14. ORANGE BLOSSOM SPECIAL Festival vom 21. bis 23. Mai 2010 in Beverungen


Schön gemütlich.



Das Orange Blossom Special ist ein außergewöhnliches Kleinod der Festivallandschaft. Viele der knapp 2000 Zuschauer kennen sich persönlich, was bei den ersten Konzerten eines jeden Tages zu endlosen Begrüßungsszenen im Publikum und an Nachmittag, Abend und Nacht zu einer unglaublich entspannten, ja familiären Stimmung führt. Auf dem Zeltareal wirkt es – im positiven Sinne – wie bei Dauercampern. Nicht wenige zelten seit Jahren an der selben Stelle und haben seit Jahren die selben Nachbarn, deren Kinder – für Festivalverhältnisse sind sehr viele Familien da – sie mit aufwachsen sahen und sehen.

Die großen Trink- und Brüllexzesse sind verschwindend selten, die Atzen zu Hause geblieben. Der Altersschnitt liegt zwischen dreißig und vierzig Jahren, mit starken Ausschlägen in beide Richtungen. Die Einlasskontrolle beschränkt sich auf die Kontrolle des Festivalbändchens, alles andere ist Vertrauenssache.
Alles also ein wenig anders, ein wenig gemütlicher als bei den meisten anderen Festivals. Und gerade rechtzeitig zeigte sich am diesjährigen Pfingstwochenende die zuvor schon in Vergessenheit geratene Sonne über diesem malerisch schönen Landstrich an der Weser.

Auf der kleinen Bühne im baumumringten Garten der Glitterhouse-Villa ging es dann aber nicht immer nur gemütlich zu, zeitweise wurde hier herzhaft gerockt. Bleibenden Eindruck hinterließen THE DEATH LETTERS, zwei niederländische Teenager in der Kombination Schlagzeuger, Sänger/ Gitarrist, die auf der Bühne mit ordentlich Punk-Attitüde veritablen Lärm machten. Nur unwesentlich älter sind THE FOG JOGGERS aus Krefeld. Das Quartett eröffnete zur Mittagszeit den Sonntag und brachte das für die Uhrzeit zahlenmäßig schon recht große Publikum mit ihrem Blues-Rock in kürzester Zeit auf Betriebstemperatur. Sie selbst hatten dabei auch sichtlich Spaß – schön anzusehen.

Natürlich war die Bühne nicht nur der Jugend vorbehalten, wie vor allem THE GODFATHERS bewiesen. Deren Hochphase waren ja eher die ausgehenden Achtziger, und das wird sich trotz Reunion auch nicht ändern. Sänger PETER COYNE – der optisch übrigens zunehmend Peter Sodann ähnelt – wirkt wie eine Parodie auf den alt gewordenen Rocker und Superchauvi. Wenn jemand um die 50 (schätze ich jetzt mal) mit Kraftausdrücken und dirty words um sich wirft, ist das – gleich, ob von einer Bühne oder Parkbank aus – nicht Punk, sondern ein Grund für Fremdscham. Auch die recht geradlinige Rockmusik der Briten ist ein wenig in die Jahre gekommen, neue Songs spielten/ haben sie so gut wie keine.

Etwas für viele Besucher, inklusive mir, völlig neues gab es beim gemeinsamen Konzert von DIRTMUSIC, der Band um THE WALKABOUTS‘ CHRIS ECKMAN und TAMIKREST aus Mali zu erleben. Die aus Tuareg bestehenden TAMIKREST hatten am aktuellen DIRTMUSIC-Album BKO mitgewirkt und wurden kurzerhand mit auf die Tour eingeladen. So wechselten sich über zwei Stunden die beiden Bands auf der Bühne ab oder spielten in verschiedenen Konstellationen gemeinsam folkloristische Musik – die man zur einen Hälfte wohl unter „Folkrock“ und zur anderen unter „Weltmusik“ verallgemeinert.

Lokalkolorit gab es hingegen bei THE INNITS, deren musikalische und biografische Wurzeln hier um die Ecke, in der Gegend um Bielefeld liegen. Dort war Mitte der Neunziger um Bands wie SHARON STONED, HIP YOUNG THINGS oder LOCUST FUDGE ein Epizentrum der alternativen Musikszene und somit auch ein Nährboden für das Glitterhouse-Label. Mittlerweile wohnt der Großteil der Musiker in Berlin, von wo THE INNITS mit SCHNEIDER FM dann auch gleich einen Weggefährten früherer Tage mit in die gemeinsame Heimat und als Unterstützung an Gitarre, Mikro und Mundharmonika bringen konnten. Und wo ein guter Teil LOCUST FUDGE auf der Bühne stand, ließ es sich auch herrlich mit einer Reunion kolportieren. Man darf gespannt sein.

Nicht ganz so lange wie LOCUST FUDGE, aber doch eine gefühlte Ewigkeit standen KANTE nicht mehr auf einer „normalen“ Rockbühne. Stattdessen verdingen sich die Wahlberliner in letzter Zeit in Dresdner und Berliner Theatern. Umso schöner, dass sie für das ORANGE BLOSSOM SPECIAL 14 eine Ausnahme machten und fast neunzig Minuten lang Songs aus über zehn Jahren Bandgeschichte spielten. Die Theatererfahrung hat sie übrigens noch perfektionistischer gemacht – schon der Soundcheck wirkte wie eine praktische Prüfung in Tontechnik. Dafür klang in der Folge aber auch alles glasklar, wie überhaupt den Tontechnikern des Festivals ein großes Kompliment gilt, weil es ihnen fast immer gelang, den Open Air üblichen Soundbrei zu vermeiden.

Ein weiteres Highlight des Festivals waren die dänischen Postrocker von KASHMIR, die unmittelbar vor KANTE am Samstagabend spielten. Im Frühjahr hatten sie ihr sechstes Studioalbum www.orangeblossomspecial.de
www.glitterhouse.de

Autor: [EMAIL=alexander.eckstein@popmonitor.de?Subject=OBS 14]Alexander Eckstein [/EMAIL]

Facebooktwittergoogle_pluspinterestlinkedintumblrmailFacebooktwittergoogle_pluspinterestlinkedintumblrmail