WILCO – Wilco (The Album)


Wilco (The Tweedy).



Jeff Tweedy macht es einem echt nicht leicht. Der Leadsänger der Chicagoer Band WILCO wirkt eigenwillig und stur. Seinen Eltern wollte er den Wunsch nicht erfüllen, eine Universitätskarriere abzulegen. Mehrere Versuche scheiterten, Tweedy hatte für sich beschlossen, dass Musik der Fokus bleiben musste. Nicht nur in familiären Situationen blieb der heute 41-jährige kompromisslos. Auch wenn es um die musikalische Orientierung alter Bands ging, war er alleiniger Kopf der Sache, selbst auf Kosten alter Jugendfreunde. Überdies musste selbst ein großes Label wie Warner feststellen, dass Jeff Tweedy immer seine Linie fahren würde und sich keiner Vorschriften beugt, die seine künstlerische Freiheit beschneiden könnten, auch wenn das einen Wechsel des Labels, eine knapp einjährige Verzögerung der Veröffentlichung des Albums und eine Menge Eigenkapital benötigte. Der Mann scheint nichts außer „Will Comply“ ( sprich „wird befolgt“) zu verstehen – wofür „Wilco“ abkgekürzt steht.

Doch sein Erfolg gibt ihm Recht, und so dürften Mama und Papa Tweedy der Uni jetzt auch nicht mehr nachtrauern. Hat Jeff doch bereits mit seiner alten Band Uncle Tupelo Kultstatus für sich gesichert und das Dasein seiner nunmehr seit 15 Jahren existierenden Band WILCO mit zwei Grammies für das Album A Ghost Is Born untermauert.
Die erste Überraschung auf dem neuen Album bietet sich schon, sobald man einen genaueren Blick auf die Besetzung wirft. Dort lesen sich neben Tweedy folgende Namen: John Stirrat, Glenn Kotche, Nels Cline, Mikael Jorgensen, Pat Sansone. Kommt einem irgendwie bekannt vor. Richtig, denn der notorische Lineup-Wechsler Tweedy hat es doch tatsächlich das erste Mal geschafft mit denselben Leuten ein weiteres Album zu machen. An Alterssenilität oder dem Wunsch nach Beständigkeit wird das beim perfektionistischen Kopf der Band wahrlich nicht gelegen haben, vielmehr rührt das von einer gewissen Zufriedenheit, die nicht mit Selbstgefälligkeit zu verwechseln ist.

Die Zusammenstellung hat musikalisch bereits auf Sky Blue Sky überzeugend gewirkt und macht hier mit Wilco (The Album) nahtlos weiter, wo sie aufgehört hat. Auf 43 Minuten umfassenden 11 Songs zeigt WILCO bestes Songwriting und sogar größtenteils sehr fröhliche Musik, die einen wirklich glauben macht, dass Tweedy seine Depressionen weit hinter sich gelassen hat. Tweedys immer leicht heiser wirkende, rohe Stimme, die auf eine charismatische Art betagt wirkt, bewegt sich auf dem Album meist im Gebiet des Seichten und Unbeschwerten. Ob auf eher rockigen Songs wie ‚Sunny Feeling‘, ‚I’ll Fight‘ und ‚You Never Know‘, bei welchem die Lyrics eine augenzwinkernde Hommage an die jugendliche Steifheit zu sein scheinen, auf leichten und nostalgischen Stücken wie ‚Country Disappear‘ und ‚Deeper Down‘ oder auf einer ruhigen Ballade namens ‚Solitaire‘, WILCO vermitteln eine angenehme Atmosphäre von Gelassenheit und Freiheit.

Zwischen von Gitarren, Keyboard und Schlagzeug spärlich-instrumentiert wirkendem Country und Folk, der gut und gerne auch wohl mal in einem Autowerbespot Verwendung finden kann, befinden sich auch einige besondere Glanzpunkte. Wilco (The Album) bietet mit der ersten Auskopplung ‚You And I‘ gleich eine gelungene namhafte Zusammenarbeit mit Feist und stellt des Weiteren mit ‚One Wing‘ einen Song mit Hitpotenzial à la ‚Impossible Germany‘ bereit. Der auffälligste Titel der CD präsentiert sich auf Position 4 der Tracklist: ‚Bull Black Nova‘. Der Song, bei dem Tweedy zum Ende mal ganz aus sich rauskommt, wirkt wie eine rohe, ältere Demo von WILCO, zu dem Fans mal ordentlich den Körper zappeln lassen können.

Dass es sonst nicht ganz so wild zugeht, ist nicht so wild. Vielleicht ist Jeff Tweedy wirklich ein wenig älter und auch glücklicher geworden, aber das sei einem nach so einer arbeitsamen und von Erfolg gekrönten Karriere zu wünschen. Es ist wohl ein Glück für alle, die ein wenig daran teilhaben und sich an der musikalischen Weisheit eines alten sturen Fuchses erfreuen können. Nur anlegen sollte man sich vielleicht nicht mit ihm…

WILCO
Wilco (The Album)
(Nonesuch / Warner)
VÖ: 26.06.2009

http://www.wilcoworld.net
http://www.myspace.com/wilco

Autor: [EMAIL=marius.funk@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Marius Funk[/EMAIL]

Facebooktwittergoogle_pluspinterestlinkedintumblrmailFacebooktwittergoogle_pluspinterestlinkedintumblrmail