CHRIS GARNEAU am 01.12.2009 im NBI


Der gestiefelte Knabe.



Der Schnee kommt von unten. In gleichmäßigen Abständen geht ein Rütteln durch den Raum und die weißen Flocken werden aus ihrer bereits begonnenen Versiegung herausgerissen. Silberner Glitzerstoff umrahmt die gekrümmten Wände der umgebenden Kuppel, in deren Mitte man sitzt. Sie leuchtet rot im Glanz. Roter Wein, in dessen Glas sich rotes Licht bricht; rote Bühne, die nun von einem zierlichen, gestiefelten Herrn betreten wird. Staunend wird dieser beobachtet von einem kleinen Jungen, der von seiner Mutter gebettet vor der lauschigen Bühne liegt, die Wangen rot glühend, der geöffnete Mund gewährt der Neugierde Einlass.

Besagte gestiefelte Gestalt hat sich inzwischen vor dem auf der Bühne stehenden Klavier positioniert. Sie ist in heiterer Stimmung, vermutlich eingeflößt durch ein karamell-durchsichtig schimmerndes Getränk, das sich zu Füßen befindet. Karamell, Bonbons, Weihnachtsleckereien, denkt sich der kleine Junge. Schon fallen nicht nur mehr Glitzerschneeflocken, sondern auch Töne in der imaginierten Schneekugel, und ein ausgelassener, junger Mann mit Namen CHRIS GARNEAU stimmt an: einzelne, weiche Töne, die schmeicheln, hell sind, immer aber auch eine charakteristisch latente Heiserkeit beinhalten. Heiserkeit, die eigentlich keine ist. Heiserkeit, die untermalt wird von einem Rhodes-Klavier, das wie aufhellender Glockenspiel-Klang tönt. Glockenspiel-Klang, der Hand in Hand geht mit gesungener Traurigkeit; es ist eine spielerische Melancholie der Eisblumen, erblühend an den Fenstern des am heutigen Abend geschaffenen Dioramas. Märchen, keineswegs kitschig, Schlaflieder, ohne einzuschläfern. Dennoch schließen die mannigfaltigen Eindrücke der Synästhesie nur kurze Zeit später die Äugelein des kleinen Buben; die Kinderfaust ist geballt, ein leicht säuselndes Schnarchen ist zu hören.

Säuselnd könnte man das auf der Bühne hinzutretende Cello nur im positivsten Sinne des Wortes bezeichnen. Seine Spielerin stellt einen greifbaren Kontrast zum beschwingten Hauptprotagonisten dar. Sie ist der gewissenhafte Weihnachtself, darauf bedacht, die Zuckerstangen gleichmäßig auf alle Kinder zu verteilen. Der Sänger isst sie lieber alle selbst, er scherzt, er brüskiert, er schmeichelt, führt immer aus, was ihm gerade in den Sinn kommt. Sein Bühnenstück vergisst er darüber hinaus aber nicht, Bekanntes wird abgewandelt, einzelne Töne stehen für sich, sind durch schmeichelnde Vokalität jedoch immer miteinander verbunden und entwickeln so trotz mancher Zerstreuung des Stiefelmannes etwas Schönes, Ganzes. Er erzählt weiter von Winterweisen, und am Ende muss er für zweimalig geforderte Zugaben sein Glas noch einmal absetzen. Unter Schwärmerei des Publikums schließt er mit einem Cover von Elliot Smiths ‚Between The Bars‘.

Manche folgen GARNEAUS Einladung an die Bar heute nicht, verweilen lieber noch ein wenig in der nachhallenden Skurrilität dieses Abends. Und werden heute Nacht im Dunstschleier ihrer Träume zwischen gewitzten Weihnachtselfen vielleicht einem rotwangigen, kleinen Jungen begegnen, in dessen Augen sich noch immer der Glanz eines bestimmten, grotesken Weihnachtsmärchens spiegelt.

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Autor: [EMAIL=lisa.forster@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Lisa Forster[/EMAIL]

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