IMMERGUT FESTIVAL vom 27. bis 28.05.2005 in Neustrelitz

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Sommerwetter und wunderbare Bands en masse. Zum sechsten Mal fand in Neustrelitz das Immergut statt und war, wie immer, großartig.



Das war’s also wieder – aus, vorbei und das zum sechsten Mal. Und zum sechsten Mal war es wieder schön, unglaublich schön. So fährt man also am Sonntag, das Gesicht wie einst bei Klassenfahrten melancholieschwanger an die Scheibe gedrückt, zurück nach Berlin und fragt sich, wie eine so große Stadt doch so leer sein kann. Zwar wird die Hauptstadt von 700 mal mehr Menschen bevölkert als das Immergut, aber diese Dichte an netten, interessanten, sympathischen, eben einfach schönen Menschen, kann wohl keine Stadt der Welt bieten – leider.

Betrübt sitzt man also da und schreibt, was eine sehr einsame Tätigkeit ist und das Postfestivaltief wohl kaum erfolgreich bekämpfen kann. Wobei es aber hilft, ist das Gefühlte und Erlebte zurück und sich erneut vor Augen zu holen. So denkt man wehmütig an die Nachbarn aus Mecklenburg und Sachsen, an das Frühstück samt Dusche bei Eddy, an den Fürstenseer See, der, so unsinnig es ist, tatsächlich so heißt aber mit einem feinen Sandstrand, sauberem, mit Sonnenhilfe glitzerndem Wasser und einem Panorama, das dem Fassadengewöhnten Stadtauge einen Grünschock verpasst, ausgestattet ist.
Man denkt an Security-Rüdiger, der eigentlich gar nicht so heißt, das blonde Mädchen, das so deplaziert es auf einem Festival auch wirkte, mit ihrem Blick so mancher Band die Show zu stehlen vermochte, an die vielen Mau-Club-Shirt-Träger oder das T-Shirt „Mädchen gegen Rechts“, das mich doch irgendwie immer noch amüsiert.
Und natürlich denkt man zurück an dieses unglaubliche Sommerwetter.
Das Immergut hat irgendeinen geheimen Pakt mit Petrus geschlossen, der die Sonne immer zum Festivalwochenende knallen lässt.

2002, beim letzten Immergut an alter Stelle, dem Landratsamt, ergab es sich, dass ich bereits Freitagmittag den Zeltplatz erreicht und mein Zelt zum stehen gebracht hatte. Unmittelbar nach Beendigung der Zeltaufbauzeremonie kamen plötzlich Hagelkörner vom Himmel. So kroch man also hinein und saß es aus. Als sich die Schauer verabschiedet und einen perfekten Bierkühler hinterlassen hatten, kam die Sonne und blieb den Rest des Wochenendes gegenwärtig. Maßarbeit eben. Da es bei späteren und auch bei dieser Ausgabe unmöglich war, Neustrelitz so früh zu erreichen, kann ich über die ersten Festivalstunden 2005 nur vom Hörensagen berichten, dass alle Bands, besonders aber THE ROBOCOP KRAUS und LAST DAYS OF APRIL vollends überzeugen konnten.

Auch über MONTA, der mit einem Foto seines neugeborenen Sohns auf der Gitarre die letzten Sonnenstrahlen vertonte, kann man nur schwärmen.



TOBIAS KUHNs gesammelter Schwermut in so fantastische Melodien gekleidet ließ ein ganzes Zelt voller Musikfreunde innerlich schluchzen und begeistert applaudieren. Besonders sein Song ‚I´m Sorry‘, dem ich schon vorher übernatürliche Schönheit zuzusprechen bereit war, geht mir seit diesem Konzert nicht mehr aus dem Kopf.
Der einzige Kritikpunkt, den man am anschließenden Auftritt NADA SURFs äußern kann, ist der, das Publikum vergeblich auf ‚Popular‘ warten zu lassen. Glücklicherweise haben NADA SURF aber noch weitere klasse Songs, die ihr Konzert auf jeden Fall zu einem Höhepunkt des Freitags machten.
Der nominelle Höhepunkt war dann aber tatsächlich auch der wirkliche. MONEYBROTHER, dem ich nach einigen eher langweiligen Auftritten in den letzten Monaten fast abgeschworen habe, hat neben mir auch den Großteil der Festivalbesucher wieder in seinen Bann gezogen. Eine tanzende Menge feierte gemeinsam mit den sehr gut gelaunten Musikern einen Gig mit allen Hits sowie interessanten und amüsanten Ansprachen und Showeinlagen.



Den Liveabend beendeten die famosen PUPPETMASTAZ – gewohntermaßen eine Garantie für ausgelassene Stimmung. Dem Puppenquartett oblag es auch, den prominentesten Stargast des Wochenendes auf die Bühne zu holen. Jediritter Yoda hat seinem raffgierigen Meister Lucas den Rücken gekehrt und sich seiner neuen Crew, den PUPPETMASTAZ, angeschlossen. Nun weiß man: auch Jedis können rappen.

Die folgende Aftershow-Disko leitete Karrera-Klub SPENCER. Bis halb sechs tanzte die Elite des einstudierten Tanzschritts mit dem Sonnenaufgang. Um diese Feststellung für Zwischen-den-Zeilen-Leser zur Selbstbeweihräucherung zu machen: der letzte Song war ‚Wonderwall‘.

Am Samstag sorgte die Schönheit des Badesees dafür, dass erneut das Hörensagen herhalten muss: FLORIAN HORWATH wurde vermutlich von denen, die ihn noch nicht kannten, missverstanden. Es ist auch nicht leicht zu verstehen, warum jemand, der soviel Gefühl und Melancholie in seine Songs bringen kann, auf der Bühne die Klarheit verweigert und gern mal „rumspinnt“ – meiner Meinung nach aber im positiven Sinn. SEIDENMATT hingegen mutieren langsam zu Publikumslieblingen, was ich ausdrücklich gutheiße.
MADSEN sorgten im Anschluss mit einem wirklich guten Konzert für die ersten Crowd-Surfer des Nachmittags. Im auf gefühlte eintausend Grad erhitzten Zelt spielten KATE MOSH, einheitlich in SEIDENMATT-Shirts gehüllt, ein schnörkelloses und überwältigendes Konzert.



Obwohl es dem Kreislauf sicher nicht zu empfehlen war, wurde heftig gesprungen und getanzt. An dieser Stelle muss den Tontechnikern im Zelt gedankt werden. Sie waren dem Zeltdach so nahe, dass auch geringe physikalische Kenntnisse genügen um die Hitze am Mischpult zu erahnen. Trotz alledem machten sie einen sehr guten Job.
Zurück vor der mittlerweile schattigen Hauptbühne begann der virtuose JIMMY LAVELLE, alias THE ALBUM LEAF, sein Set.



Passend zur angenehmen „Frische“ entzückte er, im Wechsel als Gittarist, Geiger und Glockenspieler, mit ruhigen und verträumten Melodien.
Ein krasser Gegensatz dazu war im Anschluss auf der Zeltbühne zu bewundern. Die BOXHAMSTERS, Wegbereiter für fast alles, was in den letzten sechs Jahren auf dem Immergut deutsch sang, spielten erstmals selbst hier. Und, auch wenn sie schon etwas älter sind als der Grossteil der anwesenden Musikerkollegen, sie ließen es so richtig krachen. Das Zelt war prall gefüllt mit springenden, surfenden und mitsingenden Zuschauern. Eben diese schafften es dann auch, der Band und den Verantwortlichen eine nicht vorgesehene Zugabe abzuringen – Respekt.
KANTE, vermögen es ja eher nicht, eine Menschenmasse nach außen euphorisiert wirken zu lassen. Könnte man aber in Menschen hinein sehen, beispielsweise in mich, so sähe man während eines jeden KANTE-Konzerts eine ganz besondere Berührtheit. Berührt durch diese Klarheit der Kompositionen, ihren unglaublichen Umgang mit jedem einzelnen Ton, die großartigen Texte und nicht zuletzt die KANTE umgebende Aura der Sympathie. Und ich bin mir sicher, damit nicht allein zu sein.



Nachdenklich ging es mit MS. JOHN SODA, nach THE NOTWIST und LALI PUNA im Vorjahr, die diesjährige Weilheim-Fraktion beim Immergut, weiter und ich denke, niemand widerspräche der Forderung einer „ständigen Vertretung“ Weilheims beim Immergut. Phantastisch, welche Klangwelten MICHA AICHER und STEFANIE BÖHM aus dem Zelt heraus in die Dämmerung sandten. Zwischen Akustik und Elektronik, andächtiger Stille und markdurchdringendem Rock, Piano und Cello sowie MICHAs Hin- und Herwippen und STEFANIEs anmutiger Ruhe bewegten sich MS. JOHN SODA auf allerhöchstem musikalischem Niveau.

MAXIMO PARK, für viele im Vorfeld der Headliner, konnten diesen Status eindeutig bestätigen. Man kann sogar sagen, dass sie ihre hoch gelobte Debütplatte live noch übertrumpfen können. Frontmann PAUL SMITH ist auf der Bühne ein derartiges Energiebündel, dass es den Zuschauern unmöglich ist stillzustehen. Zusätzlich zu den – übrigens über das Album hinausgehenden – grandios vorgetragenen Songs, bemühte er sich, die Zuschauer mittels eines Wörterbuches auf Deutsch anzusprechen und auf seine Seite zu ziehen. Erfolgreich, versteht sich.



Über die letzte Band der Zeltbühne wurde im Vorfeld fast noch öfter als über MAXIMO PARK gesprochen. Passen DEICHKIND aufs Immergut? Natürlich!!!
Die Frage erreichte selbstverständlich auch die Band und wurde Postwendend in die Show aufgenommen. Mittlerweile mit freiem Oberkörper erklärten DEICHKIND, dass sie sich anders als die anderen Bands des Wochenendes „frei“ gemacht haben, somit also deutlich mehr „indie“ sind. Zuvor waren sie Lampen behangen und mit Pyramiden auf den Köpfen auf die Bühne gekommen und haben von Sekunde Eins an den Siedepunkt des Zelts überschritten. Keiner, aber auch wirklich überhaupt kein Besucher des Zelts stand still, als DEICHKIND 2Unlimited zitierten, auf einem Sofa herum sprangen, eine Fahne schwenkten und sich von ‚Bon Voyage‘ bis ‚Electric Superdance Band‘ quer durch die Bandgeschichte feierten.



Als finale Band des sechsten Immergut-Festivals spielten die Glam-Synthie-Poprocker von MELODY CLUB, die sich zwar toll in Pose werfen, aber wenig musikalisch Überzeugendes liefern konnten.
Danach wurde, diesmal vom Spex DJ-Team beschallt, natürlich nochmals fleißig getanzt, bis der endgültig letzte Ton des diesjährigen Immergut-Festivals verklungen war und für ein Jahr Ruhe einkehrt, neben dem Postgelände Neustrelitz.

Und wie geht es jetzt weiter?
Man rettet sich mit dem aktuellen Sampler [i]Immergutrocken 6[/i] bis zum nächsten Festival dieses Sommers, und so weiter und so weiter, bis, nach einem verregneten Frühling, das Immergut 7 ansteht. Wieder sonnig, mit schönen Menschen und vor allem tollen Bands. Ich freu mich schon.

www.immergutrocken.de

Autor und Fotos: [EMAIL=alexander.eckstein@b-i-b.de?Subject=Kontakt von der Website]Alexander Eckstein[/EMAIL]

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