berlinova.2004 – Festivalrückblick Teil 2

Das Festival am Samstag haben wir erst ab TEITUR wahrnehmen können, für mich war der schüchterne Däne mit seiner Akustikgitarre der sehenswerteste Auftritt bis zum Abend. Der smarte Singer/Songwriter TEITUR LARSEN von den Faröer Inseln hat mit seinen sensiblen, romantischen Balladen seines Albums Poetry & Aeroplanes das Publikum verzaubert und für die wohl erste Zugabe an diesem Tag gesorgt. Jetzt schon ein Gewinnertyp.

Zweifellos aufgeladen waren MARR aus Hamburg, deren Name bisher nur im Zusammenhang mit TOMTE und dem Grand Hotel van Cleef Label fiel. Nicht sehr verwunderlich, denn bei MARR spielen Gitarrist DENNIS BECKER und Bassist OLLIVER KOCH, die gleichzeitig bei TOMTE rocken. Von der Musik war ich wohl ein wenig abgelenkt, weil sich Sänger JAN ELBESHAUSEN in sämtlichen Superstarrockposen übte. Hatte was von IGGY POP und CHRIS CORNELL, fehlte nur der nackte Oberkörper, aber dafür war es zu kalt. Musikalisch bilden sie eine Symbiose aus Punk und Gitarrenrock, was sehr amerikanisch klingt, wäre nicht der deutsche Akzent unüberhörbar. Die Texte ließen sich nur erahnen. Hauptsache er weiß worüber er singt, zumal das instrumentale Stück bewiesen hat, dass es auch ohne Sänger funktioniert. Dabei habe ich mir die Frage gestellt, ob sie sich vielleicht nach JOHNNY MARR benannt haben, aber leider falsch. Inspiriert wurden sie von einer Malerin, die ihren Schriftzug auf selbstgemalten Plakaten in Leipzig tagte.

Skandinavien Take 2: MILLENCOLIN aus Schweden. Die Skater aus Örebro, die sich nach einem Skatetrick (Melencholy) benannt haben, spielten schnörkellosen 3-Minuten-Punkrock, unbeirrt, ohne sich von dem nervigen Bassproblem, mit denen die SPORTFREUNDE STILLER bei ihren Auftritt zu kämpfen hatten, verunsichern zu lassen. Bekanntlich sind SPORTFREUNDE STILLER-Konzerte massenkompatibel, weil die Texte auch im tiefsten Alkoholrausch mitsingbar sind. Besonders deutlich spürbar bei ‚Ich Roche‘, die inoffizielle Fußballhymne ihres geliebten Fußballvereins Bayern München. Da scheint nicht weiter aufzufallen, dass Gitarre und Schlagzeug fast nicht zuhören sind. Die Band meistert das Problem aber gekonnt, Schlagzeuger FLORIAN WEBER ersetzt die Drums einfach durch das Keyboard. Nach 90 Minuten totaler Erschöpfung versuchen einige Festivalfreunde, Brausepulver durch die Nase zu ziehen und stimmen sich damit perfekt auf die entspannte Atmosphäre der 2RAUMWOHNUNG ein.

Stilisierter Weichspülerelektropop mit hingebungsvollen Phrasen motivierten die Massen zum Schunkeln. Bewegender funktioniert ein PUR- oder GRÖNEMEYER-Konzert für die ältere Generation auch nicht, vielleicht mal abgesehen von der Anzahl der Feuerzeuge. Wer denkt, die Visuals wären eigentlich nicht mehr zu toppen, hat nicht mit der Spontaneität von INGA HUMPE gerechnet. Zu ihrem Song ‚Sexy Girl‘ finden sich unzählige Mädchen aus dem Publikum auf der Bühne wieder, um ihre Körper über den Tanzboden zu schrubben. Nach dieser getragenen Grundstimmung konnte dank den STEREO MC’s mit einem fulminanten DJ Set der ruinierte Gemütszustand aber schnell wieder saniert werden.

Augrund des eindimensionalen Kommerz-Lineups erwies sich der Sonntag als eine wahre Perle. Eine Überraschung lieferte NOVA INTERNATIONAL aus Augsburg. Selbstbewusst kämpfte der Sänger MICHI KAMM um Aufmerksamkeit, indem er mitten im Stück abbricht, um das müde Publikum aufzuwecken. Dabei entwickeln die Songs eine gewisse Eigendynamik, die mit wachsender Begeisterung auch ohne Manipulation fesselt. Schöner Gitarrenpop mit einer Ladung Melodien, die aber nicht kitschig wirken, sondern verspielt glamourös.

Skandinavien Take 3: Am Sonntag mit ESKOBAR, die nicht nur musikalisch mit ihrem aktuellen Album A Thousand Last Chances eine Gratwanderung gewagt haben, sondern auch style- und bühnenshowtechnisch. Sänger DANIEL BELLQUIST erschien im FRAN HEALY-Look und Gitarrist FREDERICK ZÄLL versuchte mit LENNY KRAVITZ-Mütze ungewohnte Rockposen. Unterstützt wurden die drei von dem unglaublich charmanten, multitalentierten Keyboard-Akustickgitarrero JIMMY WAHLSTEEN, PATRICIO CABABEZAS (Bass) und MATS SCHUBERT (Piano, BO KASPERS ORKESTER/ ELVIS COSTELLO). Es war eine Hits-Hits-Hits-Session mit Songs wie ‚On the Ground‘, ‚Someone New‘ der mit HEATHER NOVA aufgenommen wurde und natürlich ‚Tumbling Down‘. Im Gegensatz zu dem letzten Konzert 2002 wirkten ESKOBAR heiter und gelöst und konnten endlich die Spielfreude vermitteln, die sie sonst als introvertierte Bohemiens verweigerten. Zum Dank gab es ein euphorisches Publikum.

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