ALEC EMPIRE am 06.10.05 im Fritzclub


Ein runtergetunter Brei aus reaktionären Plattitüden, die an diesem Abend selbst bei den Anwesenden wenig Gehör fanden.



Digital Hardcore ist tot. Die einstigen Vorreiter dieser in den späten 90er Jahren aufkeimenden innovativen Punkalternative, ATARI TEENAGE RIOT, sind nicht mehr. HANIN ELIAS ist als Hardcorevariante von Alice Schwarzer irgendwo im Feminismus-Exil verschwunden, und Carl Crack hat die wahrscheinlich übertriebene Auseinandersetzung mir seinem Nachnamen nicht überlebt. Übrig geblieben sind Nic Endo, die hübsche ATR-Knöpfchendreherin mit chronischem Gesichtstatoo und inzwischen einverleibtes Bandmitglied von ALEC EMPIRE, welcher mittels immenser Gitarrenverstärkung nun schon einige Zeit auf Solopfaden wandelt und diese mittels seines neuen Albums The Futurist aktuell betourt.

So geschehen und gesehen am heutigen Abend des 06.10 im neuen Fritzclub, dem Postbahnhof, den ich mir irgendwie imposanter vorgestellt hätte… Als Vorband anberaumt war BOY FROM BRAZIL, dessen Trent-Reznor-Sado-Maso-Alleinunterhaltervariante ich schon bei DEATH FROM ABOVE 1979 das Vergnügen hatte zu sehen. Der bis dato nur spärlich gefüllte Saal wurde vom BOY außer durch sich selbst, mittels Videoinstallationen unterhalten, die sich meist mit Versatzstücken aus 80er Jahre Lack- und Leder-Softpornos und ihren darin rekelnden üppigen Haarspray-Schönheiten beschäftigten. BOY FROM BRAZIL hampelte dazu eher spärlich mit Lederriemen und pinkem Tanga unter der zu engen Lederhose bekleidet zu programmierten Beatz auf der Bühne herum und wusste dadurch eher zu belustigen als zu beeindrucken. Ganz nett und auch unter verhaltenem Applaus alsbald vorbei.

Als sich nach einer mittelschweren Umbaupause, welche von DDR-Arbeiterliedgut untermalt wurde, alle, die es sich draußen und im Vorraum gemütlich gemacht hatten, einfanden, war der Postbahnhof zu 3/4teln gefüllt. ALEC EMPIRE mit Band in Form von Gitarrist, Schlagzeuger und der schon angesprochenen Nic Endo (ohne Gesichtsbemalung) hinter der Synthesizerphallanx, enterte Muckibuden- gestählt die Bühne. ALEC EMPIRE ist ein Poser vor dem Herrn, denn noch bevor irgendetwas auf der Bühne geleistet wurde, wenn man mal von Introrückkopplungswahnsinn absieht, verlangte Mr. EMPIRE sofort mehr Begeisterung, die sich, übrigens den ganzen Abend, nur mühsam einstellen wollte.

Was nun kam, war ein Brei aus tieftönendem Krach, in dem einzig der Live-Schlagzeuger Akzente setzen konnte. Gitarre und Elektronics suppten mit den Verbalattacken des Anarchie-Adonis zu einem Brei zusammen, der eher an progressiven Doomcore als an digitalen Hardcore erinnerte. Und so zog sich das durch das ganze Set, das sich, glaube ich, vornehmlich auf das neue Album bezog. Sogar die sonst plakativen Aussagen gingen in der Suppe aus Dissonanzen unter. Insofern konnte man Titel wie ‚Kiss Of Death‘, ‚Night Of Violence‘, ‚Point Of No Return‘ oder ‚Hunt You Down‘ nur erahnen.
Auch auf jegliche Aussagen zur Lage der Nation, die sich ja quasi hätten aufdrängen müssen, ließ sich Herr EMPIRE nich hinreißen und posierte dafür ein bisschen mehr mit seinem Astralkörper. Dass er sich dabei den schönen Showeffekt des Shirtausziehens selbst verbaute, indem er es vorzog, gleich mit entblößtem Oberkörper die Bühne zu betreten, ist wohl seinem übersteigertem Narzismus zuzuschreiben.
Tja und so zog sich das wie zäher Keksteig hin, ohne Akzente zu setzen, bis die Herrschaften die leider nicht zu Kleinholz verarbeitete Bühne verließen. Nur eine Rückkoplung hinterlassend, die wahrscheinlich dazu gedacht war, die höheren Wahrnehmungsbereiche im Innenohr wieder zu reaktivieren.
Aufgrund des verhaltenen Applaus hätte ich allerdings nicht gedacht, dass Mr. Ich-bin-so-schön-ich-bin-so-clean-ich-bin-der-Alec-aus-Berlin es nochmal auf die Bühne schaffen würde. Tat er aber – und verabschiedete sich 10 Minuten später – ohne etwas zu produzieren, was man nicht schon vorher nicht vermisst hatte, mit allem, was die Tieftöner hergaben, endgültig von der Bühne.

Vielleicht liegt es ja an der omnipotenten Lethargie, in die dieses Land und selbst seine alternativen, musikliebhabenden Bewohner verfallen sind, aber die mangelde Begeisterung des Publikums war an diesem Abend wohl eher der Band und ihrem Vorschreier zuzuschreiben als der politischen Lage. Schade, und ich hatte mich so auf diesen Abend gefreut. Tja.

www.digitalhardcorerecordings.com

Foto: © ALEC EMPIRE
Autor: [EMAIL=mirco.erbe@b-i-b.de?Subject=Kontakt von der Website]Mirco Erbe[/EMAIL]

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