CITY – Silberstreif am Horizont

„Jetzt ist hier die Szenemeile, und statt nach Pisse riecht’s nach Geld“… CITYs zartbittere Abrechnung mit der Gegenwart.

CITY sind zweifellos eine der wichtigsten, erfolgreichsten und einflussreichsten Rockbands des Ostens unserer Republik. Alles begann 1972, man nannte sich noch CITY BAND BERLIN und spielte den ersten Gig am 3. Februar 1972 im Köpenicker ”Arthur-Becker-Klub”. Schon 1974, noch bevor TONI KRAHL als Sänger zur Band kam, entstand die Idee zu ‚Am Fenster‘ – ein Hit, der CITY über die Grenzen der damaligen DDR bekannt machte.

CITY gehörte zu den Ostbands, denen das Privileg vergönnt war, im Westen auftreten zu dürfen. Schon 1978 spielten sie erstmals in West-Berlin, im Kant-Kino. Journalist Barry Graves schrieb nach dem Konzert: ”Ein Volltreffer bei dem völlig enthusiastischem Publikum im überfüllten Kant-Kino war der Hit ‚Am Fenster‘, der Schwermütigkeit einer osteuropäischen Volksweise zu geheimnisvollen Lyrikchiffren und einem dynamisch großzügig abgestuften Rock-Beat addierte. Mit dem vielstrapazierten Prädikat „Weltniveau“ darf sich City wahrhaftig schmücken; die Gruppe ist nichts weniger als eine gesamtdeutsche Sensation.” 100.000 mal verkaufte sich die Single ‚Am Fenster‘. In der DDR musste viermal nachgepresst werden.

Nach diversen Umbesetzungen gelang CITY 1987 musikalisch und inhaltlich der ganz große Wurf. Die LP Casablanca erschien: die Texte waren mehr als kontrovers und am Rande des damals Machbaren. Ausdruck dessen waren die am 22.05.1987 in der FDJ-Zeitung ”Junge Welt” erschienene Rezension und der wenige Tage später abgedruckte ”Gegenentwurf” der gleichen Autorin.

1990 gründeten FRITZ PUPPEL und TONI KRAHL ihr eigenes Label: K&P Music. Das großartige Album Keine Angst erschien im selben Jahr, ging aber wie viele Ost-Produktionen im Einheitsrausch unter. Dass die Popularität von CITY jedoch nach wie vor ungebrochen war, bewies die 1992 bei K&P Music herausgegebe Best Of – Scheibe, die sich 130.000 mal verkaufte. 1997 erschien mit Rauchzeichen wiederum eine neue CD. 2002, zum 30. Geburtstag von CITY gab es mit Am Fenster 2 das Jubiläumsalbum. „Kein Remake sondern ein neuer Film“, postuliert KRAHL zu Recht.

So weit, so unvollständig ein kurzer Abriss der Bandgeschichte. Ein Jahr hat CITY am aktuellen Album gearbeitet. Seit dem 27.09.2004 steht nun Silberstreif am Horizont in den Läden.
Was liegt näher, als beim Albumtitel an jenen glanzvollen Hoffnungsschimmer zu denken, von dem bundesdeutsche Politiker immer wieder sprechen. Der Alltag für viele Menschen sieht derzeit jedoch anders aus. Also doch der Rückzug in die nostalgisch verklärte Idylle DDR, wie er allerortens medial omnipräsent überstrapaziert wird? Zum Glück nicht: „Träum ein bisschen weiter. Träum’s dir noch mal schön. Träum’s dir noch mal heiter. Lass es gehn.“, singt KRAHL in ‚Bummiland‘. „Bummiland“ ist abgebrannt, das stellen CITY klar.

Mit ‚Tamara‘ setzen KRAHL & Co. der 1996 verstorbenen TAMARA DANZ (SILLY) musikalisch ein wunderschönes Denkmal. Überhaupt, CITY scheinen auf Silberstreif am Horizont am stärksten, wenn sie textlich die politische Ebene verlassen und sich auf die poetische Kraft der Worte verlassen, wie in ‚Wenn wir schlafen‘ und ‚In Zeiten wie diesen‘.

Musikalisch drücken das Geigenspiel von JORO GOGOW und die sanfte und gleichzeitig markant krächzende Stimme von TONI KRAHL dem Sound von CITY nach wie vor den Stempel auf. Keine Überraschungen hier: Silberstreif am Horizont zeichnet sich durch kraftvollen CITY-typischen Rock aus. Die Texte setzen sich angesichts der aktuellen, leicht hysterischen Ost-West-Diskussion auf angenehmer, weil unaufdringlicher, aber klarer Art und Weise mit der Gegenwart auseinander.

Befindlichkeiten hin oder her, hier singt und rockt eine Band, die nach mehr als 30 Jahren Bandgeschichte immer noch etwas zu sagen hat. Danke dafür.

CITY
Silberstreif am Horizont
(Amiga/ BMG)
veröffentlicht

http://www.city-internet.de
http://www.amiga-musik.de

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