ANDREAS DORAU – Todesmelodien


Edelsteine.



Ja, ANDREAS DORAU. Da hat ja jeder mindestens ein Lied, das ihm bei diesem Namen einfällt und sei es nur ‚Fred vom Jupiter‘. Über diesen Song zu reden, finden wir aber doof, genauso wie der Künstler selbst es doof findet, über ihn zu reden. Denn repräsentativ ist der nicht. DORAU steht seit 30 Jahren auf der Bühne. Sein Stil: Dada-Elektro-Pop. Seine Songs tragen eine unverkennbare Handschrift. Neben der nasalen Stimme gibt es einen einfach Test, mit dem man sofort erkennt, ob es sich hier um einen echten DORAU handelt. Man frage sich einfach: Kann ich dazu Gummihopse spielen? Wenn ja, hatte wohl der Hamburger seine Finger im Spiel – die springenden Beats ziehen sich durch alle seine Alben und sind auch auf der neuen Platte Todesmelodien zu hören.

Todesmelodien – schon der Name verspricht kein allzu fröhliches Album. Das Cover schon macht schlechte Laune. Man sieht einen Mann mit dem Buch „Der Fänger im Roggen“ und der „Double Fantasy“-LP von John Lennon. Dargestellt werden soll Marc Chapman, John Lennons Mörder, der sich kurz vor seinem Attentat eben diese LP von Lennon signieren ließ und später angab, von besagtem Buch zur Tat animiert worden zu sein. Die Themen schwirren dementsprechend miesepetrig von Altersheim zum Autounfall zum Ehefrauen-Mord zur Leichenverwertung. Das kriegt man allerdings gar nicht so richtig mit, das klingt alles nämlich viel zu fröhlich, zu energisch.

Vielleicht sollten wir uns die Songs einfach mal einzeln vornehmen, damit Zweifler, die immer noch behaupten, das DORAU’sche Gesamtwerk wäre Kinderkram, ein paar Gegenargumente vorgesetzt bekommen.

‚Edelsteine‘ zum Beispiel. Ein Lied darüber, wie man aus verstorbenen Menschen doch noch was machen kann. In dem man sie zu Edelsteinen presst. Eine schöne Idee (in Deutschland leider verboten, in der Schweiz dagegen nicht), die auch musikalisch mit kleinem Glockenspiel-Geplingel funkelnd umgesetzt wird. Der nächste Track erzählt von einer geschlechtlich unbestimmten Person, die nachts Stimmen hört, nicht wissend, ob sie wach ist oder träumt. ‚Stimmen in der Nacht‘ ist eins der ruhigeren Stücke des Albums, eher was zum Schunkeln.

Dass Neid eigentlich eine feine Sache ist, das will das gleichnamige Stück erzählen. „Lern ihn zu versteh’n/ Dir wird es besser geh’n.“ Für DORAU selbst ist Neid ein Antrieb und das wollte er mal gesagt wissen. Weiter geht’s mit einem der schwächeren Songs, ‚Single‘. Interessant wird der aber, wenn man entdeckt, dass sich der Text sowohl auf eine alleinlebende Person als auch auf 45er Schallplatten anwenden lässt. Die unwiderstehlichen Backgroundvocals von Inga Humpe tun ihr übriges. ‚Es tut so weh‘ ist ein weiteres Paradebeispiel der Zweideutigkeit des ANDREAS DORAU. Was man da alles herein interpretieren könnte: Liebeskummer, Angst… am Ende geht es aber tatsächlich nur um Bauchschmerzen.

Und das ist es eben, was einen großen Teil des Phänomens ANDREAS DORAU ausmacht: Das Kleine. Es ist ihm einfach völlig wurst, was politisch passiert, welche Philosphie die richtige ist oder wer in wen verknallt ist. Er schreibt über Blumen, Wildschweine, Heizungen.

Das tut er auch wieder im Song ‚Schwarz-Rot-Gold‘. DORAU besingt zu einem pumpenden Beat einen kleinen brasilianischen Vogel namens Fadenpipra, dessen Federkleid die Farben Deutschlands trägt. Er bemitleidet ihn ein bisschen. Dazu singt Francoise Cactus (Stereo Total) in ihrem unverkennbaren Akzent „Schwarz, Rot, Gold, hat das die Natur wirklich so gewollt?“ und spannt damit noch eine weitere Ebene auf – möchte man meinen. Die Geschichte von Deutschland und Frankreich mischt sich so ganz hinterlistig in den Song. Das ist allerdings – wie sollte es anders sein – nichts weiter als eine Interpretation der Musikjournalisten. DORAU selbst hat an so was gar nicht gedacht. Sagt er.



Fadenpipra

‚Hell‘ und ‚Gehen‘ bilden den Schluss der Platte. Ersteres ein aufwirbelndes, man möchte fast sagen, Drama um diese kleinen Gedenkkreuze an der Autobahn, untermalt von einem hektischen Beat. ‚Gehen‘ dann ist ruhig, romantisch, melodisch. Der Text konterkariert die Musik, es geht um einen Mann, der den Geist seiner (von ihm?) ermordeten Frau sieht. Im Refrain eine Reminiszenz, vielleicht sogar eine Hommage, an den von DORAU verehrten Phil Spector: Der Kehrreim besteht aus Worten des Songs ‚Where Did Our Love Go‘ von den Supremes.

Die Minimallyrik, die musikalische Umsetzung, alles fügt sich zusammen und am Ende steht Todesmelodien ganz in der Tradition seines bisherigen Werkes. Wer noch immer an den Kindergeburtstag im NDW-Mantel glaubt, dem sei noch mal die Entourage dieses Album aufgezählt. Wir hätten da die schon erwähnten Background-Vocal von Inga Humpe und das Duett mit Francoise Cactus. Produziert wurde die Platte von Mouse on Mars, die Musik floß teilweise aus den Computern von Die Vögel. Zu guter Letzt stammt der letzte Track der Platte von Erobique, ein weiterer wurde von Wolfgang Müller geschrieben.

Am Ende ist es egal, wie die neue Platte von ANDREAS DORAU aufgenommen wird – er verdient sein Geld mit anderen Sachen. Doch DORAU gehört zu den wenigen wertvollen deutschen Musikern. Das ist relevant und da gibt’s keine Diskussion.

ANDREAS DORAU
Todesmelodien
(Staatsakt/ Rough Trade)
VÖ: 17.06.2011

http://de-de.facebook.com/andreasdorau
http://www.staatsakt.de

Autor: [EMAIL=melanie.gollin@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Melanie Gollin[/EMAIL]

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