BEN KAAN – Berliner Act des Monats Oktober 2006

Wahlberliner Singer/Songwriter mit zärtlichen Liedern über die Selbstfindung.



Nein, im ganz engen Sinne ist BEN KAAN kein echter Berliner Act. Der gebürtige Augsburger Songschreiber verbrachte hier nach seinem Abitur 2004 drei Monate, verabschiedete sich wieder in die Heimat, um sein Debütalbum Zuhause Wohnen aufzunehmen, kam danach zurück, stellte die Platte fertig und fühlt sich mittlerweile auch in Berlin heimisch. Das Album selbst ist ein leises, gefühlvolles Statement zum Thema Selbstfindung und Erwachsenwerden. Große Popmusik und ein würdiger Act des Monats.

BiB: Du kommst ursprünglich aus Bayern. Warum hat es Dich nach Berlin verschlagen?

BEN KAAN: Ich genieße wahnsinnig die Stadt als Abenteuerspielplatz für Ideen und als Brutstätte der Kreativität in jeglicher Form. Auch in menschlichen Lebensformen. Berlin ist so spannend, dass ich mich als Künstler darauf einlassen wollte, um mich inspirieren zu lassen. Gewisse Mechanismen und Kategorien, die man sich so zurecht gelegt hat, lösen sich hier doch sehr schnell auf. Ich bin auch ein großer Fan von Element Of Crime und bekam über deren Musik eine starke Sehnsucht nach der Stadt. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen, die hier leben, sehr gerne hier leben. Das kannte ich aus Augsburg nicht. Und als Künstler kann man im Rahmen so eines Umzuges zu sich sagen: Ja ich will! Und dann zu neuen Ufern aufbrechen.

Und warum Kreuzberg?

Das habe ich einfach als erstes kennengelernt. Und das Lebensgefühl, das ich gerade beschrieben hab, findet man hier sehr stark. Wenn es bei mir so läuft wie bei allen anderen, bleib ich hier auch hängen. München und Bayern wirkt dagegen fast schon einschüchternd. Den Polizeiapparat hab ich in Augsburg immer als etwas Bedrohliches wahrgenommen, während ich hier immer ganz froh bin, wenn Polizei auftaucht – die haben hier einfach tatsächlich etwas zu tun. (lacht) In Augsburg beispielsweise war man als Künstler auch eher auf dem Abstellgleis, während es hier Proberäume mitten in der Stadt gibt, wie kulturell geförderter Raum.



Erzähl uns etwas über Deinen musikalischen Werdegang.

Ich habe die klassische Karriere in Schülerbands durchlaufen. Jahrelang mit Freunden gespielt, und im Rahmen meines musisch ausgerichteten Gymnasiums mehrere Projekte gemacht. Ich hab das eigentlich auch immer geliebt in Bands. Aber irgendwann geht halt jeder seinen eigenen Weg, und ich bin dann irgendwie alleine geblieben, was die Musik angeht. So blieb mir nichts anderes übrig als zu sagen, ich versuch das mal alleine. Künstlerisch war das auf jeden Fall auch ein Neuanfang, weil ich dann geschaut habe, was meine musikalischen Wurzeln sind. Was passiert wenn ich alleine bin?

Und welches sind Deine Wurzeln?

Durch meinen Vater wurde ich sehr früh an die klassischen Singer/Songwriter herangebracht. Das hatte ich lange verdrängt, weil ich in der Jugend einfach furchtbar infiziert war vom Rock ’n Roll, von lauter, harter Musik, die Macht und Stärke ausstrahlt. Insofern habe ich mich umorientiert und versucht, die Musik der Singer/Songwriter mit meiner Lyrik zu vereinigen – meine beiden großen Leidenschaften. Ich hatte zwei Gedichtbände geschrieben und das immer so parallel zur Musik laufen lassen. Ich habe dann darauf aufbauend versucht, die Texte zu singen und eine sehr schlichte Form der Begleitung dazu zu finden. Aber für die Songs, die auf der Platte gelandet sind, war interessanterweise immer beides -Text und Musik- zur gleichen Zeit da. Vieles ging wie aus dem Affekt heraus. Und Text und Musik trieben sich gegenseitig voran. Ich habe teilweise wie im Rausch geschrieben.

Was war Dein Antrieb?

Ein Schlüsselmoment waren die drei Monate im Sommer 2004 in Berlin. Ich war hier, um mir die Stadt anzuschauen und ein bisschen auch auf Sinnsuche. Ich brauchte nach der Schule Distanz, um herauszufinden, wie es weitergeht. In der Zeit habe ich viel erlebt, aber wenig geschrieben. Im Nachhinein ist es dann irgendwann explodiert. Ich kann mir über Musik auch gewisse Geschichten erst klar machen. Den Berlinaufenthalt, der chaotisch war, konnte ich nie richtig einordnen bis ich die Aufnahmen gemacht habe.

Welche Themen siehst Du in Deinem Album reflektiert?

Ich hab gar nicht versucht, mich auf irgendwas Inhaltliches zu konzentrieren, sondern eher so eine Stimmung zu erreichen, die fast schon meditativen Charakter hatte. Songschreiben und Singen, um mich einfach wohl zu fühlen. Zuhause Wohnen hat natürlich auch einen autobiographischen Hintergrund, weil es eine Platte war, die ich auch größtenteils zuhause geschrieben und produziert habe. Aber eigentlich geht es um Zustände, die man überall hin übertragen kann. In seinem Körper zuhause Wohnen, sich mit sich selbst wohl zu fühlen, anzufangen sich zu mögen und in Ruhe zu lassen. Früher war Musik auch immer ein großer Kampf, jetzt ist es eher komplette Zufriedenheit. Der Berlinaufenthalt hat da auch sehr meinen Horizont erweitert: mal so eine gewisse Szene zu verlassen und allein mit sich selbst zu sein, um zu sehen was bleibt. Für die Aufnahmen bin ich dann zwar zurückgegangen, hab mich aber sehr zurückgezogen und so eine Art inneren Dialog gesucht.



Würdest Du Dich als typischen Singer/Songwriter sehen?

Eigentlich nicht, weil für mich ist Singer/Songwriter musikalisch kein fassbares Genre. Stilistisch gesehen ist es für mich einfach Popmusik. Ich bin zwar ein Singer/Songwriter in der Art und Weise, wie ich für mich die Songs schreibe, dass sie frei sind von einem gewissen Kalkül. Singer/Songwriter werden aber immer sehr mit Traditionen verknüpft. Für mich ist das aber keine nostalgische Platte, keine Hommage, sondern meine Gegenwart. Und das Stille der Platte ist auch so ein bisschen meine Form des Protests. Für mich ist sie gerade deswegen relevant, weil sie gewisse Rock-Sachen wieder relevant macht, die sich eben klar davon unterscheiden. Aber zu ernst nehmen will ich die Platte auch nicht.

Was für Einflüsse siehst Du in Deiner Musik?

Um ein Beispiel zu nennen: In ‚Ich werd‘ wohl keine 20 mehr‘ steckt Burt Bacharach! Der Burt Bacharach von ‚Raindrops Keep Falling On My Head‘. Das mit den Bläsern war auch ein Spiel mit der Technik und mit Referenzen. Mein Produzent sagte übrigens bei unseren ersten Sessions, es würde ihn an Nick Drake erinnern – den ich aber damals noch gar nicht gekannt habe. Und obwohl ich ihn mittlerweile sehr liebe, habe ich eine große Distanz zu ihm, seine Musik ist einfach etwas ganz besonderes. Ich habe eigentlich im Vorfeld versucht, mich von meinen größten Idolen frei zu machen.

Der Untertitel der Platte lautet The Extrovert Album. So klingt sie aber ganz und gar nicht. Ein Scherz?

Das ist natürlich ein Spiel, weil ich das Gefühl habe, heutzutage wird eine gewisse Extrovertiertheit verlangt, wenn man sich und seine Musik präsentiert. Und ich schätze mich da eher als sehr introvertiert ein. Der Untertitel hat so auch einen starken Bezug zum Artwork der Platte, wo ich ja mein Gesicht verstecke.

Du singst auch von den ‚Hungrigen Jahren‘, und zwar in der Vergangenheitsform. Hast Du die jetzt, mit 22, etwa schon hinter dir?

Ich denke eigentlich nicht. Hunger ist als Bild der Jugend sehr interessant, die Ziellosigkeit beschreibend. Ich habe zwar Lust, aber muss auch rausfinden worauf.

BiB empfiehlt: BEN KAANs Record Release Party am 13.10. im Privatclub.

Das Album:

BEN KAAN
Zuhause Wohnen – The Extrovert Album
(Lamm Records/ Universal)
VÖ: 06.10.2006

www.benkaan.de
www.lamm-records.de

Fotos: © Timm Kölln
Autor: [EMAIL=sebastian.frindte@b-i-b.de?Subject=Kontakt von der Website]Sebastian Frindte [/EMAIL]

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