BERLIN FESTIVAL am 27. & 28.07.07 im Poststadion in Berlin-Mitte


Angekommen im Herzen Berlins: Die dritte Auflage des Berlin Festivals mit PEACHES, TOCOTRONIC, THE GO! TEAM, PETER BJORN & JOHN u.v.m.



Nach zwei Versuchen, ein Berliner Festival außerhalb Berlins zu etablieren (siehe Festivalberichte ) – ein Vorhaben, das auch die Berlinova-Veranstalter in Luckau vor zwei Jahren aufgeben mussten – verlegten Conny Opper und Hilary Kavanagh ihr 2005 im brandenburgischen, ca. 50 km entfernten Paaren im Glien ins Leben gerufene Berlin-Festival dahin, wo es dem Namen nach auch hingehört. Nach Berlin. In die Mitte Berlins.

Im Poststadion, einen Steinwurf vom Hauptbahnhof entfernt, war die Publikumsresonanz dann auch fast zehn mal so groß wie in den Vorjahren – das neue Konzept ging also auf.
An großen Teilen des Publikums konnte man auch gut erkennen, warum es in Paaren trotz überaus ansprechender Lineups vor der Bühne stets sehr licht war. Die neonfarbenen Kleidungsstücke des gemeinen Mitte-Stylers sind zum Zelten, aber auch für längere Busfahrten schlicht ungeeignet. Sie würden zu sehr knittern und auch die magnetische Wirkung auf Insekten wäre auf dem Paarener Zeltplatz zum Problem geworden. Ein paar Stunden Poststadion sind für Kleidung, Frisur und Pornobrille dann aber doch zumutbar.



Aus den Vorjahren erhalten blieb aber die gemütliche Grundstimmung, dieses Parkgefühl – nur ohne Grill inmitten der Sitzkreise. Für diese Stimmung lieferte am Freitag Nachmittag EROBIQUE den passenden Soundtrack. Wunderbar chilliger Elektro – live erzeugt mit Sampler, Synthesizer, Drumcomputer und Gesangseinlagen – vertonte den Sonnenschein. Das Publikum war sich einig, das Konzert mit kopfnickendem Sitztanz zu verbringen. Und weil EROBIQUE dem Improvisieren zugeneigt ist, handelte das letzte Lied auch glatt vom Berlin-Festival, seinem Abschied und dem, was da noch so kommen sollte.



Erobique

Das waren neben den texanischen Indiefolk-Sympathen von MIDLAKE, die die vorherrschende relaxte Sommerstimmung äußerst angenehm mit ihrer Musik betonten, unter anderem PETER BJORN AND JOHN. Die drei Schweden hatten aber leider, wie alle Bands nach 20 Uhr, mit den städtischen Lautstärkeauflagen zu kämpfen. Konnte man sie vor einigen Monaten im Lido noch wunderbar rocken sehen, fehlte es diesmal an Durchschlagskraft. Das kann man aber weder der Band noch den Veranstaltern, sondern einzig dem Bezirksamt ankreiden.



Midlake

Den angemessenen Headliner-Abschluss bestritten die in diesem Festivalsommer mehr als omnipräsenten TOCOTRONIC, die entweder infolge nachvollziehbarer Überspieltheit oder mangelnden Drucks in Sachen Sound ein etwas lahmes, um nicht zu sagen: lustloses Set absolvierten, das mit Songs wie ‚Sie Wollen Uns Erzählen‘, ‚Kapitulation‘ oder ‚Imitationen‘ natürlich dennoch nicht völlig enttäuschte und mit dem in ausgedehntem Feedback- und Lärmgewitter ausklingenden Klassiker ‚Freiburg‘ zu für Festivals ungewohnt früher Stunde gegen 22 Uhr einen durchaus standesgemäßen Abschluss für ihren Auftritt und den ersten Festivaltag lieferten, bevor es dann zu angesagten Indie- und Elektroklängen in den nahegelegenen Tape Club um die Ecke gehen sollte.



Tocotronic

Der Samstag begann mit beängstigendem Regen, der aber glücklicherweise zum Auftritt der drei bezaubernden Mädels von AU REVOIR SIMONE nachließ und später auch gar nicht mehr einsetzen sollte.
AU REVOIR SIMONE zogen nach anfänglichen Sound(check)-Problemen die sich mittlerweile zahlreich vor der Bühne versammelten Festival-Nerds nicht nur mittels ihres schüchtern-mädchenhaften Charmes, sondern in erster Linie natürlich ihrer ausschließlich mit Laptops und Keyboards dargebotenen schönen Elektrofolk-Stücke mit Leichtigkeit in ihren Bann und widmeten schließlich noch einen Song einem Besucher, der ihnen kurz vor ihrem Auftritt mit dringend benötigten Batterien ausgeholfen hatte. Sympathisch.

Rechtzeitig zum Auftritt von TELE gab sich dann gar auch kurzzeitig die Sonne wieder die Ehre, und TELE-Sänger FRANCESCO wirkte – ob es wirklich am Sonnenschein lag, sei mal dahin gestellt – dann auch lockerer und redseliger als sonst. Er scherzte sich durch ein wirklich überzeugendes Konzert, mit dem TELE auch einige Skeptiker im Publikum auf ihre Seite ziehen konnten.



Tele

Wie üblich in roten Trainingsanzügen stürmten DATAROCK aus Norwegen im Anschluss die Bühne. Die Setlist bestand zum Großteil aus Songs ihres 2005er Debütalbums [i]Datarock[/i], also Krachern wie ‚Fa Fa Fa‘ oder ‚Computer Camp Love‘. Auch wenn die Stimmung nicht ganz mit DATAROCKs legendären Clubkonzerten mithalten konnte, traf der abgedrehte Elektrorock – zwischendurch auch gerne mal in bester Hip Hop-Manier mit abgelegten Instrumenten – spürbar den Nerv der Besucher.



Datarock

Noch turbulenter ging es danach mit THE GO! TEAM zu. Die sechs Briten, die im Herbst den Nachfolger zu [i]Thunder, Lightning, Strike[/i] veröffentlichen, lieferten den Besuchern gerne mal mit zwei Drummern gleichzeitig nicht nur ihre extrem tanzbare Mischung aus Hip Hop, Funk und Rock, sondern verwandelten auch gleich die Bühne zur Tanzfläche. Frontfrau NINJA hüpfte mit der Energie von tausend Duracell-Batterien herum, dass es eine Wonne war, dem Treiben zuzusehen und ließ das Set schließlich gar mit einer gelungenen Kostprobe jeweils kurz angerissener Tanzeinlagen aus aller Herren Länder ziemlich überraschend ausklingen.
Nebenbei konnte man sich vorher auch davon überzeugen, dass die Songs des neuen Albums genauso „Body Movin'“ sind, wie man es vom Vorgänger gewohnt ist.



The Go! Team

Auf der idyllisch zwischen Schwimmbad und Grünanlage gelegenen zweiten Bühne, der Vice-Stage, konnten derweil die schwer Strokes-lastigen KILIANS mit mächtig Rock und stimmgewaltigem jungen Frontmann sowie die live überraschend rockorientierten britischen X VECTORS überzeugen, später machten die dänischen WHOMADEWHO zum Ausklang auf der zweiten Bühne mit mächtig schwungvollem, gitarrenverziertem Elektropop inkl. einer Zugabe ordentlich Alarm und konnten auch die von der Mainstage rübergeswitchten Besucher schnell von ihrer rasanten Performance überzeugen.



Der unumstrittene Höhepunkt des Festivals war dann aber dem Auftritt von PEACHES als Headliner am Samstag vorbehalten. Eine Show der Künstlerin, die traditionell keine Limits kennt. Und in diesem Fall auch keinen Limiter. Wenn das Festival bisher unter der technischen Fixierung der Lautstärke auf einem Level weit unterhalb der Schmerzgrenze litt, so wurde zum Auftritt von PEACHES doch noch einmal am Lautstärke-Regler gedreht. Es schien wohl unwahrscheinlich, dass das Bezirksamt schnell reagieren und das laufende, finale Set wegen Vergewaltigung der Dezibel-Auflagen noch abrechen würde. Gewohnt anstößig und obszön präsentierte sich die in Berlin lebende Kanadierin somit unter echten Festival-Bedingungen. Den ersten Teil ihres Sets ließ sich PEACHES von der großartigen DJ-Institution 2 MANY DJS unterstützen, um dann im zweiten Part die Begleitung aus der Konserve durch eine echte Band zu ersetzen. PEACHES erkletterte die Bühnenkonstruktion, zeigte sich in stark abnehmender Kleidungsdichte und begeisterte das Publikum mit einer energischen Präsentation ihrer Klassiker.
Nach einer Stunde war dann aber auch für PEACHES Zeit, mit dem großartigen ‚Fuck the Pain Away‘ ihre Show und somit das Festival zu beenden und die feiernde Meute in Richtung Tape-Club zur Aftershow-Party zu entlassen.

Alles in allem eine geglückte „Premiere“ des nunmehr im Herzen Berlins angekommenen Berlin Festivals, das den insgesamt ca. 3500 Besuchern ein unterhaltsames, ausgewogenes Line-up zwischen Indie, Pop und Elektro in einer zum gleichermaßen chillenden wie abtanzenden Verweilen einladenden, absolut festivaltauglichen Location bot und dort sicher auch im nächsten Jahr seine Fortsetzung finden wird.
Wenn dann noch die Lautstärke-Problematik und die 22-Uhr-Deadline gelöst bzw. elegant umgangen werden könnten, dürfte einer erfolgreichen Zukunft bzw. der Etablierung dieses Großstadtfestivals in den kommenden Jahren endgültig nichts mehr im Wege stehen.

Fotos © bands-in-berlin.com 2007

www.berlinfestival.de

Autoren: [EMAIL=alexander.eckstein@bands-in-berlin.com?Subject=Kontakt von der Website]Alexander Eckstein[/EMAIL], [EMAIL=thomas.stern@bands-in-berlin.com?Subject=Kontakt von der Website]Thomas Stern[/EMAIL], [EMAIL=alexander.knoke@bands-in-berlin.com?Subject=Kontakt von der Website]Alexander Knoke[/EMAIL]

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