YO LA TENGO am 19.11.2006 im Postbahnhof


Muss man gesehen haben: IRA KAPLAN, GEORGIA HUBLEY und JAMES McNEW live im ausverkauften Postbahnhof.



YO LA TENGO aus dem amerikanischen Hoboken legten in den über 20 Jahren ihres Bestehens mit beeindruckender Beständigkeit ein Meisterwerk nach dem anderen vor und zeigen sich nach dem wunderschön zurückgenommenen, 60s-lastigen Summer Sun von 2003 auf ihrem neuen Album mit dem grandiosen Titel I Am Not Afraid Of You And I Will Beat Your Ass auf über 70 Minuten wieder verstärkt von ihrer experimentelleren und lauteren Seite und somit erneut in Höchstform.

Dass IRA KAPLAN, GEORGIA HUBLEY und JAMES McNEW seit zig Jahren ebenfalls Garanten für exaltierte und ungemein unterhaltsame Liveshows sind, haben nicht zuletzt auch die Berlin-Auftritte der vergangenen Jahre gezeigt, als sich YO LA TENGO durch ein beeindruckend stimmiges Set aus ellenlangen Feedback-Orgien, verspielter Psychedelia und zurückgenommenen Indie- und Folksongs spielten und natürlich auch zahlreiche – und zwingend zu ihrem Repertoire gehörende -, gelegentlich äußerst ungewöhnliche Coverversionen (wie beispielsweise ‚Antmusic‘ von Adam And The Ants) auf dem Programm standen. Diese sollten diesmal in Form von Eigeninterpretationen von Songs von Albert Lee, George Harrison oder später in einem der drei, vier Zugabenblöcke mit dem mittlerweile standesgemäßen, mittels abwechselnden und sich teils überlagernden Gesangs der drei Protagonisten stets für große Unterhaltung und beste Stimmung sorgenden Sun Ra-Cover ‚Nuclear War‘ ebenfalls wieder Bestandteil des Konzerts sein.

Zu Beginn des erneut die zwei Stunden-Grenze locker überspringenden Gigs im ausverkauften großen Postbahnhof bedienten YO LA TENGO und insbesondere Sänger/Gitarrist IRA KAPLAN zunächst einmal ziemlich zugeknöpft, aber umso intensiver und konzentrierter insbesondere die Freunde ihrer bekannt ausufernden, improvisiert-experimentellen, schon mal bis zu zehn- oder fünfzehnminütigen Indiemonster, bei denen IRA KAPLAN seine Vorliebe für die von jeher in den Yo La Tengo-Sound eingebetteten Feedback- und Effektspielereien besonders exzessiv und kunstfertig auslebte. Schon große Klasse, wie er quasi zur Einheit mit der Gitarre wurde und Schwingungen, Rückkopplungen und die Bearbeitung des Resonanzkörpers quasi als geräuschvolle Unterlegung bzw. Begleitung für seine zunächst noch gerne nahezu dissonant anmutenden Gitarrenklänge nutzte, um letztlich doch alles in messerscharf auf den Punkt gezirkelten wunderbar melodiösen Soli aufzulösen und zur eigentlichen Songmelodie zurückzukehren bzw. auf diese über zig verwinkelte Umwege hinzuleiten. Und das alles bei einem schier atemberaubenden, gleichermaßen druckvollen wie fein akzentuierten Sound.

Nach diesem fulminanten und wohltuend lärmigen Auftakt schien auch die Band eine kleine Verschnaufpause zu benötigen, und IRA wandte sich in seiner bekannt zurückhaltenden Art erstmalig mit einem kurzen „Thank You“ an die Fans, um dann überraschenderweise gleich eine längere, humorige Story über das von ihm getragene T-Shirt nachzuschieben und anschließend einige Songs des neuen Albums I Am Not Afraid Of You And I Will Beat Your Ass anzukündigen und ans Keyboard zu wechseln.

Bis zum Ende des regulären Sets wechselten insbesondere IRA und Bassist JAMES McNEW des Öfteren zwischen ihren angestammten Instrumenten, und auch JAMES hatte beim flott-eingängigen Smash ‚Stockholm Syndrom‘ seinen großen Auftritt als Leadsänger und Gitarrist im Bühnenzentrum, nicht ohne beim knackig-melodiösen, prägnant auf den Punkt geschossenen IRA-Solo wieder in den Hintergrund zu treten – musikalisch gesehen.
Ruhigere Stücke wie das vom 90er Album Fakebook stammende ‚Speeding Motorcycle‘ oder das mit sehr dezenten, atmosphärisch anmutenden Noise-Schleifen vorgetragene und von GEORGIA HUBLEY am Keyboard stehend gesungene ‚Nowhere Near‘ (vom 93er Album Painful) gehörten insbesondere bei den Zugaben aber ebenso dazu wie die das Set hindurch ebenso an den richtigen Stellen eingestreuten lautstark-übersteuerten Klassiker wie ‚From A Motel 6‘ (ebenfalls von Painful) oder ‚Blue Line Swinger‘ (vom 95er Electr-O-Pura), letzteres auf Wunsch eines Fans in eben jenem Album-Shirt nach freundlicher Aufforderung von IRA KAPLAN („Which song do you wanna hear?“).

Kein Wunder also, dass die Band nach einer gewohnt erstklassigen Vorstellung immer wieder zu Zugaben zurück auf die Bühne gejubelt wurde, und erst recht kein Wunder, dass YO LA TENGO-Konzerte trotz eher spärlicher Medienpräsenz stets ausverkauft sind. Sollte man aber auch einfach mal live gesehen haben, diese fantastische Band.

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Autor: [EMAIL=thomas.stern@b-i-b.de?Subject=Kontakt von der Website]Thomas Stern[/EMAIL]

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