THE (INTERNATIONAL) NOISE CONSPIRACY am 01.12.2008 im SO36


Die Purpur-Macht sei mit uns!



Heute Abend ist Dennis Lyxén Supurpurman! Mit einem flatternden Samtumhang in der neuen Lieblingsfarbe der Umeå-Schweden stürmt er nach dem Intro zu den ersten Tönen von ‚I Wanna Know About You‘ auf die Bühne. Auch die Weste über dem Rüschenhemdchen ist magneta-farben, dazu die Hose, das überdimensionale Bühnenlogo, seine Bandmitglieder (oder zumindest ihre Klamotten): Alles verschwimmt in der okkulten Mystikerfarbe. Und dann prangen da überall noch konnotative Symbole: Die Pyramide mit dem Auge, zwei übereinander liegende Pentagramme und dazu vier seltsame Zeichen, die auf den ersten Blick ebenfalls einer schwarzen Bibel entnommen zu sein scheinen. Ein Kreis, mit einem tangierenden Halbkreis darüber, ein V-ähnliches Etwas, ein PI und eine Art Omega mit einer Wellenlinie darunter. Könnten vielleicht auch Sternzeichen sein, rätseln wir.



Da kommt man nicht umhin, nach der gemeinsam zelebrierten purpurnen Messe auf Inge Johansson (Bass) loszustürmen und ihn mit Fragen zu bombardieren. Der erklärt geduldig: „Also, die vier Zeichen hier stehen tatsächlich für unsere [die vier übrig gebliebenen Gründungsmitglieder, Anm.d.Verf.] Sternzeichen: Stier, Widder, Zwilling und Wassermann. Und ja, das ist die Freimaurer-Pyramide, und mit dem Pentagramm liegt ihr auch nicht falsch. Außerdem haben wir Purpur so gern, weil wir den amerikanischen Filmemacher Kenneth Anger sehr mögen, und der sagte einmal: ‚Purpur ist die Farbe des Bösen‘.“ Was genau ist denn daran so böse? „Naja, es ist eben die Farbe des Okkulten, der Teufelsanbeter und so weiter.“ Huch! Was für eine Mischung an Symbolen und Provokationen.



Ein neues Gesicht haben THE (INTERNATIONAL) NOISE CONSPIRACY ihrem Image mit dieser okkult-psychedelischen Note und dem aktuellen Album The Cross Of My Calling also in der Tat gesetzt. Aber man kann beruhigt sein: Teufelsanbeter sind sie deswegen noch lange nicht.
„Es ist einfach nur so“, erklärt Inge, der jetzt 31 ist, weiter, „dass man mit dem Alter beginnt, die Dinge anders zu hinterfragen. Man sucht nach der spirituellen Seite im Leben.“
Seit zehn Jahren besteht das Leben von Inge, Dennis, Lars Strömberg (Gitarre) und Ludwig Dahlberg (Schlagzeug) nun aus der Band und der Musik. „Da fragt man sich manchmal, was eigentlich danach vom Leben übrig bleibt, sollte es einmal vorbei sein“, sinniert Inge.



Mit dieser Thematik befasst sich auch der Song ‚Child Of God‘ auf dem neuen Album, bei dem Dennis während der Show tranceartig auf dem Boden liegt und von der Bühne ins Publikum und wieder zurück tänzelt. Die Orgelparts, der mitschwingende Sexappeal und dazu die egozentrischen Lyrics „I’ll be the Sinner, I’ll be the Saviour, I’ll be the Seducer. I’ve got demons on my own“: Plötzlich fühlt man sich in die 60er zurück versetzt und meint Jim Morrison gegenüber zu stehen.
Ganz klar: Es geht mittlerweile nicht mehr nur um die Politik bei THE (INTERNATIONAL) NOISE CONSPIRACY. Das merkt man auch an der lapidaren Haltung, die Dennis gegenüber seinen sonst so typischen politischen Statements, einnimmt: „Well, you all know that The International is all about politics. So I do not have to tell this every night, do I?“, versucht er mit einem zwinkernden Auge zu witzeln.
Später gibt es dann als Einleitung zu ‚The Reproduction Of Death‘ immerhin einen politischen Merksatz, aber selbst der wird einer Floskel gleich nach dem Motto „Es-Muss-Ja-Sein“ hinunter geleiert: „The meat-industry is destroying our environment. So stop eating meat!“



Dennis selbst würde man allerdings ein wenig mehr Fleisch, wenn schon nicht auf dem Teller, so doch auf den Knochen, wünschen. Schwach und abgemagert wirkt er. Die Hände zittern unruhig, als er den leicht ausgeleierten Mikrophonständer versucht mit etwas Tape zu drapieren. Und das bereits zu Beginn der Show. Trotzdem springt er natürlich wie eh und je über die Bühne, wirft sein Mikrophon in sämtliche Himmelsrichtungen, um es wieder aufzufangen, swingt und rock’n’rollt sich durch die Show. Jeder Ton sitzt perfekt, auch seine Mitstreiter glänzen musikalisch. Aber dennoch: So handfest und sicher wie einstmals wirken zumindest Dennis‘ Bewegungen heute nicht.
Aber, und das muss unbedingt betont werden, das Konzert ist trotz all dieser Beobachtungen ein voller Erfolg! Das SO36 kocht, die Leute tanzen bis zur absoluten Erschöpfung und die neuen Songs werden mitgegrölt. Der donnernde Ruf nach einer Zugabe am Ende des Abends wird doppelt belohnt, und sowohl die fünf Jungs, als auch das Publikum beschließen das Konzert mit einem sehr zufriedenen Ausdruck im Gesicht und einem angestiegenen Adrenalinspiegel.



In den vier Jahren seit ihrem letzten Album Armed Love scheinen THE (INTERNATIONAL) NOISE CONSPIRACY einfach eine enorme Entwicklung durchlaufen zu haben, die noch lange nicht abgeschlossen ist. Diesen Wandel merkt man Dennis und Co an. Er fällt auf, allerdings nicht negativ, sondern eher genau so, wie er beabsichtigt ist: Die Leute werden angeregt, darüber nachzudenken, was eigentlich wirklich wichtig ist im Leben. Sie werden gezwungen zu reflektieren. THE (INTERNATIONAL) NOISE CONSPIRACY vermitteln als Band, was jedes Individuum erfahren muss, nämlich, dass man sich nicht nur durch politische Parolen eine Anti-Haltung und der daraus resultierenden Wut definieren kann.

www.internationalnoise.com
www.myspace.com/internationalnoiseconspiracy

Fotos © Sophia Scalpel
Autor: [EMAIL=daniela.saleth@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Daniela Saleth[/EMAIL]

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