THE DEAD WEATHER – Sea Of Cowards


Von Hunden und Feiglingen.



Falls jemand dachte, JACK WHITE würde bei THE DEAD WEATHER mal jemand anderem die Zügel in die Hand geben, der wird spätestens bei Minute 1:38 des Openers ‚Blue Blood Blues‘ von Sea Of Cowards eines Besseren belehrt. WHITE lässt sich zu Versen hinreißen, die wohl zu seinen absurdesten gehören und zeigen, wer hier der Chief-Rocker ist: „Check your lips at the door, woman!/ And shake your hips like battleships!/ Yeah, all the white girls trip when I sing at Sunday service!“ Es ist wunderbares Ich-bin-ein-harter-Typ-Gepose, in einer Manier, die nur ein sehr souveräner Sänger überhaupt wagen würde, geschweige denn durchziehen könnte. Es offenbart THE DEAD WEATHER als ein weiteres Vehikel für JACK WHITE – hier kann er seinen gestörtesten Impulsen frönen.

Auf dem Debüt Horehound überließ WHITE die Aufgabe der stimmlichen Repräsentation zum großen Teil THE KILLS-Sängerin ALISON MOSSHART. Auf Sea Of Cowards hingegen teilen sich die beiden die Leadvocals ziemlich genau auf, und WHITE entfesselt seine ganze Bandbreite an vokalen Ticks: Jaulen, Kläffen, Murmeln, Zischen, Knurren, Kreischen, Stöhnen klingen wie das akustische Pendant zum Fegefeuer. MOSSHART wirft jede dieser verbalen Verbiegungen wie ein Spiegel zurück, bis der Moment erreicht ist, an dem man nicht mehr eindeutig zu sagen vermag, wer gerade „singt“. MOSSHART heult aus voller Brust, sie wimmert den Blues ins Bodenlose. Und mehr als noch auf Horehound siedelt sie sich in WHITEs abgefahrenen Kosmos an. Beide Sänger feuern einen unerhörten Geräuschfetzen nach dem anderen ab. Zusammen klingen sie wie Wildkatzen, die sich bis zum Finale umzirkeln, unsicher, ob es ekstatisch oder fatal enden wird.

Für zwei Menschen, die im Schlaf die eingängigsten Rock-Tunes schreiben können, bleiben MOSSHART und WHITE auf dieser Platte bemerkenswert weit von diesen entfernt. Es sind kaum Refrains auf Sea of Cowards zu finden. Damit sei allerdings nicht gesagt, das es an Hooks fehlen würde: das Verfängliche ist das dumpfe Poltern und wilde Dreschen der Band als ein Ganzes. „Geistesgestört“ ist eine Assoziation, die sich nicht selten aufdrängt: disharmonisches Gitarren-Geballer, ausgefranste Orgel-Pruster und Drum-Fills, die klingen, als ob jemand die Treppe herunter fällt. Diese ungezügelte Explosivität klingt nach bissigen Jam-Sessions, zornig und gefährlich. Und wenn mal so etwas wie ein Refrain aus dem sumpfigen Äther emporsteigt, wie zu hören bei der fast schon brutalen ersten Single ‚Die By The Drop‘, dann schneidet er tief ins Fleisch.

Die kleinen Finessen tragen ihren Teil zu dem massiven Eindruck, den Sea of Cowards hinterlässt, bei. Da wären das seltsam feuernde Keyboard bei ‚The Difference Between Us‘ oder die zwei sich streitenden Lead-Gitarren in ‚I Can’t Hear You‘, um nur zwei Beispiele zu nennen. WHITE und MOSSHART sind zwei etablierte, abgebrühte Typen im Rockzirkus, die nicht das Verlangen haben, alles zu erklären oder mitzuteilen. Und auch wenn Sea of Cowards eher rausgehauen als ausgearbeitet scheint, funktioniert es. Die Platte ist schwer, wirr und in ihrer Art physisch. Sie vermittelt, dass hier Leute am Werk waren, die sich ihrer ausgezeichneten Fähigkeiten sehr bewusst sind und es nicht nötig haben, sich mit ausgefrickelten Details aufzuhalten bzw. die Musik damit nicht verwässern wollen.

THE DEAD WEATHER am 01.07.2010 live im Huxleys Neue Welt.

THE DEAD WEATHER
Sea Of Cowards
(Third Man Records / Sony Music)
VÖ: 21.05.2010

www.thedeadweather.com
www.myspace.com/thedeadweather
www.thirdmanrecords.com
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