COCOROSIE – Grey Oceans


Never judge a record by its cover.



Liebe CocoRosie, was hat euch nur bei der Gestaltung eures Album-Covers geritten? Das ist hier die Gretchenfrage, die sich vorab unweigerlich stellt, sobald man das neue Werk Grey Oceans in den Händen hält.
Dass Bianca und Sierra Casady ein ausgeprägtes Faible für Extravaganz mit dem bewussten Hang zur Provokation besitzen (man erinnere sich beispielsweise zurück an kopulierende Einhörner auf Noah’s Ark), ist man von Coco und Rosie, so die Spitznamen der beiden von Kindheit an, längst gewohnt. Ein Charakteristikum, für das Fans die beiden Schwestern schätzen und lieben. Befremdlich ist allerdings der Mut zu unästhetischer Geschmacklosigkeit, den COCOROSIE neuerdings an den Tag legen. Gäbe es die Goldene Himbeere für Plattencover, Grey Oceans wäre mit seinem Artwork, das aussieht, als tobe sich ein 12-jähriges Kind zum ersten Mail mit Photoshop aus, heißester Anwärter.

Aber man soll keine voreiligen Schlüsse ziehen, weniger oberflächlich sein und tiefer eintauchen in das vierte Studioalbum COCOROSIES, erschienen am 30. April 2010 bei Souterrain Transmissions.
Eingeleitet wird Grey Oceans mit ‚Trinity’s Crying‘, einem Klagelied ähnlichen Stück, das anfangs eine unbehagliche Atmosphäre erzeugt. Trinität, sprich Dreifaltigkeit, bezeichnet auch das maßgebliche Stichwort des neuen Albums: Gaël Rakotondrabe, bereits langjähriger musikalischer Wegbegleiter COCOROSIES, lautet der Name des nun offiziellen dritten Bandmitgliedes. Zwar wirkte Rakotondrabe bis dato bereits sowohl auf als auch neben der Bühne kreativ bei ihnen mit, wurde bei Grey Oceans jedoch erstmalig zusätzlich ins Schreiben der Texte integriert und im Laufe des Schaffensprozesses zum Dritten im Bunde erkoren.

Rakotondrabe, erfolgreicher Jazz-Pianist aus Paris, bereichert Grey Oceans durch sein beschwingt kraftvolles, klares Spiel auf dem Klavier und unterstreicht die insgesamt elf Lieder an genau den passenden Stellen mit äußerst gefühlvollem, melancholisch anmutendem Anschlag. Insbesondere ‚The Moon asked the Crow‘ ist ein Paradebeispiel für das gelungene Zusammenspiel von COCOROSIE und Rakotondrabe : Nach feinster CocoRosie-Experimentierfreude gesellt sich das virtuose Klavierspiel gekonnt zu Bianca Casadys markantem Sprechgesang in Verbindung mit HipHop-lastigen Beats.

Während auf La maison de mon rêve (2004), Noah’s Ark (2005) und The Adventures Of Ghosthorse And Stillborn (2007) Lo-Fi mäßig jegliche Gegenstände zum Instrument umfunktioniert und Tierlaute als Tonquelle genutzt wurden, bedient man sich in gewohnter CocoRosie-Manier auch auf Grey Oceans einer großen Geräuschkulisse und bemerkenswert breiten Palette an Instrumenten, lässt elektronische Rhythmen und Synthesizer, wie beispielsweise bei ‚Fairy Paradise‘, miteinfließen. Mit Streichern und Bläsern untermalt, besticht besonders das beschauliche Stück ‚Lemonade‘ durch seine Schönheit und lässt die Stimmfertigkeit von Sierra Casady, ihres Zeichens ausgebildete Opernsängerin, klangvoll zum Vorschein kommen.

Allerdings macht es den Anschein, als unterscheide sich Grey Oceans im Vergleich zu den bisherigen Veröffentlichungen in einem Punkt: Langsam scheinen sich COCOROSIE von ihren alten Traditionen zu lösen, jedoch nicht, ohne ihre Wurzeln dabei zu vergessen. Während die Vorgänger einem großen, im Nimmerland gelegenen Spielplatz gleichen, auf dem sich COCOROSIE kreativ und versonnen ausleben, scheint Grey Oceans im Gegensatz zu seinen Vorgängern mit gewissem Ernst und Schwermut behaftet. Zwar demonstrieren sie beispielsweise mit dem beschwingten ‚Hopscotch‘, dass sie noch immer auf der Sonnenseite des Lebens stehen (und wüsste man es nicht besser, so könnte man annehmen, dass das leichtfüßige Flötenspiel von Peter Pan höchstpersönlich stammt); dennoch wirken gedrückte Lieder wie ‚Undertaker‘ und ‚Gallows‘ oder das spirituelle ‚Smokey Taboo‘ äußerst bedacht und elegisch.

Gewollt bewegt sich Grey Oceans zwischen diesen zwei Erfahrenswelten und spielt von Lied zu Lied bewusst mit diesem Dualismus. Grey Oceans erweckt somit den Eindruck, als sei es das bislang durchdachteste Album, das COCOROSIE kreiert haben, ohne seine Wegbereiter in den Schatten stellen zu wollen. Ganz im Gegenteil: Wie seine Vorgänger sprudelt auch das facettenreiche Grey Oceans vor Ideenreichtum förmlich über, fungiert als Ventil der Realitätsflucht. Abermals wird Einblick gewährt in COCOROSIES ganz eigene, fantasievolle und abgehobene Märchenwelt und der Zuhörer dazu eingeladen, sich von ihrer Musik ins ferne CocoRosieland tragen zu lassen.

COCOROSIE
Grey Oceans
(Souterrain Transmissions/ Rough Trade)
VÖ: 30.04.2010

www.myspace.com/cocorosie
www.cocorosieland.com

Autor: [EMAIL=veronique.homann@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Veronique Homann[/EMAIL]

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