„Vielfalt statt Einfalt“ | Interview mit Delinat-Gründer Karl Schefer

Foto: Delinat

Delinat wurde 1980 von Karl Schefer in der Schweiz gegründet – mit dem ausgesprochenen Ziel, den Weinbau ökologischer, vielfältiger und nachhaltiger zu gestalten. Das Unternehmen gilt heute vielen als Pionier für biologischen Weinbau in Europa – beteiligte Weingüter gibt es etwa in Rioja, an der Rhône und im Douro-Tal in Portugal sowie natürlich in Deutschland, Österreich und der Schweiz – und hat eigene, strenge Delinat-Richtlinien entwickelt, die erst 2025 zuletzt überarbeitet wurden und nach Firmenaussagen weit über den EU-Bio-Standard hinausgehen. Unter Schefers Leitung setzt Delinat konsequent auf Biodiversität, chemiefreien Pflanzenschutz und pilzwiderstandsfähige Rebsorten (PIWIs), um den Weinbau zukunftsfähig zu machen. Wir probieren uns gerade noch zum ersten Mal durch einige ausgewählte Weine und wollen euch derweil hier mittels eines Interviews mit Gründer Karl Schefer die Denkweise bei Delinat etwas näherbringen …

Im Weinbau werden mehr Pestizide gespritzt als in jedem anderen Bereich der Landwirtschaft. Warum ist das so – und warum bessert sich die Lage nicht?

Das Hauptproblem ist, dass sich Schädlinge und Pilze sehr schnell anpassen. Je mehr Gifte man einsetzt, desto resistenter werden sie. Das führt zu einem Teufelskreis: Mehr Chemie bedeutet geschwächte Reben, die noch anfälliger für Krankheiten werden – und dann braucht es wieder neue Gifte.

Wo sehen Sie Alternativen zu diesem System?

Es gibt zwei Wege. Der erste ist der konventionelle Ansatz: Die Pflanze wird ständig umsorgt, gedüngt und gegen jede Gefahr geschützt – vergleichbar mit einem Patienten auf der Intensivstation. Der zweite Weg, unser Weg, ist die Delinat-Methode: Die Pflanze wird so weit wie möglich sich selbst überlassen und darf lernen, sich aus eigener Kraft zu behaupten.

Das klingt auch für den Bioweinbau herausfordernd. Ist Bio automatisch besser?

Nicht unbedingt. Wenn im Bio-Weinbau zwölf bis achtzehn Mal pro Jahr mit Kupfer und Schwefel gespritzt wird, dann ist das ökologisch fragwürdig. Verdichtete Böden, Monokulturen und anfällige Pflanzen gibt es dort oft genauso wie beim Nachbarn, der konventionell arbeitet.

Was braucht es also für nachhaltigen Weinbau, den Sie guten Gewissens als solchen bezeichnen würden?

Drei Dinge. Erstens: Säen statt düngen – eine artenreiche Begleitflora im Weinberg, die Krankheiten vorbeugt und das Bodenleben stärkt. Zweitens: Vielfalt statt Einfalt – Büsche, Hecken, Biotope und Bäume im Weinberg, damit ein stabiles ökologisches Gleichgewicht entstehen kann. Drittens: Stärken statt schwächen – robuste, klimaangepasste Reben, vor allem pilzwiderstandsfähige Sorten, die sogenannten PIWIs.

Erzählen Sie gern etwas mehr über diese PIWI-Reben …

Sie sind deutlich resistenter gegen Mehltau und andere Krankheiten, vertragen Trockenheit und Frost besser, und sie brauchen kaum Pflanzenschutz. Das reduziert den Arbeitsaufwand im Weinberg drastisch und schont Böden, Wasser und Biodiversität. Die Öko-Bilanz ist unvergleichlich besser als bei klassischen Edelreben.

Wie gestaltet sich das im Glas und schließlich im Mund?

Die Zeiten, in denen PIWIs geschmacklich hinterherhinkten, sind vorbei. In Blindverkostungen liegen sie oft vorne. Die Züchtung hat enorme Fortschritte gemacht.

Sehen Sie persönlich pilzwiderstandsfähige Rebsorten als Zukunft des Weinbaus in Europa?

Absolut. Sie sind in vielen Regionen die Voraussetzung für konsequent ökologischen Weinbau. Immer mehr Winzer erkennen das, und die Gesetzeslage erleichtert inzwischen den Anbau.

Wer hat diese Entwicklung entscheidend vorangetrieben?

Großartig finde ich die Arbeit von Valentin Blattner aus dem Schweizer Jura. Er hat über Jahrzehnte neue Sorten gezüchtet, oft gegen Widerstände und ohne Anerkennung. Ihm gebührt Respekt und Dank – nicht nur von uns, sondern von der gesamten Weinwelt.

https://www.delinat.com/

Karl Schefer auf dem Weingut Lenz in der Schweizer Gemeinde Uesslingen-Buch. | Foto: Delinat

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