Bob Seger – I Knew You When

Auf den Cover von I Knew You When ist der junge BOB SEGER am Anfang seiner Karriere ca. 1968 abgebildet. Die Erwartung, es könnte sich daher bei den 13 Songs des Albums um Remakes oder unveröffentlichte Songs aus dieser Zeit handeln, ist aber spätestens nach den ersten vier Takten des ersten Songs zerschlagen.

Wie man es von Seger spätestens seit Mitte der Neunzigerjahre gewohnt ist, peitscht die E-Gitarre und stampft das Schlagzeug heavy und straight durch den Opener „Grace“ – einen Song, der ansonsten eher spärlich instrumentiert ist und nur durch die markant raue Stimme und die Unterstützung des Background-Chors Struktur gewinnt. Das gleiche gilt für gut die Hälfte der Songs auf „I Knew You When“, wobei Seger auch immer wieder Elemente einsetzt, die den ansonsten schnörkellosen Rocksound etwas verwässern. Dazu gehören rhythmische Streicher („The Sea Inside“), Akustik-Gitarren und Piano- oder Keyboard-Passagen („The Highway“, „Forward Into The Past“) und einmal auch die etwas ungewöhnliche Mischung von Steel Drums und Fiddel („Blue Ridge“).

Die andere Hälfte des Albums besteht aus Power-Balladen wie dem Titeltrack, dem in seiner Sentimentalität bisweilen an Tom Waits erinnernden „Marie“ und dem hymnischen „Something More“. Der Song „Glenn Song“, Segers kürzlich verstorbenem Freund und Eagles-Frontmann Glenn Frey gewidmet, ist sicherlich von genuiner Trauer getragen, zeigt aber auch die Ratlosigkeit des Singer-Songwriters, wenn es darum geht, im Affekt zu komponieren: „You were here, now you’re gone and we all keep moving on.“

Besonders hervorzuheben sind noch die beiden Cover-Songs des Albums, mit denen sich Bob Seger einen leisen politischen Protest gegen die momentanen Zuständen in den U.S.A. erlaubt. „Busload of Faith“, im Original von Lou Reed, ist dabei in der musikalischen Umsetzung etwas besser gelungen als das Cover von Leonhard Cohens „Democracy“, aber vor allem ermöglichen es Bob Seger beide Songs vorbildlich, politischen Protest zu artikulieren, ohne selbst dafür das Minenfeld der Begriffsfindung betreten oder gar die Verantwortung der Autorenschaft übernehmen zu müssen.

I Knew You When ist trotz der vermeintlichen inhaltlichen Konfrontation mit tiefgründigen, existentiellen Problemen relativ unbeschwert und bisweilen seicht geraten. Seger stellt unter Beweis, dass es im Rock’n’Roll eher ums Verdrängen geht als um die Verarbeitung von Problemen. Handwerklich ist das Album dafür aber in Sound, Instrumentierung und strukturellem Songwriting einwandfrei und daher besonders für Fans ein Muss. Freunde von innovativen, intellektuellen oder klanglichen Experimenten hingegen lassen lieber die Finger von I Knew You When.

BOB SEGER
I Knew You When
(Capitol)
VÖ: 24.11.2017

www.bobseger.com

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