Ethel Cain – Willoughby Tucker, I’ll Always Love You …

Ehrfurchtgebietend, ja geradezu einschüchternd sind die voluminösen Alben von ETHEL CAIN. Platten mit schwer verdaulichen Inhalten, die manchen als Offenbarungen erscheinen, sind für andere zu zähe Brocken. Erst Anfang des Jahres verstörte Cain mit der Ambient-LP Perverts und holt nun ihre zartere Seite mit Willoughby Tucker, I’ll Always Love You … nach, einem Denkmal für die erste große Liebe.

Jener Willoughby Tucker dürfte derjenige sein, der schon in  „A House in Nebraska“ besungen wurde. Entsprechend kann das vorliegende Album als Prequel zum Familienepos Preacher’s Daughter gehört werden. Inwieweit Ethel Cain als Kunstfigur biografisch ist, weiß HAYDEN ANHEDÖNIA allein. Und wen zeigt das vollkommen abgewandte Portrait auf dem Coverbild?

Den Anfang macht der tieftraurige Lovesong „Janie“, ein Sadcore über eine unglückliche Dreiecksbeziehung. Der zweite Satz des Songs und Albums ist „I wanna die in this room.“ Da ist wieder Ethels wunderschöner Gesang, für den man sie anfangs oft mit LANA DEL REY verglich.

Es folgt wie in einem Drama das Thema für ihren Liebsten als Pianomelodie („Willoughby’s Theme“). Nun sind Willoughby und Tucker eher Familiennamen, wobei Tucker auch als Vorname gebraucht wird. War er ein geheimnisvoller, stiller Bekannter? Wurde die Liebe für ihn am Ende gefährlich? So löst sich doch die Klaviermusik am Ende in bedrohlichen Ambient auf.

Eingetaucht in die Geschichte erklingt idyllischer, fast kitschiger Americana mit Countrygitarre und Violinen. Das grausame Schicksal, denjenigen zu verlieren, mit dem man aufgewachsen und das Lieben gelernt hat, wird betrübt im achtminütigen „Nettles“ erzählt: „Tell me all the time, not to worry and think of all the time I’ll have with you. When I won’t wake up on my own, held close all the time, knowin‘ I’m half of you.“ Es ist jenes Lebensgefühl, das Leonard Shelby aus Memento (2000) beschreibt: Ständig aufzuwachen noch im Traum, der andere sei noch da und dann die Wahrheit zu realisieren. Das wird wie immer akkurat und gefühlvoll von Ethel vorgetragen.

Dann wieder der Sadcore, der sich gegen Ende ins Rockige steigert: „Dust Bowl“ beruht auf „Stars Will Fall“ der Indieband DUSTER, deren Mitglieder CANAAN DOVE AMBER und CLAY PARTON auch mitspielen. Der Song beschreibt jenen Liebsten, wie Ethel ihn im Gedächtnis behalten will: „Pretty boy, natural blood-stained blond with the holes in his sneakers and his eyes all over me.“ In diesem Jungen steckt ebenfalls die amerikanische Geschichte. Wie Ethel ein Produkt der Freikirchen ist, ist er das des Vietnamkriegs: „Cooking our brains, smoking that shit your daddy smoked in Vietnam. You’d be a writer, if he didn’t leave all his hell for you.“ Es sollen viele Soldaten in die USA zurückgekehrt, doch im Kopf noch im Krieg verblieben sein, was sie dann an ihrer Familie ausließen.

Noch zarter sind Gesang und Gitarre im Singer/Songwriter „A Knock At The Door“. Die tödliche Krankheit naht für den Liebsten. Und in „Tempest“ tritt offenbar der Tod nach ewigem Warten im Krankenhaus ein. Dieser letzter Gang ist für Angehörige der Schwerste. Spannend ist dieser Track, weil er den Ambientpop mit Schlagzeug zu einem epischen Titel weiterentwickelt. „Waco, Texas“ ist ein elend langsamer, 15minütiger Sadcore-Abschluss. Während SOPOR AETERNUS gern den Liebsten vom Leiden erlöst hätte („Sieh‘, mein Geliebter, hier hab‘ ich Gift“), würde Ethel gern mit ihm tauschen: „I hope I die today.“ Oder hat er sie einfach verlassen?

Donnerwetter, was ist das wieder für ein Monstrum von Album? Es hat nichts mit dem üblichen Pop der US-Charts zu tun. Dieses Niveau zu halten, wird schwer.

ETHEL CAIN
Willoughby Tucker, I’ll Always Love You …
(Daughters of Cain/AWAL)
VÖ: 08.08.2025

www.daughtersofcain.com

Live

21.10.25 Köln, Carlswerk Victoria
23.10.25 Berlin, Tempodrom
24.10.25 Hamburg, Docks

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