COWBOY JUNKIES am 06.06.2004 in der Passionskirche

Zurück in der Kirche… Alles begann ja bekanntlich vor vielen Jahren in einer Kirche in Toronto, und an diesem Abend sollte es also wieder eine Kirche sein. Wie schon einige Jahre zuvor, gastierten die COWBOY JUNKIES in der Passionskirche am Marheinekeplatz in Kreuzberg, erprobte Lokalität für ganz besondere Auftritte.
In jener ‚Church of the Holy Trinity‘ in Kanada hatte die Band um die TIMMINS-Geschwister 1988 ja die legendäre Trinity Session mit minimalem finanziellen Aufwand und nur einem Aufnahmemikrophon eingespielt. Der dort entstandene atmosphärisch dichte Sound sowie das melancholisch-schöne Songwriting von MICHAEL TIMMINS sorgte für den Durchbruch der Band und ließ Fans und Kitiker in Verzückung geraten. Mit der trancehaft-schleppenden Coverversion von Lou Reeds Klassiker ‚Sweet Jane‘ gelang ihnen dann sogar ein kleiner Kulthit, nicht zuletzt deshalb, weil diese außergewöhnliche Interpretation auf dem Natural Born Killers-Soundtrack erschien.

Seitdem haben die COWBOY JUNKIES in schöner Regelmäßigkeit insgesamt neun angenehm unaufgeregte Studioalben nebst diverser Liveveröffentlichungen und weiterer Side-Projekten aufgenommen. Diese langten zwar nicht ganz an die herausragende Qualität der Trinity Session heran, lieferten jedoch jedes Mal diesen unverwechselbar zurückgenommenen Sound, mal mehr von Folk, Country und Blues, mal mehr von Alternative Rock geprägt, doch enthielten sie natürlich immer wieder die eine oder andere zu entdeckende Songperle. Insbesondere die einmaligen Coverversionen waren immer ein besonderes Ereignis, so auch auf der aktuellen CD One Soul Now mit einer gänzlich aus Coverversionen bestehenden 5-Track-Bonus-CD. Ihre Einflüsse bzw. ihr musikalischer Background zeigten sich von jeher besonders in der exklusiven Auswahl der Coversongs: Viel Neil Young und Bruce Springsteen, alte Blues-Legenden, Grateful Dead, Townes van Zandt (persönlicher Freund und Begleiter der Band), aber auch Dinosaur Jr. und zuletzt sogar The Cure (‚Seventeen Seconds‘).

So ging man voll freudiger Erwartung zu diesem Konzert mit dem Gefühl, alte Freunde wiederzutreffen, die einen jahrelang musikalisch begleitet haben. Die leicht überfüllte Passionskirche bot nun auch den perfekten Rahmen für dieses außergewöhnliche Konzert. Es versammelte sich trotz saftiger 29 Euro Abendkasse die treue Fangemeinde, meist leicht intellektuelle Mittdreißiger, jedoch auch ein nicht unerheblicher Anteil von Besuchern, die man einerseits auf einem Independent-, andererseits doch eher auf einem Bob Dylan-Konzert erwartet hätte.
Wohl inspiriert von der sakralen Atmosphäre der Spielstätte begann MARGO TIMMINS mit ihrer glasklaren hypnotischen Stimme überpünktlich um genau acht Uhr a capella mit ‚Mining For Gold‘ und ließ gleich mit ‚Misguided Angel‘ auch noch das zweite Lied der Trinity Session folgen. Dies alles sehr entspannt im Sitzen und in akustischer Besetzung. Nach einem kleinen Ausflug durch das neue Album One Soul Now sowie die vorletzte Platte Open wurde auch schon eine kleine Pause angekündigt. Da der Tourbus wohl beschädigt war, nutzten Schlagzeuger PETER TIMMINS sowie der beim Auftritt so gut wie nie lächelnde Bassist diese tatsächlich zur Reparatur desselben (einer hielt angeblich den Bus hoch, der andere lag drunter und schraubte…). Der kaputte Bus, mit dem nach dem Gig noch nach Amsterdam gefahren werden sollte, entwickelte sich dann auch rasch zum Runninggag für die zwischendurch angeregt mit dem Publikum plaudernde MARGO – sehr sympathisch…

Nach der Zigarettenpause ging es dann weiter in voller Bandbesetzung; und da war er dann, dieser Gänsehaut produzierende, unverwechselbare Sound mit den schleppenden, dunkel-dräuenden Bassläufen, dem wehmütigen Akkordeon, der klagenden Mundharmonika und natürlich über allem schwebend der hypnotischen, einzigartigen Stimme von MARGO. Immer noch angenehm zurückhaltend und jeder aufdringlichen Rock-Pose entsagend, wurden – weiter im Sitzen – aufregende Gitarrenfeedbacks und -soli eingefügt. Anstatt Bier oder andere für den Rock-Zirkus typische Alkoholika zu sich zu nehmen, schlürfte MARGO zwischendrin immer schön brav an derselben Teetasse, während um sie herum die Band psychedelisch-ausufernde Soundstrukturen kreierte.
Statt Sex, Drugs and Rock’n’Roll herrschte eine angenehm familiär-vertraute Atmosphäre – mit der Midlife Crisis und der aufkommenden Altersdepression wurde dann auch gerne ironisch kokettiert. Von der angeblichen Müdigkeit nach sieben Konzerten hintereinander war dennoch nicht viel bei der schlafwandlerisch sicher zusammenspielenden Band zu merken…
So folgte eine Auswahl vornehmlich neuerer Songs mit eingestreuten Klassikern vor andächtig und aufmerksam lauschendem Publikum. In den von den Zuhörern geforderten zwei Zugaben kamen dann endlich auch ein paar der lang erwarteten Coverversionen zum Zug. Nach einer wunderschön-traurigen ‚Powderfinger‘-Interpretation (Neil Young) verließen dann durchweg zufriedene und beglückte Fans dieses unglaublich entspannte Konzert und strömten nach einer Netto-Spielzeit von ca. zwei Stunden in die laue Sommernacht Kreuzbergs.
Die COWBOY JUNKIES hingegen mussten sich wohl beeilen und sich – vom Publikum mitfühlend bedauert – zu Fuß Richtung Amsterdam aufmachen. Wird dann doch eher der Zug gewesen sein…

Gastautor: Thomas Weipert

http://www.cowboyjunkies.com

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