DINOSAUR JR. am 13.06.2005 im Postbahnhof


Songs waren Nebensache: Ohrenbetäubender Sound und entfesselte Gitarrensoli beim Comeback der Indierock-Ikonen um J. MASCIS.



Mit den ersten drei Alben – dem selbstbetitelten Debüt, You’re Living All Over Me und Bug – setzte die Band um den immer herrlich lethargisch daherkommenden J. MASCIS mit einem wilden Gemisch aus Punk, Grunge und Indierock Maßstäbe, bevor seine beiden Mitstreiter MURPH und LOU BARLOW (später Sebadoh) nicht ganz freiwillig ausschieden und MASCIS bis ’97 noch weitere Alben unter dem Bandnamen veröffentlichte.

Anlässlich der Neuauflage der ersten drei Alben nun also die überraschende, wie aus dem Nichts kommende gemeinsame Rückkehr der einstigen Streithähne, was allein schon deshalb verwundert, weil LOU BARLOW ja eigentlich mit seiner Band Sebadoh und weiteren Soloprojekten ziemlich ausgelastet sein dürfte und bei DINOSAUR JR. nun freiwilig wieder ins zweite Glied rückt und ganz klar im Schatten von J. MASCIS steht.
Im Vorfeld war dann auch zu vernehmen, dass es nach wie vor nicht besonders gut um die Band-Chemie bestellt sein soll, doch davon sollte beim Gig im so gut wie ausverkauften Postbahnhof absolut nichts zu spüren sein, im Gegenteil, das Trio schien sich – zumindest auf der Bühne – nicht nur musikalisch bestens zu verstehen.

„Zurück in die Vergangenheit“ lautete also mal wieder das Motto, wie dieser Tage bei so vielen wiederauferstandenen, für die sich Mitte/Ende der 80er Jahre sozialisierende Generation mit einem einigermaßen intakten Musikgeschmack wichtigen Bands, und so bestand das Publikum dann auch überwiegend aus zahlreichen Thirty Somethings inklusive einiger MASCIS-Lookalikes.
Dieser ließ mit altbekannter langer, inzwischen grauer Mähne und dezentem Bauchansatz in bekannt unaufgeregter, aber umso virtuoserer Fingerfertigkeit vor vier riesigen Marshal-Amps ein Gitarren-Inferno der schonungsloseren Art auf die darauf unvorbereiteten Fans los, denn anders ließ sich das mühelose Vordringen in die ersten Reihen wohl kaum erklären, als dass die meisten ihre Ohropax mal wieder zu Hause gelassen hatten und sich angesichts dieses funkensprühenden, ohrenbetäubenden Sounds eher in hintere Regionen begaben, was aber den brachialen Lausch(er)angriff nicht wesentlich abmildern sollte.
Solch einen fulminanten Auftritt hatte man von der Band, die sich samt Drummer MURPH weit vorne an den Bühnenrand platziert hatte, wohl auch früher eher selten gesehen.

Wie das dann aber so ist, im Moment der überspringenden Magie und des gierigen Aufsaugens länger nicht mehr gehörter Klassiker des Indierocks ignorierte man den gesundheitsgefährdenden Angriff auf den ganzen Körper, setzte diesen in positive Energie um, bestaunte irgendwie ungläubig die Legenden auf der Bühne und bewunderte in erster Linie die atemberaubenden Gitarrensoli von J. MASCIS, der es wie kaum ein zweiter im riesigen Indierock-Universum versteht, eben diesen ihre Daseinsberechtigung zurückzugeben, so unglaublich entfesselt entlockte er seiner Gitarre ihre für den spezifischen DINOSAUR JR.-Sound so wichtigen, messerscharf-melodiösen Töne. Dabei begleitete er sich mit mächtig verzerrten, weiter im Raum verweilenden Rhythmusakkorden quasi selbst und konnte sich sogar relativ leicht mit seiner ja auch nicht gerade voluminösen Nöl-Stimme gegen diesen Lärmorkan durchsetzen, während Bassist LOU BARLOW bei seinen (meist Background-) Vocal-Einsätzen doch eher der Part des Shouters vorbehalten blieb.

Dass angesichts eines solchen Sounds die Differenzierbarkeit der Songs (fast ausschließlich von den ersten drei Alben) ein wenig auf der Strecke blieb, versteht sich da von selbst, doch Fans der ersten Stunde erkannten natürlich auch durch diesen manchmal schon irrwitzig anmutenden, gleichzeitig aber auch jederzeit faszinierenden Soundorkan hindurch göttliche, länger nicht mehr gehörte Klassiker wie den Opener ‚In A Jar‘, ‚No Bones‘, natürlich ‚Freakscene‘ oder später im Zugabenblock die Cure-Coverversion ‚Just Like Heaven‘.

J. MASCIS hob nach der letzten Zugabe in seiner unnachahmlichen Art mit schläfrigem Blick kurz die Hand, nachdem er bereits den Gig über die Attitüde des gelangweilten und verschrobenen Außenseiter-Nerds auch im Gestus gegenüber den Fans mit seltenem, nuscheligem Dank („Thanks a lot“) und einem kurzen Gruß an seine in Berlin ansässigen Schwiegereltern perfekt weiter kultiviert hatte.
Ein atemberaubender und trotz eines gelegentlich fast schon körperliche Schmerzen bereitenden Sounds in jeder Hinsicht beeindruckender Gig. Fortsetzung folgt… vielleicht.

www.jmascis.com
www.loft.de

Autor: [EMAIL=thomas.stern@b-i-b.de?Subject=Kontakt von der Website]Thomas Stern[/EMAIL]

Facebooktwittergoogle_pluspinterestlinkedintumblrmailFacebooktwittergoogle_pluspinterestlinkedintumblrmail