CONOR OBERST – Conor Oberst


„El cielo es azul!“



Obwohl als Solo-Album (das erste in 13 Jahren) angekündigt, ist CONOR OBERST neuestes Werk in Wirklichkeit eine ziemliche Gruppenangelegenheit. THE MYSTIC VALLEY BAND (bestehend aus Tourmusikern und alteingesessenen BRIGHT EYES-Mitstreitern) steuert beachtlich zu einer Platte bei, die doch ziemlich weit entfernt von den Schlüsselkompetenzen dieser Band steht – lange Intros werden gemieden und auch der Input von einem gewissen MIKE MOGIS fehlt hier.

Das selbstbetitelte Album wurde Anfang dieses Jahres irgendwo bei Tepoztlán, México aufgenommen, als bewusste Reaktion auf die große Multistudio-Produktion von Cassadaga. Ungeachtet der Tatsache, dass die Platte wohl nicht jedem gefallen wird, ist der Schöpfer offensichtlich glücklich mit dem Ergebnis.

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„Oh oh oh brother totempole / I saw your legends lined up /
And I never felt more natural / Apart, I just came apart“
(‚Cape Canaveral‘)
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Ein behutsames Zupfen getränkt mit überlegter Lyrik und feiner Symbolik – es entsteht der Eindruck, dass sich OBERST deutlich wohler mit sich fühlt als bei früheren Vorstellungen. Die Ruhe, aus der Conor Oberst geboren wurde, sickert aus der gemächlichen, aber starken Ode an die geheimnisvollen Motive und fordert das gefestigte Cassadega heraus. Die Nachfolger, ‚Sausalito‘ und ‚Get-Well-Cards‘, überzeugen anfänglich nicht genauso stark wie ‚Cape Canaveral‘. Sie sind im Ton ähnlich geruhsam und offenbaren THE MYSTIC VALLEY BAND mit verfeinerter Manier und schwungvoll wie Folkrockbands der Vergangenheit: hier ist CONOR OBERST also mehr denn je im Modus der „klassischen nordamerikanischen Band“, wenn auch nicht durchgehend. So fällt der nächste Höhepunkt weit sparsamer aus, ‚Lenders In The Temple‘ ruht auf einer skelettösen, guitar- picking-Spur. Die Angst, die so oft mit OBERST in Verbindung gebracht wurde, kriecht spürbar zurück zwischen die Noten. Das trifft auf die abgerupfte Songstruktur ebenso zu wie auf die leicht vorantreibende Orgel, die heimsuchenden Backingvocals und letztlich auch ganz unverhohlen auf die Lyrics, die sich wie beim Opener, mehr als sonst zum Verborgenen und Surrealen verschieben.

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„They don’t let you smoke and you can’t get drunk /
All there are to watch is these soap operas /
I don’t want to die in this hospital / You gotta take me back outside“
(‚I Don’t Want To Die In The Hospital‘)
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Zur Mitte des Albums findet man den Schlüssel zum Songwriter – eingewickelt in einem Honkey-Tonk Piano-Geschenk von NICK WALCOTT. ‚I Don’t Wanna Die In The Hospital‘ ist ein bluesiger, eindringlicher und herrlicher Stoß von einem Lied, das die Misere des an das Bett gebundenen Erzählers beschreibt, als er Fluchtpläne ausheckt. CONOR OBERST und seine Band haben offensichtlich den größten Spaß bei dieser Nummer, die mit so frischem schwarzem Humor daherkommt. Eben besonders, wenn man sich an das letzte Mal erinnert, als er sich in ‚Lifted’s‘ unter anderen Umständen in einem Krankenhausbett befand: „in reliefs… sheets and tubes all tangled / weak from whisky ans pills“. Die augenscheinliche Entwicklung zwischen den beiden Krankenhaussongs ist bedeutend und aufschlussreich, kommt sie in den folgenden Songs in Variationen wieder vor.

Der Gipfel ist mit ‚Eagle On A Pole‘ fast erreicht. Die Band spielt in glänzender Form, die Drums sind großzügig ausgelegt und die Lyrics von noch undurchsichtigerer Mehrdeutigkeit. OBERST hängt vergangenen, einfacheren Zeiten nach, die der Gewissheit über die gegenwärtige Unzufriedenheit entgegenstehen. ‚NYC – Gone, Gone‘ orientiert sich dann wieder an vorangegangene Stücke, ein stampfendes Riff schmilzt zu einem Marching-Band-Gesang, explodiert mit freudiger Hingabe und ist höchstens verlegen wegen der knappen Abspielzeit.

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„There’s nothing that the road cannot heal“
(‚Moab‘)
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Das zuvor Beschriebene ist auch hier maßgeblich. Im Refrain liegt dieses Mantra, welches für die ganze Platte steht, vielleicht auch für OBERSTs Gesamtwerk. Ausbruch, sich Erheben sind Motive die „on the Road“ liegen. Umherwandern und Rastlosigkeit formen seinen Sound oft buchstäblich (‚June On The West Coast‘, ‚Another Travelin’ Song’… ‚NYC – Gone, Gone‘). Das vorletzte ‚Souled Out!!!‘ („You won’t be getting / All souled out, in heaven!“) verbindet lärmende Tendenzen mit einer treibenden Melodie und einem losen, krachenden Höhepunkt.

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„I’m not pretending / That it’s all okay /
Just let me have my coffee / Before you take away the day“
(‚Milk Thistle‘)
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Das Album schließt mit ‚Milk Thistle‘, ein Zeugnis von solch sehnsüchtiger, reflektierender Schönheit, dass es den Atem raubt und glühend an das außerordentliche Talent erinnert, dass CONOR OBERST in sich trägt – eine Tatsache, auf die die anderen Songs wild gestikulierend hinweisen, aber nie so offensichtlich festnageln. Die „Milk Thistle“ – zu Deutsch: Mariendistel – ist passenderweise eine Pflanze, der heilende Wirkung zugesprochen wird, wie der lindernde, bestärkende Klang des Songs, dem diese Pflanze ihren Namen lieh. Die Linderung wird getragen von nichts weiterem als einer Akustikgitarre und einer Bassspur. Themen wie Sterblichkeit und Gewissen, die OBERSTs Karriere lange durchzogen haben, werden ergründet (in der oben stehenden Passage sieht er sich einer Tageszeitung gegenüber, die seinen „Kuss“ zurückweist und ihm zur Vergeltung die Augen aussticht). Noch immer beschäftigt man sich mit den großen Fragen der Welt, noch immer ist man auf der Suche, wenn auch mit den Jahren gemäßigter. Das sich einbrennende Bild eines weinenden Säuglings am Grund eines Schachts („If I go to heaven / I’ll be bored as hell / like a crying baby/ at the bottom of a well“) ist streitbar, provokant und bewegend wie alles, was er bisher veröffentlicht hat und so ist auch der Song per se.

Diese Platte ein bündiges Werk, fein und ehrlich. Sie ist wachrufend, inspirierend und durchweg Freude bereitend.
Conor Oberst ist der Sound eines Musikers und Songschreibers, der selbstbewusst und im Reinen mit seinem Handwerk ist. Es ist weniger ein „Fuß vom Gas nehmen“ als mehr in eine angenehme Geschwindigkeit hinüber zu gleiten. Und offen gesagt, wenn die Qualität dermaßen hoch bleibt, bleibt nichts, um das man sich sorgen müsste.

CONOR OBERST am 15.09.08 live in Berlin/ ColumbiaClub

CONOR OBERST
Conor Oberst
(Wichita/ Cooperative Music/ Universal)
VÖ: 01.08.2008

www.conoroberst.com
www.myspace.com/conoroberst
www.wichita-recordings.com

Autor: [EMAIL=alexandra.wolf@popmonitor.de?Subject=Kontakt von der Website]Alexandra Wolf[/EMAIL]

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