Tripkid – dito.

Nun waren ANTIHELD nie eine technisch aufregende oder erfolgreiche Alternative-Rockband, doch hatten sie durchaus einen eigenen Stil. Und das ist im deutschen Popbusiness etwas besonderes, wo für gewöhnlich nur erfolgreiche Konzepte kopiert werden. Vor und nach dem letzten Album Disturbia stiegen mehrere Mitglieder aus und die Band verkündete 2023 ihr Ende. Übrig blieben LUCA OPIFANTI (noch immer Gesang, Gitarre) und MATTHIAS BRENDLE (jetzt Schlagzeug/Produktion), die sich als TRIPKID neu formiert haben.

Mit dem eigenen Stil ist es jetzt vorbei, denn die beiden wollen noch schnell den Trap- und Drogenhype aus den USA mitnehmen, bevor er uncool ist. Frühere Poppunk-Anleihen werden genommen und in einen Trap-Pop verwandelt, wie man ihn beispielsweise von Emo-Rapper LIL PEEP kennt. Der Parental Advisory-Stempel wird wegen der starken Nutzung des F-Wortes aufgedruckt.

Auf „Lang Lebe Tripkid“ wird mit Billig-Riffs, unbemühten Gesang (mit ein wenig Autotune) und Party-Synthies der Abschied von der alten Band abgehandelt. Das geht nicht, ohne schmutzige Wäsche zu waschen: „Ich wusste immer, dass ihr zu mir nicht ehrlich wart. Aber Leuchtreklamen schreiben meinen Namen in die Wolken, wo früher meine Sterne war’n. Ich hab sie mir gepflückt, doch wollte da nicht teil’n. Jetzt bin ich so schön geschmückt, aber leider allein.“

Sänger Opifanti stellt wieder seine Vorliebe für melancholischen Gesang aus. „Fuck Me“ erzählt zu Poppunk von einem Thema, das im ganzen Deutschpop das Höchstmaß an Freiheit verspricht: Im Kater neben einer Unbekannten aufzuwachen. Sex ist hier das einzige Mittel gegen Einsamkeit. Oder man schmeißt halt Drogen („Higher Als Der Himmel“). Echte Liebes- und Freiheitsromantik kann hier nicht aufkommen, dazu sind Titel wie „Glut“ oder „Ich Schlucke Gift“ zu simpel geschrieben, die Lyrics zu nihilistisch (v.a. „Suicide Squad“). Allerdings ist jemand wie der beziehungsunfähige Luca sympathischer als jemand wie CLUESO, der nur noch sein geiles Leben präsentiert.

Als Smasher soll dann „Kids Am Block“ dienen, wie einst „Alex“ von den TOTEN HOSEN. Hier will man zu harten Beats den Zustand der heutigen Jugend beschreiben: „Und plötzlich bist du 17 Jahre alt, Pali-Tuch um deinen Hals, Wut im Bauch, Faust geballt.“ Und ja, man muss Leute in der Pro-Palästina-Bewegung nur mal fragen, ob sie den Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten oder zwischen Israelis und Juden erklären können. Die Wutabfuhr politisiert, auch ohne, dass man es selbst versteht. Mutiger ist es zweifellos, die sexualisierte Gewalt gegen junge Frauen anzusprechen. BABOZA und Tripkid wollen in „Unsere Schwestern“ gemeinsam bekennen, Teil des Patriarchats zu sein und geloben, an dessen Überwindung zu arbeiten. Löblich.

Als Outro des Albums machen die Tripkids einen „Roadtrip“ an einen glücklicheren Ort. Mal sehen, wo es sie hinverschlägt. Poppig wie nie haben die beiden ehemaligen Antihelden einen Weg gefunden, sich wieder unter die Leute zu mischen. Weiterentwicklung abgeschlossen.

 

TRiPKiD
Tripkid
(Trippy Kiddo Records)
VÖ: 29.11.2024

www.tripkid.de

Live

10.04.2026, Dresden, Die Rock & Metalbar
11.04.2026, Flensburg, Kühlhaus
12.04.2026, Berlin, LARK
15.04.2026, Hamburg, Hafenklang
01.05.2026, Willofs Festival
22.05.2026, Damstadt, Schlossgrabenfest
18.07.2026, Haunetal, Haune Rockt Festival

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