, ob am Ende Trump gewinnt oder Hillary, war niemals der Antrieb. Wir wollten aber mit Songs wie „Rise“ (von Prayers for the Damned) erreichen, dass die Leute aufstehen und ihre Stimme erheben. Egal was es ist, woran du glaubst, und wer es auch ist, dem du folgst, nutze deine Stimme und mach dich bemerkbar – denn als Einheit sind wir sehr mächtig. Und genau so etwas ist ja dann auch passiert. Es haben sehr viele Leute gewählt und obwohl es so aussah, als würde alles in eine Richtung gehen, ist das Ergebnis am Ende ein anderes geworden. Das ist die Macht des Volkes. Die Leute waren es scheinbar leid, in einem korrupten, manipulierten System zu leben, oder was immer die Gründe waren. Ich kann ja nicht sagen, was da in den Köpfen der Leute wirklich vorgeht. Das Ergebnis ist jedenfalls ziemlich verblüffend. Denn ob es einem passt oder nicht, es erinnert einen auf jeden Fall daran, dass wir als Volk wirklich die Macht haben. Unter diesem Aspekt ist das ganze wirklich erfrischend.

Es gibt also Möglichkeiten. Mal sehen wie die Dinge sich jetzt entwickeln…

In der Band war niemand voll für Hillary oder voll für Trump, wir alle hatten gemischte Gefühle gegenüber beiden Kandidaten und das ist auch gut so. Ich denke, es ist nie verkehrt, sich beide Seiten einer Debatte anzuhören.

SIXX:A.M.
Vol. 2, Prayers For The Blessed
(Eleven Seven)
VÖ: 18.11.2016

www.sixxammusic.com

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