BERLIN FESTIVAL am 04.06.2005 in Paaren im Glien


Erstauflage eines angenehm entspannten Festivals mit grandiosem Line-up, das von den Berlinern allerdings (noch) nicht allzu überschwänglich angenommen wurde…

Aktuell:

Bis vor wenigen Jahren konnte man Berlin noch völlig zu Recht als Open Air Festival-Grauzone bezeichnen, und auch wenn mit dem Berlinova in Luckau ein Open Air mit konkurrenzfähigem Programm zumindest in die Nähe von Berlin gerückt ist, musste man sowohl für die Mega-Festivals als auch für kleinere und charmante Festivals doch eine gehörige Portion Idealismus an den Tag legen, um solch strapaziöse und kostenintensive (Tor-) T(o)uren auf sich zu nehmen.



Zusammen mit dem Berliner Booker Conny Opper und dem New Yorker Tourmanager Fitz gründete die gebürtige Irin Hilary Kavanagh nun also die Berlin Festival GbR, um der unbefriedigenden und brachliegenden Berliner Festivallandschaft Leben einzuhauchen und unabhängig von den üblichen großen Agenturen ein entspanntes und gleichzeitig anspruchsvolles Festival in der unmittelbaren Nähe von Berlin vielleicht gar für die Zukunft zu etablieren.

Was die unmittelbare Nähe betrifft, ist dies mit der Location im idyllisch gelegenen brandenburgischen Paaren im Glien schon mal bestens gelungen. Vom Zentrum Berlins aus war das MAFZ (Märkisches Ausstellungs- und Freizeitzentrum), das das Jahr über größtenteils für landwirtschaftliche Ausstellungen und Messen genutzt wird, in einer knappen Autostunde zu erreichen, und auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln wurde einem die Anreise von ganz Berlin aus leicht gemacht, stand doch am bestens zu erreichenden U-/S-Bhf. Spandau ein kostenloser Bus-Shuttle zur Verfügung.

Und natürlich konnte sich das angesichts der deutschlandweiten Festivalkonkurrenz mit den immer gleichen Namen exklusiv und ungewöhnlich anmutende und natürlich auch daraus seinen spezifischen Reiz beziehende Line-up absolut sehen lassen. Experimentelle und hierzulande noch relativ unbekannte amerikanische und britische Acts, einige Indiepop-Veteranen und angesagte Rockbands der Stunde sowie die ebenfalls einfallsreich zusammengestellten, verschiedene Genres bedienenden Berliner Bands auf der so genannten Berlin Bühne standen für ein ausgewogenes und interessantes Programm, das sich somit nicht nur an eine einzige Adressatengruppe richtete.





Der Songtitel war dann für den Autritt auch absolut Programm, IAN BROWN – wie immer recht abgehärmt wirkend und sonnenbebrillt – genoss sichtlich die ihm zuteil werdende Verehrung, bewegte sich bzw. joggte in bester Baggy-/Rave-Tradition unermüdlich auf der Stelle und geizte nicht mit scheinbar nur Insidern bekannten Gesten in Richtung der ekstatischen Fans in den ersten Reihen und permanentem (Selbst-) Applaus nach den Stücken.
Nach diesem furiosen Auftakt stieg mit den Stone Roses-Klassikern ‚Sally Cinnamon‘, ‚Waterfall‘ und ‚Made Of Stone‘ die Begeisterung schon zu Beginn ins schier Unermessliche, bevor mit zusätzlicher Unterstützung von Percussionist und Trompeter ein längerer Block mit Stücken seiner elektronischer ausgerichteten Soloalben eingeschoben und dem Set mit dem göttlichen Stone Roses-Klassiker ‚She Bangs The Drums‘ sowie seinem hierzulande wohl bekanntesten Solosong ‚F.E.A.R.‘ ein fulminantes Ende gesetzt wurde. Großartiger Auftritt mit herrlich arroganter, aber gleichermaßen sympathischer Brit-Attitüde, vielen Klassikern und mächtigem, perfektem Sound.

Zuvor überzeugten zunächst das infernalische Rock’n’Roll-Duo THE KILLS mit seinem von krachenden Gitarren und polternden Drum-Beats getragenen Minimal-Rock’n’Roll sowie anschließend ein absolut sympathisches Best Of-Set der Hamburger Indiepop-Veteranen DIE STERNE (von ‚Universal Tellerwäscher‘ über ‚Die Interessanten‘ bis hin zu ‚Was Hat Dich Bloß So Ruiniert‘ war alles vertreten). Beide sorgten angesichts der gegen Abend ungemütlicher werdenden klimatischen Verhältnisse und der zuvor eher unauffälligen, irgendwie deplatziert wirkenden LADYTRON (die dann aber wiederum mit ihrem gruftig angehauchten Elektropop fast den idealen Soundtrack zum einsetzenden Regen samt wunderschönem doppelten Regenbogen in der Dämmerung lieferten) genau zum richtigen Zeitpunkt für einen dringend benötigten Adrenalinstoß und eine fast schon tanzkompatible, relativ ausgelassene Partystimmung.



Ein weiteres Highlight setzte bereits am frühen Abend ein glänzend aufgelegter und ungemein smarter DAVID GEDGE mit seinen WEDDING PRESENT, die nach einem soliden Auftritt der alten Punk-Haudegen THE UNDERTONES deren Rock-Energie noch um ein vielfaches multipliziert in einem beinahe wahnwitzigen Feuerwerk der Indiegitarre münden ließen und auch zunächst noch gleichgültig Schläfrige schnell auf ihre Seite zogen. Spätestens beim unglaublichen Hochgeschwindigkeitsrausch des Klassikers ‚Kennedy‘ standen so manche Münder offen.



Wie erwartet und natürlich bei vielen (kleineren) Festivals Usus, kam das Festival erst am späten Nachmittag so richtig in Gang, während die ersten Acts ab 11:30 Uhr doch fast unter Ausschluss der scheinbar noch selig in den heimatlichen Betten schlummernden Öffentlichkeit bzw. vor einer sich nur träge vor die Bühne bewegenden Hand voll Besuchern abmühten. Es ließ sich zu den experimentellen und abgespaceten Klängen von BLACK DICE oder ANIMAL COLLECTIVE aber auch nur allzu angenehm in der Sonne chillen.
So kam bei den schottischen Folk-Rock’n’Rollern SONS AND DAUGHTERS gegen 16 Uhr eigentlich zum ersten Mal so etwas wie richtige Festivalstimmung vor der Hauptbühne auf, die anschließend durch den energetischen Elektro-Rock’n’Roll von WHITEY weiter angeschoben und schließlich mit den oben erwähnten UNDERTONES und WEDDING PPRESENT bis hin zum Hauptact IAN BROWN einigermaßen aufrechtgehalten wurde.

Gegen 16 Uhr fiel auch der Startschuss zum bunten Stil-Potpourri aus HipHop, Elektroclash/ -pop und Indierock auf der 5 Minuten Fußmarsch entfernt liegenden (Indoor-) Berlin Bühne, deren Highlights musikalisch gesehen sicher die Auftritte von KATE MOSH und JEANS TEAM, unterhaltungsmäßig eindeutig die verrückte One-Man-Show von NAMOSH sowie mit Abstrichen die gewohnt strapaziöse Aufführung mit etwas aufgesetzt wirkendem Weirdo-Faktor der zwei Elektro“göttinnen“ von COBRA KILLER waren.



Auch hier ein eher müder Beginn, doch mit den Auftritten der retro-wavigen AUTONERVOUS feat. BETTINA KÖSTER mit schrägen Saxophon-Einlagen und den rockigen THE NOTHINGS füllte sich die ausreichend Besuchern Platz bietende Halle zusehends, um schließlich bei den folgenden Acts durchgängig ganz ordentlich aufgesucht zu werden und nur infolge des vorübergehenden kompletten Systemabsturzes beim Set der Elektro-Blueser KISSOGRAM kurzzeitig wieder leergespült zu werden.



Als Fazit dieser mit großem Idealismus inszenierten ersten Auflage des Berlin Festivals darf konstatiert werden, dass sich bei einigermaßen gutem Wetter, einer erstklassigen Organisation, fairen (Ticket-) Preisen und einem interessanten, aber eben nicht auf die großen bzw. üblichen Namen setzenden Line-up die Besucherzahlen mit insgesamt ca. zwei- bis dreitausend vermutlich schon ein wenig unter den Erwartungen lagen, was zwischendurch – insbesondere bei der gegen Abend auftretenden Wetterverschlechterung – natürlich schon mal eine etwas triste und dem Festival eigentlich nicht gerecht werdende Atmosphäre heraufbeschwor.



Der Schwierigkeiten und Risiken, ein neues Festival mit ungewöhnlichem Line-up in einer nahezu unbekannten Location vor den Toren Berlins aus dem Boden zu stanzen und vielleicht zu etablieren, waren sich die Organisatoren und Veranstalter sicherlich im Voraus bewusst, und diesbezügliche Befürchtungen dürften sich zumindest teilweise bewahrheitet haben.
Ob es im nächsten Jahr einen erneuten Anlauf geben wird, bleibt abzuwarten. Wäre schön.

www.berlinfestival.de

Fotos: © Thomas Weipert, Thomas Stern
Autor: [EMAIL=thomas.stern@b-i-b.de?Subject=Kontakt von der Website]Thomas Stern[/EMAIL]

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